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fluthete Gärtchen, ohne die Schönheit dieser Nacht zuempfinden, da ihre Gedanken fern in der Vergangenheitweilten, deren Bilder sich so seltsam mit dem Geschickihrer jungen Freundin in Edenheim verknüpften. Ebendeshalb hatte sie stets mit Armgard Holten sympathifirtund sie ganz besonders in ihr Herz geschlossen. Hattesie sich in dem Charakter derselben so sehr irren können?— Konnte es denkbar sein, daß die stolze, energischeArmgard ihre ganze Vergangenheit verleugnen und denplumpen Fallstricken dieses Menschen, der sich seinesSieges über sie bereits gerühmt, erliegen werde?
Tante Hanna seufzte tief auf bet dieser Vorstellung,die ihr im Herzen wehe thai , als beträfe es ihr eigenFleisch und Blut, und begab sich dann zur Ruhe.
Sie hatte es nicht bemerkt, daß eine dumpfe Schwülein der Atmosphäre lag, daß die Rosen betäubenden Duftausströmten und der Mond nach und nach durch einenSchleier verhüllt erschien. Auf ihrem Herzen lastete eSwie ein Alp, es war ihr, als hätte sie in ArmgardsNähe bleiben, sie schützen müssen vor irgend einem un-heimlich dräuenden Geschicke. So legte sie sich zur Ruheund fiel bald in einen sie bleiern umfangenden Schlaf.
Die Greisin hatte zum ersten Male in ihrem Lebenvergessen, die Fenster des Wohnzimmers, welche sie betder Heimkehr mechanisch geöffnet, wieder zu schließen,während sie ihr Schlafzimmer uugelüstet gelassen hatte.Die tiefe Bckümmerniß, welche von ihrer Seele Besitzgenommen, hatte ihren Blick so sehr von Außendingenabgelenkt, daß selbst die Gewohnheit augenblicklich ihreMacht über sie verlor und nur die mechanische Gewaltder unwiderstehlichen Ermüdung sie zum Schlafe zwang. —
Mitternacht war soeben vorüber, durch das Brausendes Sturmes, welcher das heraufziehende Gewitter be-gleitete, waren von den Thürmen die zwölf Glocken-schläge erklungen. Pfeilschnell hatte sich der Himmel mitschwarzen Wolken bedeckt und das Mondlicht ausgelöscht.Blitze fuhren herab, daß sekundenlang der Himmel auf-lohte, der Donner rollte mächtig hinterdrein und in denHäusern glänzten überall die Lichter wieder auf.
Auch um Tante Hanna's kleine Villa tobte derSturm und entblätterte die schönsten Rosen. Die offenenFenster klirrten unaufhörlich, der Regen ergoß sich tn'sZimmer, doch die Greisin hörte eS nicht, sie rang imTraume mit einer furchtbaren Macht, mit dem Alp, dersich auf ihre Brust gelagert, ihr die Kehle zuschnürte,daß sie nicht schreien, — die Augen geschloffen hielt,daß sie nicht um sich schauen, nicht erwachen konnte.Zhr angstvolles Stöhnen verschlang der Sturm, — dochjetzt fiel ein Lichtstrahl auf ihre geschlossenen Lider, sievermochte die Augen zu öffnen, sich zu erheben und —was war das? — Umfing sie noch ein schrecklicher Traum,pder war es Wirklichkeit, was sie dort, wenige Schritteentfernt, in einem kleinen Nebenzimmer, wo sie ihre Pa-piere, ihr Geld und ihre sonstigen Werthsachen aufbe-wahrte, plötzlich ganz deutlich erblickte?
