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in Einklang zu bringen, und die theils aus einem „un-vollkommenen Auffassen der okkulten Thatsachen, theilsaus ungenügender Kenntniß der philosophischen Literaturder Kirche entstehen".
Wir glauben nun allerdings nicht, daß es ihm ge-lungen ist, diese Schwierigkeiten zu lösen, zumal einigeAeußerungen über Origencs und Dionysius den Areo-pagiten wohl kaum als genügende und anzuerkennendeBereicherung letzterer Kenntniß betrachtet werden können.Immerhin waren aber seine Beiträge zur Unterscheidungwahrer und falscher Gnosis in anderem Sinne für unsvon Interesse, insofern manche „Enthüllungen" über dieGeschichte der neueren Theosophie und nebenbei manchekritische Bemerkungen über dieselbe in seinem Werke zufinden sind, welche zur Aufklärung beitragen können.
„Die theosophische Bewcgnng oder das Wieder-aufleben der Gnostik (!) ist nach Harrisons Ansicht einesehr merkwürdige und verdient, ernst genommen zu werden.Man kann sie nicht mit einigen wohlfeilen Spöttereienüber ,koot-IIooinU oder ,Bringungen von Theetassen'abthun." Letztere Worte beziehen sich auf eine Er-zählung des Mr. Sinnet in „Ifis Oaoalk liVorlä«(London , 1884, TrübnerLOo,, 4. Anst. S. 47), derzufolgeMine. Blavatsky gelegentlich eines im Walde abgehaltenenPicknicks den angeblichen „Apport" einer vergessenen Thee-tasse durch okkulte Kräfte veranlaßte. Schade nur, daßsie nicht mehr Damen in ihren Künsten unterrichtete;fie hätte gewiß dankbare Schülerinnen gefunden.
„Die Anzahl ihrer Anhänger kann," Wie Harrisonferner ausführt, „nicht zur Genüge aus Gründen mensch-licher Leichtgläubigkeit erklärt werden." „Die Leute mögenin der Mehrzahl Narren sein oder nicht, aber die Reihender Theosophen werden nicht aus der Mehrheit oder demnicht denkenden Theil der Gesellschaft rekrntirt. Diegroße Kraft der Theosophie liegt darin, daß sie ein zu-sammenhängendes System ist. Sie ist eine Kosmogonie,eine Philosophie und eine Religion. Sie beansprucht,den Schlüssel zu bisher unlösbar gehaltenen Problemendes Lebens und des Geistes zu besitzen, den religiösenInstinkt im Menschen zu erklären und nach dem Ent-wicklungsgesetze die verschiedenen Formen zu deuten, inwelchen derselbe bei verschiedenen Menschenrassen und zuverschiedenen Zeitabschnitten der Weltgeschichte Ausdruckfindet."
Harrison bespricht nun die wachsende Abneigunggegen den Materialismus und das allmähliche Freiwerdenaus den Fesseln wissenschaftlicher Traditionen. Ueberdiesaber weist er auf die angeblich wachsende Tendenz nachkirchlicher Freiheit hin und sagt etwas vorn Widerwillengegen die „nichtswürdige Gesetzlichkeit der lateinischenTheologie"; indem er zugleich seine Hoffnungen hinsicht-lich des Wiederauflebens des origenistischen Gedankensausspricht, der seit Kaiser Justinian verdammt wurde,während der „christliche Gedanke in die eisernen Bandeder Lehre des hl. Augnstin geschlagen wurde".(!)
Der anglikanisch - katholisch - gnostisch - origenistisch - ok-kultistische Autor findet ferner, daß Frau Blavatzky be-müht war, der katholischen Kirche eine Rivalin in derTheosophischen Gesellschaft zn geben, und behauptet nunvorerst, daß Frau Blavatsky , wie man zu glauben Ur-sache habe, die wahren Quellen ihrer Eingebungengrößtentheils selbst nicht kannte und ein Werkzeug in denHänden nicht gewissenhafter Personen war, welche ihremerkwürdigen Gaben zu selbstischen Zwecken ausbeuteten.Wenn mehr über die Art des Kampfes bekannt werden
sollte, der um ihre unglückselige Persönlichkeit Hennawüthete, würde sie so betrachtet werden, als sei an ihrmehr gesündigt worden, als sie selbst sündigte.
