Ausgabe 
(17.4.1894) 31
Seite
229
 
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Augsburger Postzeitung".

^L31

Dienstag, den 17. April

1894 .

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Berlag des Literarischen Instituts von Haas <L Grabhcrr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Max Huttler) .

Tante Kanna's Keheimniß.

Original-Roman von E. von Linden.

(Fortsetzung.)

Der Name Prien ist mir vollständig unbekannt,"nahm die junge Hausherrin jetzt die Unterhaltung wie-der auf.Vielleicht hat sie sich drüben verheirathet.Auch wüßte ich nicht, daß eine meiner Freundinnennach Amerika gegangen wäre."

Nur Ihre Cousine, welche Steindorf heirathete,"warf Tante Hanna ruhig ein.

Ja, das ist aber schon ein halbes Menschenalterher," sagte Armgard lächelnd,gerade zehn Jahre"

So lange war Miß Prien auch schon drüben,"bemerkte Warneck.Jetzt freilich ist sie todt, sie starbim letzten Dezember."

SeltsamesZusammentreffen," meinte Tante Hannaverwundert,auch Ihre Cousine ist vor wenigenMonaten gestorben. Lebt denn der Gatte jener Damenoch?"

Er lebt und befindet sich wahrscheinlich, und wieich hoffe, hier m Deutschland. Ich suche ihn nämlichbereits seit zehn Wochen, um ein wichtiges Geschäft mitihm zu ordnen. Mister Prien war mein Korrespon-dent und im letzten Jahre mein Geschäftsführer. Erhat mich ohne Abschied verlassen, was mich dazu bewo-gen, meinen langjährigen Entschluß, das alte Vaterlandnoch einmal vor meinem Tode wiederzusehen, jetzt aus-zuführen, um bei dieser Gelegenheit auch Mr. Prienwieder zu begrüßen."

Warneck lächelte humoristisch zu diesen Worten,deren Sinn seinen Zuhörern nicht verborgen bleibenkonnte.

Haben Sie Ihre Familie daheim gelassen?" fragteArmgard nach einer Pause zerstreut, da ihr Blick indiesem Augenblick auf Lotta fiel, welche ganz ungenirtzwischen ihren Nasen aufräumte und die schönsten undseltensten derselben zu einem mächtig großen Straußepflückte. Das aber war der jungen Hausherriu schwächsteSeite, weil sie selber keine Blumen zu brechen ver-mochte und ihre Rosen deßhalb von Jedermann wieHeiligthümer behütet und respektirt wurden. TanteHanna folgte ihrem Blick und wollte sich gerade unwilligerheben, als Mamsell Ebers ihr bereits zuvorkam undsich ganz entsetzt zu der kleinen F-revlerin begab.

Ich besitze keine Familie," erwiderte Warneck aufArmgard's Frage,und das kommt mir augenblicklich

sehr zu statten, mein Fräulein, da Mr. Prien sofreundlich gewesen ist, mir die Sorge um mein Ver-mögen abzunehmen, so daß ich nach zwanzigjährigerArbeit von vorne wieder anfangen muß."

Und das konnte ein deutscher Landsmann thun?"rief Armgard entsetzt.

Ja, meine Gnädige," bemerkte hier Marbach trocken,wir Deutschen besitzen doch nicht Alle dasVorrecht, ehrlich und ohne Falsch zu fein. Auch ichwar eine Zeit lang in Amerika, wo ich meinen FreundWarneck besuchte, habe aber leider gefunden, daß unsereLandsleute es sich ganz besonders angelegen sein lassen,ihre deutschen Lrüder zu übervorteilen."

Armgard blickte den neuen Besitzer von Rotenhofzum ersten Mal aufmerksam an und fand, daß derselbekein besonders schöner Mann war, aber ungemein sym-pathische Züge und auffallend schöne, treue Augen vonstahlgrauer Farbe besaß. Sie erinnerte sich plötzlichseiner Worte vom gestrigen Abend und stellte unwill-kürlich in Gedanken Julius Steindorf neben ihn, zweiGegensätze, wie sie größer nicht gedacht werden konnten.

Unter dem Eindruck dieser Vorstellung sagte sieplötzlich ganz unvermittelt:Ich habe heute bereitsamerikanischen Besuch gehabt, und jenes Kind dort, dasunbarmherzig meine Rosen plündert, ist drüben geboren."

Ja, es ist ein Produkt amerikanischer Erziehung,wie Figura zeigt," setzte Tante Hanna energisch hinzu.

Ach, die Kleine plündert Ihre prächtigen Rosenohne Erlaubniß, mein Fräulein," sagte Marbach er-staunt,das ist allerdings stark, aber echt amerikanisch.Und der Vater dieses selbstständigen Kindes

Ließ es uns auf einige Stunden hier zurück. Esist ein früherer Bekannter, Herr Steindorf aus Cleve-land, welcher nach zehnjähriger Abwesenheit, nachdemer dort seine Gattin und drei Kinder verloren, in dieHeimath zurückgekehrt ist."

Es scheinen Viele aus hiesiger Gegend drübenihr Glück zu suchen," meinte Warneck.

Nicht mehr und nicht minder als aus allenGegenden Deutschlands," erwiderte Marbach. DasSchlimmste dabei bleibt die Thatsache, daß der tüchtigeArbeiter Kapital und Kräfte dem Vaterlande entzieht,während die verlorenen Söhne guter Familien, dieTagediebe und Abenteurer drüben Elemente bilden, diedem deutschen Namen nicht zur Ehre gereichen und derSchrecken ihrer fleißigen Landsleute sind."