Ein Mann stand vor dem geöffneten Sekretär undwühlte in ihren Papieren umher, steckte Verschiedeneszu sich, nahm die nicht unbedeutende Summe, welche siewenige Tage vorher von ihrem Banquier erhalten, ansich und wandte sich dann zu dem großen Spiegel inder offenbaren Absicht, Toilette zu machen. Er nahmeine Perrücke von seinem Kopf, legte einen Vollbart anvvd betrachtete sich hohnlächelnd im Spiegel. TanteHanna sah sein Gesicht, stieß einen furchtbaren Schrei
aus und glitt vom Bett herab. — Sie sah dann, schonhalb besinnungslos, eine Gestalt über sich und brach zu-sammen.
Ein Blitz, dem zugleich ein furchtbarer Donnerschlagfolgte, sagte den erschreckten Bewohnern der Stadt, daßes irgendwo eingeschlagen haben müsse. Wenige Minutenspäter ertönte auch schon der Feuerruf durch die Straßen:»In Tante Hanna's Haus!"
Das war genug, um Alt und Jung hinauszutreibenund das Eigenthum der Greisin, welche ja gar nicht da-heim war, wie man sich zurief, zu retten.
»Doch, Kinder, Tante Hanna ist daheim!" rief Dr.Peters, welcher sich ebenfalls nach dorthin begab, „ichselber habe sie nach Hause gebracht. Um Gottes willen,das Haus steht in Flammen, vorwärts, wer laufen undretten kann!"
Ja, das traute Heim der guten Tante schien un-rettbar verloren zu sein, da die Flammen von allenSeiten emporzüngelten. Doch schon war die Feuerwehrzur Stelle, um den Kampf mit dem Elemente aufzu-nehmen. Zwei Männer aber waren die Allerersten ge-wesen, welche tn's brennende HauS eingedrungen waren,um die Bewohnerin zu retten.
Diese beiden waren Leonhard Marbach und seinamerikanischer Freund.
Marbach und Warneck hatten sich in der Stadt,wohin sie nach ihrem Besuche in Edenhei« geritten waren,bei einigen Freunden verspätet und die Heimkehr trotzdes noch andauernden Gewitters angetreten, als der letztefurchtbare Schlag, womit sich das Unwetter vollständigerschöpfte, sie gerade vor Tante Hanna's Haus erschreckte,weil sie im ersten Augenblick die Empfindung hatten,als wären sie selber davon getroffen worden. Sie ver-mochten nur mit Mühe ihre Rosse zu bändigen, welchemit ihnen durchzugehen drohten, und bemerkten in nächsterMinute schon das brennende HauS. Von den Pferdenherunter und diese anbinden, war das Werk wenigerAugenblicke. Marbach rief drinnen vergeblich mit demAufgebot seiner Lungen nach Tante Hanna, und beideMänner suchten besorgt in den ihnen völlig unbekanntenRäumen nach der Greisin, während Rauch und Hitzeimmer unerträglicher wurden. Endlich — eS warenallerdings erst wenige Minuten verflossen, aber diese ihnenunendlich lang erschienen — fanden sie die kleine hin-gestreckte Gestalt anscheinend leblos und trugen sie sorg-sam in's Freie, wo sie dieselbe zuerst in die Laube brach-ten und auf eine Bank niederlegten.
Das Gewitter hatte sich verzogen, während dieFeuerwehr herangerasselt und die halbe Bevölkerung nach-kam, um nach ihrer alten guten Tante Hanna zu sehen.Die Freude war groß und wahrhaft rührend, als manerfuhr, daß sie gerettet worden sei.
Aber sie sollte ja todt sein, wie ihre Retter gesagt,dort in der Laube sollte die Gute liegen, welche für JedenTrost und Rath gehabt. Ein Lichtlein brannte in derLaube, um dem Doktor zu leuchten, während die Flam-men in dem Häuschen emporloderten.
Arme Tante Hanna, ihr Eigenthum, all' ihr Habund Gut waren verloren.
„Was thut's!" meinten die Leute, „wenn sie nuram Leben bleibt!"
Und Tante Hanna blieb am Leben, aber ihr Be-wußtsein war gestört. Man brachte sie unter des Arz-tes Leitung nach dem nächstgelegenen Hause, wo man