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schritte, welche die Menschheit auf gewerblichem Gebietegemacht habe, und erhoffen sich dadurch einen steigendenExport der Waaren und eine allgemeine Hebung des National-wohlstandes. Während sich so die Einen zu Gunstensolcher Massenausstellungen aussprechen, beklagen es Andere,daß eine jede große Ausstellung eine Menge zweifelhafterExistenzen in das Land ziehe, welche hier ein äugen»blickliches Unterkommen sich zu verschaffen trachten, hernachaber das Proletariat vermehren. Dazu kommt, daß dieAusstellungen sich heutzutage zu schnell wiederholen und,da es unmöglich ist, von Jahr zu Jahr neue hervor-ragende wirthschaftliche Erfindungen oder wesentliche Ver-besserungen an Maschinen, Werkzeugen u. s. w. zu machen,die Ausstellungen, so weit nicht das Arrangement inBetracht kommt, wesentlich einander gleichen. Immerhinbietet jede Ausstellung so viel des Anziehenden undLehrreichen, daß es sich für denjenigen, der noch niemalsso viel Zeit und Geld gehabt hat, um sich all die Herr-lichkeiten zu beschauen, welche der Schöpfergeist desMenschen in den verschiedensten Zweigen hervorgebracht,in der That verlohnen dürfte, die nahe Gelegenheit zuergreifen, welche der heurige Sommer mit der inter-nationalen Antwerpener Ausstellung bietet, zumal jadamit eine kurze Streife durch ganz Belgien mühelosund auch nicht zu theuer verbunden werden kann. «Warumnach Chicago schweifen? Sieh', daS Gute liegt so nah'."Selbstverständlich wird der Reisende, der Belgien besucht,vor allem auch sein Augenmerk auf Brüssel lenken, daSman nicht mit Unrecht „Klein-Paris" nennt, da esmit diesem in der Schönheit der Gebäude und in demfröhlich-leichtsinnigen Leben, das sich allenthalben zeigt,nicht uneben concurrirt. Wir haben im Folgenden imSinne, dem Reisenden einige Winke, die beim BesucheBelgiens von Nutzen sein könnten, zu geben, und er-hoffen uns den Dank des freundlichen Lesers, zumalwir aus eigener Erfahrung wohl wissen, daß es keinenbesseren Schutz für die Frankenstücke in unserer Taschegibt, als eine einigermaßen gute Bekanntschaft mit denVerhältnissen des Landes und seiner Bewohner.
Schon gleich beim Eintritt in Belgien zeigt sich diefremdländische Nationalität im Wechsel des Sprachidioms:das deutsche verschwindet und das französische, bezw. dasvlämische und wallonische tritt an seine Stelle. Ausdiesem Grunde ist .es für den Fremden, will er sichbequem zurechtfinden und unnölhiges Fragen vermeiden,nützlich, ja fast nothwendig, einige Kenntnisse des Fran-zösischen, das ja die Sprache der besseren Leute, derLiteratur und des öffentlichen Verkehrs ist, mitzubringen.Zwar findet man auch in den größeren Gasthösen, dieauch hier wie sonst überall internationalen Charakterhaben, Kellner, welche des Deutschen mächtig sind; alleinso bald man auf die Straße tritt und sich nicht derziemlich kostspieligen Führung eines Commissiounaire an-vertrauen will, steht man verlassen da und muß sichmanche Genüsse, welche erst durch die Kenntniß der ein-heimischen Sprache möglich sind, versagen.
Was die Gasthöse anbelangt, so ist es für denDeutschen, der an Reinlichkeit gewöhnt ist, wenigstens inAntwerpen nothwendig, sich in einem Hause ersten Rangeseinzulogiren, während in Brüssel auch ein Haus zweiten.langes gut bürgerlichen Ansprüchen vollständig genügt.Die Preise sind durchschnittlich etwas höher wie bei uns,doch kann man mit 12—15 Franken täglich gut aus-kommen und sich dabei noch den Luxus eines Concertes
oder Theaterbesuches erlauben. Wer übrigens kleinereGasthäuser besucht oder doch länger an einem Orte bleibtund, statt in den Hotels theuren Wein zu trinken, inden Tavernes oder Estaminets sich mit Bier begnügt,kann täglich noch Einiges ersparen. Ein bei uns nichtüblicher Gebrauch ist es auch, in den Hotels gleich beider Auswahl der Zimmer nach dem Preis derselben zufragen, weshalb sich Niemand scheuen soll, im Interesseseines Geldbeutels sich diese Sitte zu eigen zu machen.
