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das gleiche Leben, sie stickte viel. Meine Tante beteteoft im Lauf des Tages, sagte die vorgeschriebenen täg-lichen Uebungen her, las viel in Erbauungsbüchern undgab sich langen geistlichen Betrachtungen hin. Sie hieltwie mein Vater die bestimmten kirchlichen Festtage.
Am Tage Allerheiligen kam der Convent zum erstenMale, um meinen Vater zu sehen. Die Mitgliederfragten ihn, ob er keine Klage zu führen habe. Er sagtenein, er sei zufrieden, wenn er mit seiner Familie seinkönne. Einen Tag später kam Drouai (Drouet) nocheinmal allein und fragte, ob wir nichts zu klagen hätten,meine Mutter sagte nein."
Dies stolze Nein behielt Marie Antoinette währendder ganzen Zeit ihrer Gefangenschaft — nur als ihrKnabe heftig am Fieber erkrankte, kam ihr der Hilferufund die Bitte um ärztliche Pflege über die Lippen.
Am 11. Dezember beunruhigte der Trommelklangund die Ankunft der Garde die Bewohner des Templewieder — König Ludwig wurde zum Verhör vor denConvent geholt. Seine Familie wußte nicht, wohin ergeführt wurde, und hörte erst um 11 Uhr, als er zurück-kam, was vorgegangen war; die arme Gattin durfte ihnaber nicht sehen.
„Wir erfuhren von dem über meinen Vater verhängtenTodesurtheil Sonntag den 20. (Januar) durch die Aus-rufer. Um sieben Uhr abends benachrichtigte man uns,daß uns ein Decret des Convents erlaube, zu meinemVater hinunterzugehen. Wir eilten zu ihm und fandenihn sehr verändert; er weinte über unsern Schmerz, abernicht um seinen Tod. Er erzählte meiner Mutter vonseinem Proceß und entschuldigte die Schurken, die ihntödten ließen. Meinem Bruder gab er fromme Vorschriftenund befahl ihm, denen zu verzeihen, die seinen Tod ver-anlaßten. Er gab meinem Bruder und mir seinen Segen.Meine Mutter wünschte dringend, daß wir die Nacht mitmeinem Vater zubrächten; er verweigerte es, weil er derRuhe bedürfe. Meine Mutter bat dringend, wenigstensam folgenden Morgen wieder kommen zu dürfen, meinVater gestand es ihr zu; aber als wir fortgegangenwaren, verlangte er von den Garden, daß wir nicht wiederherunterkämen, weil ihm das zu viel Schmerz bereite. Erwar dann mit seinem Beichtvater zusammen, legte sichum Mitternacht nieder, schlief bis vier Uhr und wurdedurch die Trommeln geweckt."
Der Trommelschlag spielte eine grausame Rolle beimLeben und Sterben des unglücklichen Königspaares.
Um sechs Uhr wurde aus der Wohnung der Frauenein Gebetbuch zur letzten Messe geholt.
„Wir hatten immer noch die Hoffnung hinunter zudürfen, bis das Freudengeschrei der erregten Bevölkerunguns davon Zeugniß gab, daß das Verbrechen be-gangen war."
Die Wittwe des Hingerichteten Königs stieg nichtmehr in den Garten hinunter, weil sie an der Thür desVerstorbenen vorbei mußte, fortan schöpften die GefangenenLuft auf der Höhe des Thurmes.
Einige Monate später kam der Befehl, Marie An-toinette von dem Sohne zu trennen.
„Mein Bruder stieß ein lautes Geschrei aus undwarf sich in die Arme meiner Mutter; er bat, daß ernicht von ihr getrennt würde. Meine Mutter war empörtüber den grausamen Befehl und wollte meinen Brudernicht hergeben, sie vertheidigte das Bett, in dem er lag,gegen die Beamten. Eine Stunde verging mit Reden,
Beleidigungen, Drohungen der Polizisten, mit Widerstandund Thränen von uns allen. Endlich willigte meineMutter ein, ihren Sohn herzugeben. Wir ließen ihnaufstehen, und nachdem er angezogen war, gab ihn meineMutter in die Hände der Wächter, ihn mit ihren Thränenbadend, als hätte sie vorher gewußt, daß sie ihn in Zukunftnicht wiedersehen würde. Der arme Kleine umarmte unsalle zärtlich und ging weinend mit den Leuten davon."
Zum Wächter für das unglücklichste aller Kinderwurde der berüchtigte Schuster Simon gemacht.
„Mein Bruder stieg alle Tage auf den Thurm unddie einzige Freude meiner Mutter war, ihn von weitemdurch ein kleines Fenster vorübergehen zu sehen; sie bliebganze Stunden an demselben, um den Augenblick zu er-spähen, da sie ihr geliebtes Kind sehen konnte . . . Simonmißhandelte meinen Bruder sehr, weil er über die Trennungvon uns weinte; das eingeschüchterte Kind wagte keineThräne mehr zu vergießen."
Ein dem Buche beigefügtes Bild zeigt Marie An'toinette zu jener Zeit, Trauer um den Gatten tragend-Die schönen Züge sind von Schmerz Versteint, medusen-haft. Es ist nach einer Gouache von Kucharski wieder-gegeben. Am 2. August 2 Uhr morgens brachte manMarie Antoinette den Befehl zur Abführung nach derConciergerie; auch ihr sollte nun der Proceß gemachtwerden.
„Meine Mutter hörte den Befehl ohne Bcwegung;meine Tante und ich baten, daß wir meiner Mutterfolgen dürften, aber weil der Erlaß nichts darüber ent-hielt, verweigerte man es. Bleine Mutter packte ihreSachen, die Polizisten verließen sie nicht, sie war gezwungen,sich vor ihnen anzukleiden .... Sie ließen ihr nur einTaschentuch und ein Flacon, weil sie fürchteten, daß ihrschlecht würde. Meine Mutter wurde abgeführt, nachdemsie mich umarmt und mir befohlen hatte, Muth zu habenund Sorge für die Gesundheit meiner Tante zu tragen.Ich antwortete meiner Mutter nichts, überzeugt, daß ichsie zum letzten Male sah. Beim Hinausgehen stieß meineMutter mit dem Kopf an das Gitter, das sie nicht fürso niedrig gehalten."
Das stolze Haupt, das in Jugendlust mit Blumenund Juwelen geschmückt war und das später eine Kronegetragen! Am 16. Oktober 1793 wurde Marie Antoinette hingerichtet, zu den im Temple Gebliebenen drang keineKunde davon.
„Meine Tante und ich wußten nichts von dem Todemeiner Mutter. Und in dem unseligen Zweifel über ihrSchicksal bin ich anderthalb Jahr geblieben, dann erstvernahm ich das Unglück und den Tod meiner tugend-haften, erlauchten Mutter. Zuweilen bekamen wir Nach-richten von den Polizisten über meinen Bruder. Simonließ ihn unter den Fenstern singen, damit er von denWächtern gehört wurde, und veranlaßte ihn, schrecklicheVerwünschungen gegen Gott, seine Familie und die Aristo-kraten auszustoßen."
Der Winter verging ruhig, heißt es dann weiter indieser einfachsten und rührendsten aller Leidensgeschichten,wir hatten viele Nachforschungsbesuche, aber man gabuns Holz. Dann aber hatte man den Schuster Simonzum Gemeindebeamten befördert und der arme Waisen-knabe blieb ohne jede Gesellschaft im Temple zurück.Die Schwester ist erbittert über diese Grausamkeit:
„Unerhörte Barbarei, ein Kind von acht Jahren alleinin seinem Zimmer hinter Schloß und Riegel zu lassen,