Trotz ihres vielumfassenden („der Himmel weißwoher, doch beinahe sicherlich nicht aus Thibet erlangten")Wissens habe sie übrigens manchmal eine außerordentlicheUnwissenheit an den Tag gelegt, welche ohne die Unter-stellung absichtlicher Täuschung der Uneingeweihten schwererklärlich sei. Auch ihre Geheimlehre sei äußerst mangel-haft, sowohl in Bezug auf ihre Anthropogenesis wie ausihre Kosmogenesis, namentlich auf letztere, und dabei vonihrer Persönlichkeit in einem Grade tendenziös gefärbt,daß deren wissenschaftlicher Werth ernstlich in Frage stehe.Füge man noch hinzu ihr leidenschaftliches Schelten, dieVerdrehung von Thatsachen , wenn diese nicht in ihreTheorien hineinpassen, und ihren parteilichen Eifer zuGunsten aller und jeder nichtchristlichen Religionssysteme,— mit einziger Ausnahme des Judenthums —, so ver-binde sich Alles, um sie zn einem sehr unsicheren Führerzu höherem Wissen zu machen. Diesen recht bedenklichenBehauptungen über die moderne Theosophiu reiht Harrisonnach längeren Erörterungen über Offenbarung im All-gemeinen und das Verhältniß von christlicher und „heid-nischer Offenbarung" noch eine Anzahl von Schlüssen an,zu denen er nach genauerer Prüfung des Systems derMme. Blavatsky gelangt ist. Wir glauben, daß ähnlicheSchlußfolgerungen auch von andern bereits gezogenworden sind.
Er findet, daß die neue Theosophie, „so hoch-interessant und bedeutend sie auch voin wissenschaftlichenStandpunkte aus sein mag", ethischen Zwecken nicht an-gepaßt ist. Als Kosmogonie ist sie aber für ihn, „trotzihrer Fehler, ein werthvoller Beitrag zur Geheimwissen-schaft". „Jeder europäische Okkultist muß anerkennen,daß sie der Forschung weite Strecken bis' jetzt unbekanntenGebietes eröffnet hat."
Als Philosophie läßt sie seiner Ansicht zufolge vielzu wünschen übrig, da sie keinen Versuch macht, dasProblem des freien Willens zu lösen, welcher die eigent-liche Wesenheit der Persönlichkeit ist. Sie sei zu fa-talistisch. Ferner fehle ihr, als Religion betrachtet, dieAntriebskraft, da sie kein Material zur Begründung desAltruismus liefere, auf welchen die Theosophie so strengedringe. „Ein Glauben an Karnia und Reinkarnationkann im besten Fall nur einen selbstsüchtigen Beweggrund,Gutes zu thun, abgeben und im schlimmsten Fall jedesindividuelle Bestreben lähmen. Der Altruismus kannniemals etwas Anderes als ein starres Dogma sein,wenn er nur eine Nützlichkeitsgrnndlage hat. Mit anderenWorten, der Glaube an die Verbrüderung der Menschenist vom Glauben an dse Vaterschaft Gottes untrennbar,welch letztere von den Theosophen, als mit der Un-persönlichkeit unvereinbar, geläugnet wird, die, wie siesagen, für den Begriff eines göttlichen Wesens wesentlichist. Doch dies Läugnen ist für den Anspruch der heutigenTheosophie, die „Alte Weisheits-Religion" vorzustellen,verhäugnißvoll; denn keine jemals bestehende Religionlehrte den Unsinn eines unpersönlichen Gottes. Selbstder Positivismus, jenes Frankenstein'sche Ungeheuer einermaterialistischen Philosophie, bekennt den Glauben aneine schattenhafte Persönlichkeit, die der mittleren Kraftder Totalsumme menschlicher Thätigkeit ankleben soll undmit dem Namen der Menschheit geschmückt wird. Na-türlich ist die Anbetung (wenn sie ächt) Götzendienst, dader katholische (allgemeine) Glaube der ist, daß wir einen