Ausgabe 
(3.4.1894) 27
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reizenden Odalisken und schleppten die armen Besiegtenin die traurigste Sclaverei, verdammten sie zum müh-seligsten Leben, während sie selbst in üppigster Ruhe dieFrüchte dieser Blühen und Qualen genossen. Aus dieserübertriebenen Werthschätzung der irdischen Glückseligkeiterklärt sich leicht der Umstand, daß bei den Anhängerndes Propheten mit dem WortNatur" derselbe erhabeneBegriff verbunden ist, wie mit dem WorteGeist" beiden christlichen Völkern und besonders der deutschenNation, derNation der Denker", welche weniger derirdischen, als der Sonne der Intelligenz huldigt.

Wie die Perser und Araber, so sind auch die TürkenSensualistcn, aber rhr Sensualismus ist ruhig, indolent,träge. Der Araber reitet zehn Meilen weit, wenn einVergnügen ihn lockt; der Türke, ein ebenso großer Ver-ehrer der Freude, wird nie dem Vergnügen nachjagen,er läßt es an sich herankommen, er verlangt, daß es ihnaufsucht. Wenn diese Forderung ihn auch theuer zustehen kommt, so fühlt er sich reichlich dadurch belohnt,daß er seine Trägheit und seinen Stolz, den er fürWürde hält, befriedigt hat. Man wird nie finden, daßein Türke tanzt, singt oder ein Instrument spielt, erwürde sich in seinen eigenen Augen dadurch herabwürdigen;aber seine Leidenschaft ist es, Andere tanzen und singenzu sehen: nach seiner Meinung ermüdet das nicht undbietet denselben Reiz. Nur im Kriege scheut derTürke keine Anstrengung, keine Ermüdung; bei demWorteKampf" schießen die sonst halb geschlossenenAugen feurige Blitze, der Zorn treibt das Blut rascherdurch die Adern, sein Ungestüm erinnert an den edlenWüstenkönig. Da indessen die Kunst des Mordens ansich eine Arbeit ist und das Kriegshandwerk sich immermehr ausbildet und vervollkommnet, so wird er trotzseiner Wuth einem geschickt manövrirenden Feinde nichtlange Widerstand leisten. Hat Allah ihm das Lebenerhalten, so fällt er in sein altes Phlegma zurück undvergißt die erlittene Enttäuschung bei den Freuden desHarems; griechische Tänzer, walachische Musikanten,böhmische Sänger, arabische Märchenerzähler, jüdischeTaschenspieler und kosmopolitische Magier bieten Allesauf, die finstere Miene des Gebieters zu erheitern, seinenLippen ein Lächeln zu entlocken.

Es gibt in der türkischen Sprache einen Ausdruck,der diese Passivität, diesen indolenten, zur Betrachtungneigenden Charakter vortrefflich wiedergibt, auf das ge-naueste bezeichnet, es ist das Wort Kisf. Es ist un-möglich, dasselbe zu übersetzen, da sein Sinn ebenso un-bestimmbar ist, wie der Geist, den es bezeichnet. SeineBedeutung ist aber gleichsam unerschöpflich, denn dieseseine Wort entspricht Allem, was wir durch die WörterGesundheit, Vergnügen, Ruhe, Glück, Erholung, Gemüth-lichkeit, Phlegma, Zerstreuung, Laune" auszudrückenpflegen. Die Türken sagen:Wie steht's mit dem Kisf?"wie wir fragen:Wie steht's mit der Gesundheit?"Bist Du im Kisf?" hat denselben Sinn, wie bei unsdie Frage:Bist Du guter Laune?" Kisf ist dieSeele der türkischen Sprache I Besuchst Du einen vor-nehmen Türken zur Zeit der Siesta, so geben die Dienermit vielsagender Miene die Auskunft, daß Du wartenmußt, denn der Effcndi hält sein Kisf. Dieselbe Antwortwird Dir zu Theil, wenn der Herr, mit dem Du ge-schäftlich sprechen willst, im Harem mit seinen Kindernspielt oder sich in seinem Kiosk damit unterhält, durch einFernrohr die Schiffe zu beobachten, welche den Bosporus

passiven. Und hättest Du ihm auch die wichtigste Sachemitzutheilen, es wäre unmöglich den Effendi zu stören,denner hält sein Kies!" Nur eins ist im Stande,das Kisf des Türken zu unterbrechen, und das ist dieStimme des Muezzin, der vom Minaret die Stunde desGebetes ausruft.

