Ausgabe 
(17.4.1894) 31
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Hoffentlich gehört Herr Steindorf nicht zu diesenElementen," bemerkte Armgard lächelnd.

Sie reden doch von dem Sohne des einstigenBesitzers von Notenhof, mein gnädiges Fräulein?" fragteMarbach etwas unruhig.Es ist mir lieb- den Herrnhier nicht angetroffen zu haben, da er mir nicht sehrwohlgesinnt sein wird."

Nun, Herr Marbach, verdenken kann man's ihmeben nicht," versetzte Armgard achselzuckend,oder sollteer vielleicht Freude darüber empfinden, sein väterlichesErbe, das Ihr Herr Onkel einst für einen Spottpreiserstanden, unwiederbringlich in fremden Händen zusehen?"

Weßhalb ist er denn fortgegangen, meine Gnä-dige?" fragte Warneck,gehörte er vielleicht zu denverlorenen Söhnen?"

Das just nicht," nahm Tante Hanna rasch dasWort,Familienverhältnisse veranlaßten ihn zur Aus-wanderung. Da er indeß auf sein Erbe verzichtenmußte, so finde ich seinen jetzigen Groll ebenso ungerechtals unpassend. Was der Mensch sich einbrockt, muß erausessen, das ist eine alte Geschichte."

Man hat ihn aber doch ungerecht behandelt, alsman sein väterliches Besitzthum verschleudern ließ," be-merkte Armgard etwas erregt.Die alten Freundeseines Vaters hätten überhaupt schon die Auktion ver-hindern müssen."

Hatten diese Freunde denn Verpflichtungen gegenVater und Sohn?" fragte Marbach verwundert.

Nicht die geringsten!" rief Tante Hanna ganzerbost,meine junge Freundin hier liebt es zuweilen,sich um andere Menschen unnöthige und ganz ungerecht-fertigte Gewissensskrupel zu machen, während ich be-haupte, daß Herr Julius Steindorf der Letzte wäre,welcher auf derartige Freundschaftsdienste pochen dürfte.Sein Vater hat ihm damals, als er der Heimath denRücken wandte, ein größeres Kapital gegeben, als er esvor sich und seiner Gattin verantworten konnte. DasEnde vom Liede war ein früher Tod der beiden Altenund der nothwendige Verkauf von Rotenhof. Ich sehewahrlich nicht ein, weßhalb Ihr Großonkel daS Gut,worauf fast kein Käufer geboten, aus freien Stückensich selber gesteigert haben sollte."

Wahrhaftig nicht," sagte Warneck lachend,erhätte sonst für's Tollhaus reif sein müssen. SolcheFreunde aber, gnädiges Fräulein," wandte er sich zuArmgard,wovon Sie vorhin sprachen, müßten eben-falls unter Curatel gestellt worden sein, da dieselbenunmöglich wissen konnten, ob sie dem jungen Herrnin Amerika einen Gefallen damit erzeigten und ob erüberhaupt jemals zurückkommen würde. Wußten amEnde nicht einmal, wohin er drüben verschlagen wor-den war."

Armgard mußte dies zugeben und bemühte sichdann, das Gesprächsthema zu wechseln, als plötzlichLottas Stimme so dicht an ihrer Seite ertönte, daß sieerschreckt zusammenfuhr.

Die häßliche Miß hat mir alle Rosen wegge-nommen, Tante Armgard! Sie muß auf der Stellefortgejagt werden," schmetterte die kleine Dame in dieUnterhaltung hinein.

Kind, wie hast Du mich erschreckt," sagte Arm-gard unmuthig,wie bist Du so unbemerkt hierher ge-rathen ?"

Ich habe mich geärgert und bin dann durch jeneLücke gekommen."

Sie zeigte auf die Hinterwand der Laube, wo sieselber, wie es schien, diese Lücke in dem Gesträuch ge-macht oder doch erweitert hatte.

Die Tante Hanna hat böse über meinen Papagesprochen," fuhr Lotta schnell fort,und er ist dochviel schöner, klüger und reicher als diese Gentlemen.Er hätte drüben auch noch schöne und reiche Ladies hei-rathen können, aber er wollte nicht, weißt Du, warumnicht, Tante Armgard?"

Sie suchte diese zu sich herab zu ziehen, um ihretwas in's Ohr zu flüstern. Doch Armgard wehrte siefast heftig von sich ab und sagte dann ruhig:

Laß es gut sein, Lotta, hier liebt man es nicht,wenn Kinder dergleichen Reden führen. Du bist nichtin Amerika , das merke Dir! Auch schickt es sich durch-aus nicht, in fremden Gärten Rosen zu pflücken, ichbesonders kann es Dir nicht erlauben, weil ich selberniemals die Blumen abpflücke."

O, Dir werde ich gern gehorchen wie meinerlieben, seligen Mama," schmeichelte Lotta, den Armum sie legend,Du bist ebenso schön und gut wie sie,sagt Papa."

In Armgard's Gesicht schoß eine dunkle Gluth,während sie die Kleine wieder mit einer unwilligen Be-wegung von sich schob und ihr dann ein Stück Kuchenin die Hand drückte.

Geh' und spiele im Garten, aber pflücke keineBlumen ab," gebot sie ihr, sich gewaltsam zur Ruhezwingend.

Lotta blickte sie forschend an und schüttelte miteinem schlauem Lächeln den Kopf, als ob sie sagenwollte:Mir machst Du nichts weiß," Sich kokett ver-neigend, tänzelte sie dann gehorsam davon.

Es ist unglaublich I" rief Marbach.

Ja," bemerkte Hanna,ich hielt unsere deutschenKinder schon stellenweise für kleine, monströse Opfer derErziehung und Mode, aber gegen diese amerikanischensind's doch noch wirkliche Kinder."

Warneck lächelte sarkastisch.

Amerika hat in der Emancipation des Menschen-geschlechts von den Windeln an allerdings der übrigenWelt den Rang abgelaufen. Doch bleibt es immerhineine seltsame Erscheinung, daß der deutsche Einwandererin der Regel es hierin dem echten Jankee noch zuvor-thut. Sie sehen es wieder an diesem Produkt, dessenEltern doch jedenfalls der gebildeten Klasse angehören."

Die Kleine ist, wenn ich recht gehört, in einerdortigen Pension erzogen worden," warf Armgard etwaserregt dazwischen.

Ach so, die Mutter ist gestorben, das entschuldigtallerdings viel," meinte Warneck, einen fragenden Blickzu Marbach hinüberwerfend, welcher sich auch sofort er-hob, um sich mit wiederholten Entschuldigungen wegendieses etwas formlosen Ueberfalls den Damen zuempfehlen. Armgard dankte freundlich für den nach-barlichen Besuch und bedauerte, denselben nicht erwidernzu können.

Wären Sie verheirathet, Herr Marbach," setztesie lächelnd hinzu,dann läge die Sache günstiger fürmich, während ich jetzt auf Ihre Gastfreundschaft leiderverzichten muß."

Dann suche Dir nur schleunigst eine Gefährtin,