Ausgabe 
(13.11.1897) 65
 
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umkränzten Sahen die altersgrauen Burgen vergoldet iiuAbendsonnenscheine grünen, sendet sie ihre Sängcrboten,die unter dem NamenDicht er stimmen" herzlicheGäste sind, hinaus, überallhin, wo Deutsche wohnen, mitdem holden Grütze:

Was irdischer Jubel und Schmerz hat gesponnen.

Was Seele voll Lieben und Sehnsucht gesonnen.

Die mich zur stillen Vertrauten erkor.

Und der ich mein blühendes Scepter lieh:

Das trag' ich empor."

Zum zwölften Male treten sie mit liederreicherGabe ihre gewohnte Runde an. Im letzten Jahre habensich die Abonnenten derDichtcrstimmen" um nahezu einViertel vermehrt; immer melden sich noch neue an.Der gediegene Inhalt, der vornehme Ton, die geschmack-volle Form, die kunstsinnige Ausstattung ziehen Leser an,die noch Sinn für das Edle und Erhabene bewahrt haben.Nicht zuletzt reizen zum Abonnement auch die mit vielemBeifall aufgenommenen Lichtdruckbilder, die die Bildnissezeitgenössischer Dichter darstellen. Auf diese Weise habendie Leser nach etlichen Jahren eine ganz hübsche Porträts-sammlung. Der neue Jahrgang verspricht ausserdem alsBeigabe eine Photo Heliogravüre am Schlüsse desJahres. Der Grundton des neuesten Heftes ist poetischeHerbststimmung. Wir machen die freudige Wahrnehmung,daß es im katholischen Deutschland gute Dichter gibt.Franz Eichert preist als unerschrockener SängerFreiheit, Wahrheit, Recht". Die Westfalin Ferdinandevon Bracke! besingtDes Herzens gewaltige Mächte"undvon der Liebe Gebot", und vondes Lenzes Lust",die drinnen tief im Busen erglüht, wenn ein Weib unsnaht mit derLiebe Gewalt ", ein Lied wie ausDesKnaben Wnnderhorn" mit volksthümlicher Weise, eineMuse, die wie ein geisterhaftes Schattenbild um dieDämmerstunde leicht und leis an uns vorüberhuscht.Fräulein Minna Freeriks ergießtDen Born liebe-mächtiger Poesie Bis zum Himmelssaum". Ihr me-lodisch sanftesAve Maria" stimmt zur großen Sym-phonie von Mittag-Läuten, Abendglockenklaug und Nach-tigall-Lied in: Morgenthau und Lenzesdust.Die christ-liche Kunst" ist ein prächtiges allegorisches Gemälde,das uns anmuthet wie ein Klang aus der Zeit der Ro-mantik. Hoffentlich wird der wackere Sohn Apoll's ausseiner stillen Klause heraustreten, um seiner Mitwelt hieund da etwas vorzusingen. Denn, erinnern wir uns recht,sahen wir den Namen Josef Auffenberg hier zumersten Mal. Soll ich sie weiter nennen all die Namender frohen Sänger: A. Jüngst, Esser, den kindlichheitern Ambrosius Schupp , der in seinemLiedcr-strautze" singtob so, ob so" in der Welt es zugebt;Elise Miller, die fromme Schwäbin aus Württem-berg ; auch ihr Landsmann Karl Hagenmaier läßtsich nach langem Schweigen wieder vernehmen; die FreundederD." befürchteten, die herben Bernsssorgen hättenseine Sängerstimme erstickt; Franz Niederberger,der Messiassängcr des 19. Jahrhunderts I. W. Helle.Viele Namen haben schon einen guten Klang. Nicht ver-gessen dürfen mir den Meistersinger am Rheine mit immerneuen Weisen, der sich uns als der unermüdliche, stetssaugeslustige Herausgeber derDichtcrstimmen" vorstellt:Leo Tepe van Heemstede.Durch Meinungsstreitund Schwerterklirren" tönt sein LiedAm Born desLebens". In einer Lebensskizze von Jos. Südländer-in Rom kommt ein hochbedeutender, glaubensbcgcisterterDichter zu Wort, der sich nach Fug und Recht einergleichen Berühmtheit wie der Dreizehnlindendichter er-freuen sollte, nannte ihn Edmund Behringer doch der geistvolle Hettiuger dendeutschen Dante ".Die in denDichtcrstimmen" einheimische RhcinländcrinMargarethaMirbach bringtEin Herbstmärchen"für Jung und Alt zu lesen, geschildert im zartesten Tonfarbenfrischer Sprache, belebt vom Hauche inniger Poesie.Recht anziehend ist die Studie über den geistreichen Mönchvon Heisterbach, Cäsarius , der der erste Rhein-romantiker sein soll. Die Aufnahme ähnlicher Studienin denDichterstimmen" sähen wir gerne öfters. UnterAlte und neue Bücher" werden die neuesten Erschein-ungen auf schöngeistigem Gebiete von sachkundiger Federabgeurtheilt, wobei niemals Gnade für Recht ergeht.^Mosaik" bietet literarisches Allerlei. DieLiterar-rsche Tafel" gibt allen Bücherfreunden einen willkom-menen Fingerzeig. Müssen wir auch manchmal dem einen