Mit stillem Behagen das Nargileh rauchen, eineLandpartie machen, ein Diner im Grünen improvisiren,^aoui-t (saure Milch) essen, eine schöne Aussicht be-trachten, das azurne Blau des Himmels und das un-endliche Meer bewundern, nachdenklich mit den Händenauf dem Rücken spazieren gehen, gnädig zu den Wortenlächeln, die den Lippen eines Erzählers entschlüpfen,auf dem Lager ruhend den graziösen Bewegungen einerTänzerin mit den Augen folgen, sich im Kalk von denWogen schaukeln lassen Alles das nennt man in derTürkei Kisf".

Der Sultan huldigt dem Kisf in seinem zauberischenPalaste an den unvergleichlichen Ufern des Bosporus ,und das geheimnißvolle Schweigen, das rings in derNähe des kaiserlichen Kiosk herrscht, kündigt den Vorüber-gehenden an, daß der Sultan sich von seinen Regierungs-sorgen erholt. Als gute und getreue Unterthanen ver-i neigen sie sich und flehen Allah an, das Kisf ihresj Gebieters zu schützen, damit er nicht auf die Idee komme,das ihrige zu stören.

Wie in Paris das Vergnügen jeden Gedanken be-herrscht, so in Constantinopel das Kisf; aber die Freudender Türken sind ebenso passiv, indolent, gemessen, wiedie der Franzosen geräuschvoll, thätig und ermüdend.Während die Letzter» den Philosophenspruchidls <zuiärriiuis Nichts zu viel!" selten beobachten, erreichendie Türken diesen moralischen Grenzstein ebenso selten.Die übrigen Nationen schreiten in ihrer Entwicklung fort,die Türken dagegen lassen in ihrem Phlegma manchenkostbaren Moment vorübergehen, der sie vielleicht rettenund emporheben könnte.

Kisf" wird das große, Alles beherrschende Wortbleiben, so lange Allah gnädig verhütet, daß dem Kisfdes ganzen ottomanischen Reiches in Stambul für immerein Ende gemacht werde.

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Der Diamant.

(Hiezu die Abbildungen auf Seile 201, 202 und 203.)

Diamant, Demant, Mineral aus der Ordnung derMetalloide, kristallisiert tesseral, meist in Oktaedern, Rhom-bendodekaedern und Achtundvierzigflächnern, findet sich häufigin krummflächigen, oft mehr oder weniger der Kugelformgenäherten Formen, lose oder einzeln eingewachsen, seltenderb in feinkörnigen, porösen, braunschwarzen Aggregaten(Karbonat). Er ist sehr spröde, auf dem Bruch muschelig,nach den Flächen des Oktaeders ausgezeichnet spaltbar,vom spez. Gewicht 3,503,53 und in seiner großenHärte (10) nur dem kristallisierten Bor vergleichbar. Erist farblos und wasserhell, doch kommen auch graue, gelbe,braune, schwarze, rothe, grüne, blaue Steine vor; meistist die Färbung indeß hell, große Diamanten mit inten-siverer Farbe sind selten. Ueber die die Färbung hervor-bringende Substanz ist nichts bekannt. Der Diamantbricht das Licht sehr stark, und der Winkel der Total-reflexion ist deshalb sehr klein, dazu besitzt er ein großesFarbenzerstreuungsvermögen, und diesen Eigenschaftenverdankt er seinFeuer" und Farbenspiel, welches indeß