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„Sehr wohl," sagte Martin, jetzt wieder fröhlichwie gewöhlich. „Bitte, bestellen Sie den Thee um 8 Uhr,und ich werde hier sein. Tante Kyn schläft so ruhignach ihrem späten Diner, daß sie uns dankbar ist, wennwir sie ungestört lassen. Erwarten Sie mich pünktlich.Ah, der traurige Gesichtsausdruck ist ganz verschwunden"— und lächelnd schloß er mich in seine Arme.
Auf der schneeweißen Tischdecke stand das Thee-geräth; die Lampe war angezündet und die dunkelrothenVorhänge verhüllten das große Bogenfenster. Vor demflammenden Kaminfeuer ruhte Martin in dem großenArmsessel, welchen erangeblich für Alex indieser Zimmer hattebringen lassen. Meinbequemer Sessel standdicht nebendemseinigen,aber ich saß nicht dort,sondern brachte unge-wöhnlich lange bei derBereitung des Theeszu; ich wollte sprechen,ehe Alex in das Zim-mer kommen würde,aberich wußte nicht wie.
„Einen Theelöffelvoll für jeden von unsund einen obendreinsind nur vier," sagteMartin, indem er denKopf umwendete, „Siehatten Zeit, vierzighineinzuthun. Sie gehenimmer weg, wenn wireinige angenehme Mi-nuten haben könnten.
Kommen Sie her, meinHerzlieb."
„In einem Augen-blick, Martin."
„Sogar ein Augen-blick ist zu kostbar, umversäumt zu werden,"sagte er, stand hastigauf und wendete demFeuer den Rücken, in-dem er mich beobachtete.
Kommen Sie jetzt hier-her."
„Ich muß einge-machteReineclauden fürAlex aus dem Kellerheraufholen lassen, weilich sie ihm versprochen habe," sagte ich.
Als ich aber hierauf zum Glockenzuge gehen wollte,umschlang er mich und hielt mich fest. In seinenstarken Armen fühlte ich mich so klein, so hiflos und soglücklich l Ich dachte, ich könnte jetzt sagen, was ich ihmsehnsüchtig zu sagen wünschte; aber als er mich dannso innig ansah, fand ich nicht den Muth, und wendetemein erglühtes Gesicht weg. Wie stark er warl Ichglaubte, daß ihm unmöglich etwas fehlschlagen könne,was er erreichen wollte. Wie herzinnig liebte ich ihn!Bei diesem Gedanken trat die Erinnerung an Norberts
geduldige Hoffnungslosigkeit noch klarer vor mich undwieder versuchte ich zu sprechen.
„Martin "
„Reineclauden, wie?" lächelte er, „mag Alex sichselbst wegen seiner Süßigkeiten bemühen."
„Martin, lassen Sie mich los. Ich wollte — Ihnenvon — von einem Anliegen sagen."
„Mir?" fragte Martin, und seine Augen blicktenvoll unaussprechlicher Liebe und Zärtlichkeit in die meinen.
„Wollen Sie mich endlich um etwas bitten, meinstolzes, süßes Bräutchen?"
„Ja." Ich konntekein Wort mehr sagen,weil die große Stärkeund die noch größereZärtlichkeit seiner Liebemich scheuundschüchternmachte, wie eS oft ge-schah.
„Sage es mir jetzt,"flüsterte er und strichdas Haar sanft ausmeinem heißen Gesicht.Aber ich konnte nochnicht sprechen.
„Mein geliebtes,kleines Mädchen," sagteer „welche Bitte es auchsein mag, sie ist be-willigt. Ich kann Sienicht in meinem Armezittern fühlen. Ich kannkeine Thränen in dengeliebten Augen sehen.Sprechen Sie jetzt odernicht, wie Sie wollen;aber von diesem Augen-blicke an seien Sie ver-sichert, daß die Bittegewährt ist, was es auchsein mag. Ich kann dieBewilligung nicht zu-rückhalten, so gerne ichSie bitten hören möchte.Mein Herzlieb, alles,was ich habe, gehörtIhnen. Meine ganzeKraft steht Ihnen zuDiensten. Verfügen Sieüber mich und meinEigenthum, wie undwann Sie wollen. Ah,Alex, da bist du! Wirwollten gerade klingeln, um dich holen zu lassen — oderwegen Reine-clauden — ich vergesse, was es war. Siehmal, was für rothe Backen Aloifia hat!"
„Vermuthlich hast du dicht am Feuer gestanden,Aloisia?" fragte das Kind nachdenklich.
„Ja, sie hat dicht an der Gluth gestanden," sagteMartin Drummond, weshalb meine Verwirrung stieg.„Sagten Sie, daß der Thee schon fertig ist, FräuleinKerr, oder daß Sie zuerst mit mir etwas besprechenwollten?"
„Der Thee ist schon lange fertig," sagte ich, ohne
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Pfarrkirche Wrrlingen.
Original-Aufnahme van G.Baab er, Photograph in Krumbach. fVervielsiiltigungSreiht vorbehalten,;
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