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Berge wechseln mit tiefen Thälern, üppig belaubte Fels-wände mit hübschen Gartenanlagen; hier zeigen industrielleAnlagen vom Gewerbfleiß der Bewohner, dort sieht manwogende Felder und einsame Bauernhöfe. Von Köln bis Lüttich wird der Reisende in der Regel in einer Tourfahren, nachdem er sich noch in Verviers der — humangeübten — Zollvisitation unterzogen und in der dortigenBahnhofrestauration zum Abschied von Deutschland einGlas Münchener Bier geleistet hat. Nach einer 3- bis4stündigen Fahrt befinden wir uns in Lüttich . Schonder erste Eindruck, den wir bei der Einfahrt in dieBahnhofhalle gewinnen, ist ein hervorragender. Auf dereinen Seite des Bahnhofs erheben sich malerisch wald-reiche Hügel, bis oben mit Häusern bedeckt — eine kleineSchweizerlandschaft —, auf der anderen eröffnet sich derEinblick in die Stadt durch die breite Rue des Guillemins.In Bezug auf Schönheit der Lage ist Lüttich allen anderenStädten des Belgierreiches weit überlegen. Ist auchLüttich eigentlich Fabrikstadt, so sieht man doch innerhalbdes Stadtrayons nichts von jenen langen Ungethümen,Fabrikschlote genannt, welche bei uns oft genug nichtblos das Weichbild der Städte verunzieren, sondernMitten in denselben ihr Rauch und Asche speiendes Haupterheben. Der schönste Platz in Lüttich ist der unmittel-bar an die Bahnhofstraße sich anschließende Square d'Avroy,eine Anlage mit exotischen Bäumen und Pflanzen undhübschen Springbrunnen. In ihrer unmittelbaren Nähefließt der Hauptarm der Maas , der auf der einen Seitedurch den Boulevard Fröre-Orban und auf der anderendurch den zoologischen Garten und den Parc Public ein-gedämmt wird. An Kirchen ist Lüttich nicht besondersreich; die hervorragendsten sind die St. Paulskirche,welche auch die bischöfliche Cathedrale bildet, sowie dieetwas südlicher gelegene St. Jakobskirche, erstere im Jahre968 durch den Bischof Heraklius , letztere 1016 durch denBischof Balderich II. gegründet. Ihnen schließt sich nochals besonders sehenswerth die in einfachen, ernsten unddoch großartigen Verhältnissen gebaute St. Martinskirchean, welche einige hübsche Glasgemülde aus dem 16. Jahr-hundert enthält. Nördlich vom Justizpalaste, einemgothischen, mit Renaissance-Formen vermischten Monu-mentalbau, erhebt sich, die Stadt mächtig überragend,die weithin sichtbare Citadelle, zu welcher ein bequemerFußweg in einer kleinen halben Stunde von der RueHors-Chäteau hinanführt. Während wir zu unserenFüßen wie auf einem Teppich ausgebreitet die Stadtliegen sehen, erweitert sich unser Blick von da in diegewerbreichen Thäler der Maas, Ourthe und Weser ;südlich schweift unser Auge bis zu den Ardennen, nördlichbis zum Petersberg bei Maastricht und in die limburgischeEbene hinein.
Eine andere, nicht minder lohnende Aussicht bietetsich von der Höhe des Fort de la Chartreuse aus, zuwelchem man die von der Mitte der Stadt ausgehendeund der Rue Gretry entlang fahrende Straßenbahnpassend benützen kann. Noch empfiehlt sich von Lüttich ausder Besuch des nahe gelegenen Seraing, welches durchdas von John Cockerill 1817 gegründete Fabriketablisse-ment einen über Europa hinausgehenden Ruf erlangt hat.Seine Werkstätten bedecken einer Flächenraum von mehrals 100 Hektar und beschäftigen gegen 10,000 Arbeiter,für welche durch ein eigenes Krankenhaus, sowie durchandere humanitäre Einrichtungen, wie Spar- und Pensions-kassen, Fabrikschulen usw., zweckdienlich gesorgt ist. (F. f.)