oder andern Sänger in denDichterstimmen" Striche aufdie Tabulatur machen, das erste Heft oes 12. Jahrgangesbefriedigt uns znm Entzücken. Ja, was ist dagegen auchdieWaschermadelpoesie" vieler unsererJüngst-deutschen"? Ihre Muse ist die Priestern: der gemein-lüsternen Venus, so daß hier Heine's Wort zutrifft, das

er von Hamburg gebrauchte,H_ genug, aber keine

Musen!" Sehr oft ist es nur minderwerthiges poetischesLallen in Reim und Rhythmen gezwängt*,'-nur mit derFeder, nicht auch mit dem Kopfe geschrieben. Diese Museist ein entartetes Mädchen mit vergrämtem blassem Ge-sicht und übernächt'gcn Augen, aus denen die Sündegrinst. Die Muse nach Art derDichterstimmen" ist einefrische Wiesenblume,wachgeküßt vom erwärmenden Sonnen-strahl. Sie läßt uns fühlen, daß wahre Poesie die Tugendnur noch liebenswürdiger macht, indem sie unsre Seeleerfüllt und zu edlen Thaten begeistert. Mögen daherGönner und Jünger echter Poesie diesem schönen Rhein-kind hold sein; die Mitgift, die es heischt, ist leicht er-schwinglich.

Jakob Bälde als Mariensängcr." GesammelteMaricngedichte in freier Ucbertragung herausge-geben von?. Peter Baptist Zierler, 0. Oap.,Lektor zu Sterzing. München , 1897. Verlag vonI. Pfeiffer.

H. Die Oden aus die jungfräuliche Gottesmutter,welche Bälde, der bayerische Horaz, je nach seiner seelischenStimmung zn verschiedener Zeit in seine unsterblichenLyrica eingestochten hat, erscheinen hier znm erstenmalin vortrefflicher Ucbertragnng sämmtlich aneinanderge-reiht. Aber man braucht nicht zu fürchten, daß deßhalb dieLectüre ermüdend werde. Denn, selbst von dichterischerBegabung, weiß der Verfasser durch reiche Intuition sowiedurch seltene Beherrschung der poetischen Sprache auch aufdie heutige Leserwelt, insoweit sie überhaupt BoldesGeist und Phantasie zn würdigen versteht, eine mächtigeWirkung hervorzubringen. Die Ucbersetznng, die sich wedernach Wortlaut noch Versform krampfhaft an das latein-ische Original anklammert, gestaltet sich gn Folge dessenzu einer freien, aber höchst gelungenen Nachdichtung. Obindeß bei einigen wenigen Oden in dieser Freiheit nichtzu weit gegangen ist, überlassen wir dem Urtheil compe-tenter Richter. Uns wenigstens will es bedünken, daßdas wahre Colorit der Balde'schen Poesie zuweilen darunteretwas gelitten habe. Im Ganzen aber müssen wir derbochverdicnstlichen Arbeit freudige Anerkennung zollen undkönnen nur wünschen, daß das zierlich ausgestattete Büch-lein, das sich auch als Geschenk besonders eignen dürfte,recht viele Leser und Freunde finden möge.

Des ehrw. l?. Martin von Cochem Meßbuch, ent-haltend zweiunddreißig vollständige Mcßandachtenfür jeden Tag der Woche, für die Sonn- und Fest-tage und für besondere Veranlassungen und An-liegen. Neue vermehrte und verbesserte Ausgabevon U. Osdorne. 8°. VIII, 574 Seiten. Preisgebunden M. 2.. Dülmen i. W-, A. Lanmann'scheBuchhandlung.

Das vorstehend angezeigte Werk enthält: 1) einen er-baulichen Unterricht über die Bor-trefflichkeit, die Geheim-nisse und die andächtige Bciwohnung der heiligen Messe,2t sieben Mcßandachten für die Wochentage, drei für dieSonntage, sechzehn für die heiligen Zeiten und Feste, sechsfür besondere Veranlassungen, 3) scchzehnLitancicu, 4) einenreichhaltigen Anhang mit Gebeten für die gewöhnlichen undmich manche außergewöhnliche Andachtsübnngen einc-Z ka-tholischen Christen. Fast der ganze Inhalt ist aus demgottliebcnden Herzen des seligen U. Martin von Cochem geflossen und übertrifft an religiöser Weihe und Innig-keit, wie auch an Gediegenheit und Kraft eine unüberseh-bare Reihe von Erzeugnissen ähnlicher Art.

Hübner's Geographisch-statistische TabellenAusgabe 1897. Herausgegeben von Hofrath Pros.Fr. v. Jurasch ek. Verlag von Heinrich Keller inFrankfurt a. M.

Die Hübner'sche Tabelle hat in allen Kreisen bereitseine Verbreitung gefunden, wie selten ein ähnliches popu-läres Unternehmen, und es wird immer mehr erkannt,daß sie jedermann auf das bequemste und billigste in die