Das belgische Volk selbst ist sehr arbeitsam undmäßig, offen und ehrlich, dabei aber von einem Freiheits-drangs beseelt, der eS allein erklären läßt, wie die Lehrender Socialdemokratie dort so fruchtbaren Boden finden.Besonders zur Zeit der Nationalfeste, welche Mitte Julijeden Jahres stattfinden, macht sich dieser Emanzipations-taumel in einer Weise bemerkbar, daß es uns „Polizei-stockmenschen" unbegreiflich erscheint, wie ruhig die Be-hörden diesem Treiben zuschauen. So ist es um dieseZeit nichts Außergewöhnliches, wenn Nachts 1 oder 2 Uhrnoch Hunderte von Sängern die Straßen Brüssels durch-ziehen und den müden Schläfern noch die Marseillaise zum Besten geben. Uebrigens ist gerade eigentlich dieseZeit zum Besuche Belgiens zu empfehlen, da die öffent-lichen Sammlungen, die Bibliothek, die Ecole des BeauxArtS u. s. w., die sonst nur gegen Entrse zugänglichsind, zur Zeit der Nationalfeste für Jedermanns Besuchgeöffnet sind. Zudem ist in diesen Tagen privilegirterFaulenzerei auch das Treiben auf den Straßen lebhafter.Den ganzen Boulevard de Waterloo, de la Porte de Hal,d'Anderlecht u. s. w. sind Buden von Künstlern undKünstlerinnen aller Art aufgestellt, ein wixtum oorn-xositurn aller vermeintlichen oder verunglückten Größen— ein Münchener Oktoberfest ev §rc>8.
Was die Verkehrsverhältnisse anbetrifft, so gibt es inBelgien eine Privatbahngesellschaft, die Sociötö Generale,und die Staatsbahn. Ihre durchschnittliche Fahrgeschwin-digkeit ist nicht größer wie bei uns, wohl aber sind diePreise infolge ihrer gegenseitigen Concurrenz billiger alsbei uns. So würde die Fahrt auf einer Strecke wiez. B. von Augsburg nach München in Belgien für zweiteClasse höchstens 1 Mk. 80 Pfg. kosten, während bei unsdie Staatsbahnverwaltung sich nicht scheut, den Geldbeutelum 3—4 Mk. zu erleichtern. Dafür stehen aber dieWagen bedeutend hinter den unseligen zurück. In derzweiten Classe finden wir nur eine ganz dünne, braunePolsterung ohne jegliche Arm- und Kopflehne; ja sogardie sonst allgemein übliche Hängematte für das Gepäckexistirt nur in der Phantasie des Passagiers: das Gepäckwandert unter den Sitz. Während die erste Classe un-gefähr den Comfort unserer zweiten erreicht, ist die drittevollends nur zu Volksstudien geeignet. Was uns aberwieder mit diesen prekären Verhältnissen etwas versöhnt,ist der angenehme Gebrauch, nicht von den Schaffnernin die einzelnen Coupes eingewiesen, bezw. eingepferchtzu werden und damit Gefahr zu laufen, eine unangenehmeReisegesellschaft zu erhalten. In Belgien kann sich jederReisende selbst sein Plätzchen und seine Gesellschaft suchen,mit der er fahren will; nur muß er auch selber dafürsorgen, daß er zur rechten Zeit wieder aus dem Wagenherauskommt.
Der Deutsche, der Belgien betritt, wird, nachdemer sich am schönen Rhein Geist und Herz erquickt, dieRoute über Köln—Aachen—Verviers wählen, da dieseLinie landschaftlich die schönste und anregendste ist. Steile