(Vertrag, gehalten im kath. kaufmännischen Verein „Lätitta"von Theodor Habicher.)
—^(Nachdruck »»bot«».)
Im letzten Drittel meiner sturmbewegten Dienstzeitwurde mir ein großes Vergnügen zutheil. Es wurdenmehrere Officiere, die dem Lnrsau ä'Lrgcha in Am-Sefra zugetheilt sind, bestimmt, einen wissenschaftlichenAusflug nach der in der Sahara liegenden kleinen Oase„Figuig" zu unternehmen. Zu ihrer Bedeckung erhieltensie mehrere Spahis und Legionäre mit, sämmtliche zuPferde und bis auf die Zähne bewaffnet. Glücklicher-weise fragte man eines schönen Morgens nach einem Vo-lontär, der mit geometrischen Instrumenten umgehen könneund zugleich die Stelle eines Courrier versehen wolle. Ichmeldete mich und wurde angenommen. Meine Freude,endlich einmal die Wüste sehen zu können, war natürlichgroß. Erst am Ued-Termel gewann ich eine wirkliche Vor-stellung von der afrikanischen Wüste. Es würde zu weitführen, wenn ich auch nur annähernd ein Bild vonmeinen Beobachtungen und Erfahrungen geben wollte, dieich im sehr interessanten Atlasgebirge gemacht habe. Ichübergehe A'i'n-Sefra mit seinen maurischen Ruinen undoptischen Telegraphen-Stationen, ebenso die angrenzendenHochebenen mit ihren Salzseen und die Nomaden mitihren zahllosen Heerden, um uns mit einemmale an denDjebel-Kegli zu versetzen, von dessen Höhe das Auge zumerstenmale die Wüste erblickt.
Wie vor zwei Jahrtausenden die römischen Legionenund vor nunmehr sechs Dezennien die französischen Regi-menter unter Führung des Herzogs von Aumale auf-schrien: »Das Meer, das Meerl", so erging es auch mirbeim ersten überraschenden Anblick von jener Höhe. Dergleiche Ruf erschallte in unserer friedlichen Karawane,und in der That hatte vor uns die Wüste den Anscheindes Meeres, in welcher die dunklen Flecken der Oasenals so viele Inseln im weiten Ocean sich darstellten.
Diese Inseln der Wüste bieten den Hauptreiz, undzwar lediglich, weil sie Menschen beherbergen. Die Wüsteselbst ist großartig, feierlich, bewältigend; im Grunde aberist sie dem Menschen feindlich. Darum fühlt sich derReisende, welcher einige Tage lang in derselben herum-gewandert, so gewaltig von jenen Flecken angezogen, wogrünes Laub sich zeigt, wo das Leben sich regt und woMenschen wohnen. Je schwieriger aber die Lebensverhält-nisse sind, je drückender das Klima ist, desto bewunderns-werther erscheint der Mensch, welcher gegen alles anzu-kämpfen wagt.
Unter dem heißen Himmelsstrich der Sahara ist einsvor allem unentbehrlich — Wasser. An das Vorhanden-sein dieses Elementes ist alles Gedeihen gebunden. DieDattelpalme zumal ist dessen vor allen übrigen Pflanzenbedürftig. Nach dem arabischen Sprichwort gedeiht diePalme nur, wenn sie ihr Haupt in Feuer und ihren Fußin Wasser badet. An die Palme knüpft sich die Existenzder Familie, der Gemeinde, des ganzen Stammes. Vondem Ertrage des Pnlmenbaumes, des Bruders des Men-schen nach der orientalischen Legende (die Legende derMohammedaner aus der Wüste über die Erschaffung derErde ist im Ganzen mit der Erzählung der Bibel über-einstimmend, mit Ausnahme, daß am sechsten Tage Gottnicht allein den Menschen, sondern auch den Dattelbaumschuf, weil derselbe der Bruder des Menschen sein soll),wird das Leben von ganzen Völkerschaften erhalten. Da-