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sie mit Freuden aufnahm, da Hunderte sich dazu dräng-ten, ihr diesen Liebesdienst zu erweisen.
„Man sage wir noch, daß keine Dankbarkeit mehrauf Erden zu finden ist," meinte der alte Doktor, „hierhaben wir den glänzendsten Gegenbeweis".
Er unterließ es nicht, einige Collegen rufen zulassen, um in ihrem Beisein Hanna's Kopf noch einmaleiner gründlichen Untersuchung zu unterziehen und ihreMeinung über die oberhalb der Stirne befindliche schwereWunde zu vernehmen. Diese ging einstimmig dahin,daß die Greisin, von den Donnerschlägen aufgeweckt, sicherhoben und aus dem Bett gestürzt sei, wobei sie sichan irgend einem scharfen Gegenstände schwer verletzt unddie Besinnung verloren habe.
Doctor Peters wiegte bei dieser sicheren Voraus-setzung zweifelnd den Kopf.
„Herr Marbach, der jetzige Besitzer von Rotenhof,hat sie gerettet," sagte er, vorsichtig den verletzten Kopsder leise Stöhnenden verbindend, „ich glaube, er ist hierim Hause anwesend, fragen wir doch einmal, wie er dieArme gefunden hat."
Marbach war wirklich noch anwesend, weil er dasResultat der ärztlichen Berathung erfahren wollte, umFräulein Holten in schonender Weise Mittheilung da-von zu machen. Er wurde gerufen und erzählte, daßer die alte Dame ausgestreckt, auf dem Rücken liegend,gefunden habe.
„Sie müßte sich also, wenn die Wunde von einemFall herrühren sollte, alsdann noch vollständig auf dieandere Seite gekehrt haben," bemerkte der alte Doktormit Betonung.
„Was immerhin leicht möglich gewesen ist," erwi-derte ein jüngerer Arzt.
Marbach's Freund Warneck, welcher ebenfalls imZimmer anwesend war, sich aber im Hintergründe ge-halten hatte, trat jetzt näher, um einen aufmerksam prü-fenden Blick auf Tante Hanna, deren weitgeöffnete AugenverständnißloS vor sich hinstarrten, zu werfen.
„Entschuldigen Sie, meine Herren," sagte er beschei-den, „auch ich war dabei und half meinem Freundedie alte Dame mit hinauslootfen. Sah aber, daß derRaum verdammt eng und eine Drehung ein Ding derUnmöglichkeit war. Fand auch draußen im Gartendiesen Stock mit bleigefülltem Knopf, einen sogenanntenTodtschläger; das Ding ist, wie mir scheint, nicht zu-fällig dorthin gekommen."
Die Aerzte sahen sich erschrocken an und auch Mar-bach schüttelte erstaunt den Kopf.
„Du hast mir kein Wort von diesem Fund ge-sagt," bemerkte er halblaut.
„Weil ich meine eigenen Gedanken darüber nochgegen Niemand laut werden lassen mochte," erwiderteWarneck ruhig. „Es kommt jetzt meiner Meinung nachhauptsächlich darauf an," wandte er sich wieder an dieanwesenden Aerzte, „eS festzustellen, ob ein Raub vor-liegt."
„Das Häuschen ist, glaub' ich, ganz niedergebrannt,"sprach Marbach.
„Das ist die Frage," meinte Warneck, „ich werdemich sofort darnach umschauen."
„Ich möchte Sie begleiten," sprach Dr. Petershalblaut, „vielleicht bleibt einer meiner Herren Collegenhier bei unserer Kranken, bis eine Wärterin zur Stelleist, da man Tante Hanna hier um jeden Preis behalten
will, obgleich ich unsere arme Freundin am liebsten imKrankenhause hätte."
Das war auch die Ansicht der Collegen, doch fügteman sich jetzt und verließ das Haus, während der jüngereArzt zurückblieb.
Leider fanden die Herren das Häuschen fast ganzniedergebrannt, doch waren verschiedene halbvcrbrannteGegenstände gerettet worden, unter anderm auch deralte Sekretär, in welchem sie nach der Behauptungdes Malers Reinhardt, welcher sich bei der Rettungeiniger Familien-Portrüts, die der Greisin ganz beson-ders theuer waren, den halben Bart versengt hatte, ihreWerthsachen, Papiere und ihr Geld aufbewahrte.
„Gott sei Dank, daß diese Scharteke gerettet wor-den ist," sagte der Maler, „ihr ganzes Vermögen stecktdarin."
«Auch ein nettes Sümmchen in Baar, daß sie vorwenigen Tagen von mir empfangen," bemerkte einBanquier, welcher den Dr. Peters freundlich begrüßte.
„Muß diese alte Dame aber beliebt sein!" riefWarneck ganz verblüfft, „alle Welt scheint hier auf derBrandstätte versammelt und um ihr Wohl und Wehebesorgt zu sein."
„So ist es auch, mein lieber Herr!" sprach derMaler sehr ernst, „Tante Hanna hat das Kunststückfertig gebracht, in dieser ganzen Stadt und Umgegendkeinen einzigen Feind zu besitzen. Arme und Reiche —Junge und Alte hängen an ihr mit gleicher Liebe, unddeßhalb wird der Herrgott eS nicht zugeben, daß sie unsin solcher jammervollen Weise genommen wird. Nichtwahr, Doctor , Sie flicken unsere alte Freundin wiederzusammen."
«Kann nichts versprechen, müssen es Gott anheim-stellen," brummte der Arzt. „Wissen Sie's bestimmt,Reinhardt, daß in dem alten Möbel hier sich ihre Werth-sachen befinden?"
„Ganz bestimmt, Doctor ! — Aha, man will sichdavon überzeugen."
(Fortsetzung folgt.)
--so-*»«--
Zur Weltausstellung iu Antwerpen .
Von vr. Joseph SchieSl.
- lNachbr»« Verbote».!
Wir stehen im Zeichen der Weltausstellungen. Seit-dem Paris im Jahre 1867 durch seine Weltausstellung,welche in dem prächtigen Palais de l'Jndustrie abgehaltenwurde, das Signal zu den friedlichen Wettkämpfen undSchaustellungen auf dem Gebiete der Industrie gegebenhat, folgen sich die Weltausstellungen in verhältnißmäßigkurzen Zwischenräumen. Sydney, Wien, Chicago undandere Städte glaubten, es ihrer Stellung als Metropolendes Handels und Gewerbes schuldig zu sein, die Er-rungenschaften auf culturellem Gebiete als das Resultatvereinter menschlicher Anstrengungen in mikrokosmischemBilde zu sammeln und auszustellen. Ueber den Werthund die Berechtigung solcher Concurrenz-Ausstellungenherrschen verschiedene Ansichten. Die Einen glauben, dieBerechtigung hiezu liege eben in ihrem internationalenCharakter, der die durch Sitten und Anschauungen, wi«auch durch die politischen Interessen getrennten Völkerauf friedlichem Wege einander näher bringe; andere hin-wiederum legen das Hauptgewicht in den Umstand, daßman hier eine Ueberschau halten könne über die Fort-