233
wandte sich Steindorf achselzuckend an Armgard, „solltemeine Bitte an kleinlicher Prüderie scheitern? — Dasglaube ich nicht, da mein Maßstab für echte Frauen-würde sonst bedenklich zusammenschrumpfen würde."
„Bedaure, trotz alledem die Meinung meiner Freun-din theilen zu müssen," erwiderte Armgard mit einemleisen Beben in der Stimme, „ich bin nicht emancipirtgenug, um mich über das Urtheil der Welt erheben zukönnen, wenn diese Welt auch eine sehr beschränkte ist.Mein guter Ruf ist mein kostbarstes Kleinod, derselbewürde an Reinheit einbüßen, falls ich Ihrer Bitte nach-geben würde."
„Wenn es Ihnen rechtist, Herr Steindorf," nahmTante Hanna wieder dasWort, „dann vertrauen Siemir Ihre Kleine an, ob-gleich sie keine sonderlicheVorliebe für mich offenbart.
Mein Alter schützt vor jeg-licher Nachrede."
„ Sie kommen meiner Bittezuvor, welche ich nicht anSie zu richten wagte!" riefSteindorf, seinen Aerger miteiner gerührten Maske ver-deckend. „Ich danke Ihnen,
Tante Hanna! — Lotta,bitte die liebe Tante umVergebung, falls sie Ursachehaben sollte, sich über Dichzu beklagen."
Das schien Lotta aller-dings sehr schwer anzukom-men, doch fügte sie sich ge-horsam dem Gebot, wasTante Hanna als ihren größ-ten Vorzug erkannte, da siedas Kind für seine Dressurnicht verantwortlich machte.
Lotta wollte sich ihrerAufgabe theatralisch entledi-gen, doch Hanna schnitt ihrdas Wort ab, streichelte ihreWangeundsagteruhig: „Laßgut sein, Kind, wir werdendie acht Tage schon miteinander auskommen.FahrenSie bald nach der Stadtzurück, Herr Steindorf?"
Er blickte nach seinerTaschen-Uhr.
„Ich werde mich von hier aus direkt nach dernächsten Eisenbahn-Station fahren lassen," erwiderte er,„habe, wie ich sehe, keine Zeit mehr zu verlieren.Falls Sie noch heute nach der Stadt zurück wollen,könnten Sie meinen Wagen benutzen, Tante Hanna!— Oder wird Fräulein Holten sich das nicht nehmenlassen?"
„Schicken Sie uns nur Ihren Wagen, Herr Stein-dorf," entschied Hanna, „da derselbe doch sonst leerzurückfahren müßte."
Herr Julius Steindorf verneigte sich zustimmendund nahm von den Damen, sowie von seinem Töchter-
chen Abschied. Er wußte es einzurichten, mit Lottanoch einige Minuten allein zu sein, um ihr ein zärt-liches Lebewohl und einige Verhaltungsmaßregeln zuzu-flüstern, worauf der Wagen vorfuhr und bald mit ihmdavon rollte.
Lotta sah demselben regungslos nach. War esKomödie oder wirkliche Betrübniß, was ihre Wangenplötzlich erbleichen ließ und ihr große Thränen aus-preßt ?
„Kommt Papa gewiß wieder?" fragte sie, sich lang-sam zu der verwunderten Armgard umwendend.
„Weßhalb sollte er nicht wiederkehren, Kind?" riefjene erschrocken. „Wie kommstDu überhaupt auf diesen Ge-danken?"
„Ich weiß nicht, es warmir auf einmal, als säheich den guten Papa nie, niewieder. Das wäre zu schreck-lich!"
Armgard führte die Kleinein's Haus, wo Tante Hannasich kopfschüttelnd zu ihr ge-sellte und ihre geheimen scep-tischen Gedanken darüberhatte.
„Ist dasWahrheit?"fragtesie sich, „ist eine solche Ko-mödie bei einem siebenjäh-rigen Kinde denkbar?"
Lotta setzte sich in einenWinkel, theilnahmlos vor sichhinstarrend. Alle Bemühun-gen,sie hervorzulocken,bliebenvergeblich, und rathlos stan-den die beiden Frauen wievor einem Räthsel.
Als der Wagen von derStation zurückkehrte, um sichzuTante Hanna's Verfügungzu stellen, war Lotta bereitszu Bett gebracht, da sie sichinKrämpfen wand und wahr-haft erschreckende Thränen-Ausbrüche bekam.
Der Kutscher erhielt dieWeisung,nachHauschu fahrenund dort einen Brief an denArzt, welcher seit JahrenArmgard's Vertrauen unddie Guts-Praxis besaß, so-gleich zu besorgen.
„So," murrte Tante Hanna, „nun hat HerrJulius Steindorf doch seinen Willen durchgesetzt. Erscheint die alte Zaubermacht noch immer zu besitzen.
„Aber Tante Hanna!" rief Armgard beinahe ent-rüstet, „Sie glauben doch nicht etwa, daß wir es miteiner kleinen Simulantin zu thun haben?"
„Mein liebes Kind," versetzte Hanna sehr ernst,„was ich glaube oder nicht, kommt gar nicht mehr tuBetracht der Thatsache gegenüber, daß Herr Steindorftrotz alledem seinen Zweck erreicht hat. Nur mit dieserschwerwiegenden Thatsache haben wir jetzt zu rechnen.Sie haben das Kind dieses Mannes, welcher Sie einst
Die Kchwatdrn sind wieder dal Von W. Roegge.
»UM
WM