Ausgabe 
(17.4.1894) 31
Seite
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war. Die Beiden redeten von allem Möglichen, wasirgendwie mit der Landwirthschaft in Verbindung stand,und schienen gegenseitig sehr befriedigt von einanderzu sein.

Wenn Sie Ihren Mr. Prien nun fassen odernicht, Herr Warneck," sagte Armgard, dem Amerikanerdie Hand zum Abschied reichend,so möchte ich Ihnendoch rathen, hier in Deutschland fortan zu bleiben.Ihr Freund Marbach würde solchen Kräften mit Ver-gnügen einen zusagenden Wirkungskreis geben. Es läßtsich jetzt auch im alten Vaterlande frei und stolz leben."

O gewiß, mein Fräulein," versetzte Warneck sehrernst,ich bitte Sie, mich nicht für einen unpatrio-tischen oder gar undeutschen Mann zu halten, da dieDeutschen draußen in der Welt vor Allem den Segendes großen geeinigten Vaterlandes empfinden. Aberverzeihen Sie, ich will doch lieber drüben arm seinals hier, wo mich alle möglichen Fesseln daran hindern,mein Schicksal nach eigenem Ermessen zu gestalten.Verstehen Sie mich recht, mein Fräulein, daß ich damitbeileibe nicht der Auswanderung unter allen Umständendas Wort reden will, ich spreche hier nur ganz persön-lich, der Arme hat's im alten Vaterlande tausendmalbesser als drüben, wo ihm keine Hand ein Stück Brodbietet. Ich aber, der frei und fessellos, ohne Weib undKind, in bester Manneskraft vor Ihnen stehe, und derso lange drüben gewesen, daß er Land und Leute dortbesser kennt als hier im alten Vaterlande, ich muß wie-der dorthin, wo keine Rücksichten auf äußeren Anstandund hohlen Schein mich am Erwerb hindern und dieniedrigste Arbeit mich nicht so herabwürdigt, um imfeinen Rock nicht stets Gentleman zu sein. SehenSie, mein Fräulein, das war eine lange Rede," schloßer lachend,die Sie selbst verbrochen haben. Aber dasist die Sache, ein jeder Baum muß zum Gedeihen seinenrechten Platz und das rechte Licht haben. Mein FreundMarbach gehört in deutsche Erde, ich gedeihe nur einzigdrüben. Aber was ich haben möchte," setzte er leiserhinzu,ist eine deutsche Frau, das heißt, echt vomStamme weg."

Ach, Sie wollen sich wirklich eine Fessel anlegen?"fragte Armgard lächelnd.

Nein, jetzt noch nicht," versetzte er ernsthaft,ohne sicheren Herd keine Heirath. Ein miserablerMann, der sein Weib von vornherein zur Noth und zurArmuth verdammt."

Nun, Herr Warneck," sagte Armgard in schelmisch-vertraulichem Tone,wenn es so weit ist, dann wen-den Sie sich nur getrost an meine Freundin, die guteTante Hanna"

Die alte Missis in der Rosenlaube?"

Dieselbe, sie besitzt ein Goldherz und ist die Ver-traute aller jungen Mädchen unserer guten Stadt undUmgegend."

Topp, das soll geschehen!" rief Warneck fröhlich,nun mag sich Mr. Prien in Acht nehmen, mit diesemneuen Sporn hetze ich ihn zu Tobe."

Er schwang sich lustig in den Sattel, welchem Bei-spiel auch Marbach rasch folgte, und bald sprengten diebeiden Reiter auf der sonnigen Chaussee dahin.

Armgard blickte ihnen eine Weile nach und kehrtedann nachdenklich zu Tante Hanna zurück.

Als sie in die Laube trat, sah sie zu ihrem gren-zenlosen Erstaunen sich Herrn Julius Steindorf wieder

gegenüber, der ganz behaglich am Tische Platz genom-men hatte. Er hatte eine ihrer seltensten Rosen imKnopfloch und plauderte mit seinem Töchterchen, dasihn von dem schönen Hause der Tante Armgard nichtgenug zu erzählen wußte.

Ich ging so lange in Ihrem schönen Park um-her, bis sich Ihr Besuch empfohlen," nahm er sogleichdas Wort,und muß gestehen, daß sich Ihr Besitz seitmeiner Abwesenheit erstaunlich verschönert hat, meineGnädige! Ich weiß in der That nicht, was ich mehrbewundern soll, Ihren Geschmack selbst in landschaft-lichen Anordnungen oder Ihrem praktischen Verstand."

Bedauere, Ihre Bewunderung ablehnen zu müssen,Herr Steindorf," erwiderte Armgard mit kühler Zurück-haltung,mein Gärtner und mein Verwalter verdienendieselbe, nicht ich. Schade, daß Sie nicht hier blieben,"setzte sie, sich an Tante Hanna's Seite niederlassend,ruhig hinzu,ein Deutscher aus Amerika war mit HerrnMarbach von Rotenhof hier. Vielleicht hätten Sie ihmüber einen gewissen Herrn Prien aus Chicago berichtenkönnen."

Sie sah ihn bei diesen Worten fragend an. Erzuckte lächelnd die Schultern.

Damit hätte ich ihm leider nicht dienen können,meine Gnädige! Man kann unmöglich jeden Deutschen in Amerika kennen, obwohl ich mich dort einer ausge-breiteten Bekanntschaft rühmen darf. Ein Mann diesesNamens ist mir übrigens drüben auch niemals begegnet.Wie nennt sich Herrn Marbach's Freund?"

Warneck."

Ist mir ebenfalls unbekannt, auch bedaure ich'sdeßhalb nicht, seine Bekanntschaft verscherzt zu haben,da man in der Regel drüben sich als Deutich-Ameri-kaner aus dem Wege geht. Apropos, mein Fräulein,"fuhr er nach einer kleinen Pause fort,ich möchte mireine recht große Bitte erlauben. Darf ich dieselbe aus-sprechen?"

Weßhalb nicht?"

Ganz recht, weßhalb sollte einem alten Freundeeine Bitte verwehrt sein?" sagte Steindorf lächelnd.Ich empfing ein Telegramm, das mich noch heute zueiner wichtigen Geschäftsreise nach der Hauptstadt zwingt.Dieselbe dürfte acht Tage in Anspruch nehmen.Wollen Sie meine Lotta so lange in Ihrer Obhut be-halten? Ich fuhr mit dem Gedanken daran hierher, undhoffte fest auf Ihre mir nur zu wohl bekannte Liebens-würdigkeit."

Er blickte sie bittend an, bei den letzten Worteneinen Seufzer unterdrückend.

O, ick will gewiß artig sein, Tante Armgard, soartig!" schmeichelte Lotta, sich durch einen fragendenBlick mit ihrem Vater verständigend und sich dannwieder zärtlich an sie schmiegend.

Armgard antwortete nicht, sondern warf einen fastflehenden Blick auf Tante Hanna, welche auch sofortdas Wort nahm.

Das geht nicht, Herr Steindorf," sagte sie fest,begreife nicht, wie Sie Fräulein Holten so etwas zu-muthen können. Wir leben hier nicht nach amerikani-schem Muster, sondern nach alter deutscher Sitte, welchees einer jungen unverheiratheten Dame verbietet, dasKind eines Wittwers, wenn auch nur zeitweise, als ihreigenes bei sich aufzunehmen."

Ist das auch Ihre Meinung, meine Gnädige?"