Ausgabe 
(24.4.1894) 33
Seite
246
 
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Dann begaben sich die Herren in sehr ernster

Stimmung nach Hause, die beiden Freunde aber nach. dem Gasthof, wohin sie ihre Pferde wieder zurückge-

schickt hatten, um nach einem Imbiß eiligst nach Noten-hof zurückzukehren.

Am nächsten Morgen ritt Marbach nach Edenheim,um Armgard Holten von dem schrecklichen Ereigniß der

letzten Nacht so schonend als möglich in Kenntniß zu

setzen. Das junge Mädchen hörte ihm wie erstarrt zu,obwohl sie das Unglück nur dem verhängnißvollcn Blitz-strahl, nicht aber einem Verbrechen zuschrieb, da sie vonvem Verdacht eines solchen keine Ahnung hatte.

Allerdings hatte der Blitz ja das Häuschen einge-schert, doch die alte Dame keineswegs getroffen, da auchnicht die geringste Spur des elektrischen Funkens an ihrzu entdecken gewesen war.

Oh, hätte ich die gute Tante Hanna doch über-redet, gleich hier zu bleiben," klagte Armgard, in Thrä-nen ausbrcchend,wie furchtbar lastet dieses Versäumnißauf mir."

Ich bitte Sie aufrichtig, mein gnädiges Fräulein,sich doch keiner unnützen und völlig unverdienten Selbst-quälerei hinzugeben," tröstete Marbach die Fassungs-lose.Ja, ich bin, wenn anders meine Menschenkennt-nis; mich nicht im Stich läßt, davon übGzcugt, daß diealte Dame ihrem Entschluß, heimzukehren, ebenfalls treugeblieben wäre, und sich nicht von Ihnen zum BleibenHütte überreden lassen."

Sie mögen recht haben, Herr Marbach," erwi-derte Armgard nach einer kleinen Pause, ihre Thränentrocknend,und die Gute lebt ja auch noch, wir dürfenalso trotz ihres hohen Alters die Hoffnung noch immerfesthalten. Die Aerzte geben sie doch noch nicht auf?"

O nein, sie hoffen sie am Leben zu erhalten,fürchten aber eine dauernde Geistesschwäche."

Das wäre entsetzlich und schlimmer noch als derTodI" rief Armgard zusammenschauernd,die Aermste,sie befindet sich doch in guten Händen?"

In den besten, wie der Arzt versichert, meineGnädige. Man scheint in der Liebe und Treue umdiese alte Dame buchstäblich zu wetteifern, alle Häuserund Herzen sind geöffnet. Ein beneidenswerther Lebens-abend !"

Allerdings," stimuue Armgard bei,nur wenigeAuserwählte hienieden dürfen sich eines solchen Lebens-abends rühmen, der jedoch auch ein so vollständig ver-dienter ist. Tante Hanna ist eine alte Jungfer, abersie giebt uns das leuchtende Beispiel der Selbstlosigkeitund Hingebung, wie Gattin und Mutter beides nichterhabener bewahrheiten können. Ihre Familie umfaßtdiese ganze Gegend, und Sie dürfen überzeugt sein, daßsowohl in jedem Palaste wie in jeder Hütte die Klageum Tante Hanna eine ebenso allgemeine als aufrichtigesein wird. Wenn irgend eine auf der Welt das ge-hässige Vorurtheil gegen den sogenannten Altjuugfern-stand bannen müßte, dann dürfte es unsere TanteHanna sein."

Marbach erhob sich jetzt, um sich zu empfehlen.

Ich fahre nach der Stadt," sagte er,und werdemich zugleich nach dem Befinden Ihrer alten Freundinerkundigen, mein gnädiges Fräulein l Wenn Sie eswünschen"

Ich wünsche noch eins, was mir unklar geblieben,zu wissen, Herr MarbachI" unterbrach ihn Armgard

hastig,wie hat man Tante Hanna gefunden und werhat sie gerettet?"

Der junge Mann erröthete wie ein Schulknabe undblickte verlegen vor sich hin.

Mein Freund Warneck und ich," begann er end-lich zögernd,ritten gestern Nachmittag nach der Stadt,wo wir uns im Kreise alter und neuer Freunde ver-späteten. Als wir nach Mitternacht heimkehrten, schluggerade vor uns der Blitz in jenes Häuschen ein, dasmir bereits durch meinen Freund Reinhardt .bekannt ge-worden. Ungewiß, ob die alte Dame bei Ihnen, meingnädiges Fräulein, sich noch befinde oder bereits zurück-gekehrt und alsdann in Gefahr sei, zu verbrennen,drangen wir in's Haus und fanden sie endlich bewußt-los vor ihrem Bette liegen. Ihre Rettung war für unsweder mit großer Mühe noch Gefahr verbunden, Gottsei Dank waren auch bald Aerzte zur Stelle, welche siein ihre Obhut nahmen."

Sie haben also die Gute gerettet!" rief Arm-gard, ihm tiefbewegt beide Hände entgegenstreckend,welche er verwirrt ergriff und an seine Lippen führte.Und sie sagten mir kein Wort davon, wollten sich mei-nem Dank entziehen. Diese That wird Ihnen unver-gessen bleiben."

Sie überschätzen dieselbe, meine Gnädige!" wehrteMarbach fast ängstlich ab.Verdient die einfachste Men-schenpflicht einen solchen Dank? Gott gebe nur, daß esden Aerzten gelingen möge, ihr geistiges Leben zuretten, denn sonst wäre meine That allzu gering undbesser unterblieben."

Hoffen wir es, Herr Marbach," sagte Armgardwehmüthig.Doch sagten Sie nicht vorhin, daß Sienach der Stadt fahren?"

Ja, mein gnädiges Fräulein."

Haben Sie einen Platz für mich übrig?"

Ich fahre selber, benutze den Vordersitz meineskleinen Jagdwagens, wenn Sie sich mir anvertrauenwollen?"

Gewiß, ich bin Ihnen dankbar dafür, Herr Mar-bach. Ich möchte zu Tante Hanna, man wird michdoch zu ihr lassen?"

Oh sicherlich. Sie erlauben, daß ich vorfahrenlasse?"

Ich bin in fünf Minuten zu DienstenI"

Mamsell Evers gerieth ganz außer sich, als Arm-gard ihr die Mittheilung über Tante Hanna machte.

Und nun wollen Sie auch fort, Fräulein I"schluchzte sie,und mich arme Kreatur mit meinemSchmerz und dem amerikanischen Ding allein lassen!"

Armgard schrak zusammen, da sie über das schreck-liche Ereignis; die kranke Lotta vergessen hatte.

Ich bringe eine Wärterin aus der Stadt mit,liebe Evers," beruhigte sie die aufgeregte Mamsell.Kann die Kleine doch nicht auf die Straße setzen.Es ist eine unangenehme Geschichte mit diesem Kinde,man kann aus dem Zustande desselben nicht recht klugwerden."

Ja, es ist ein kluges Ding," zeterte die Evers,das man sich nicht rasch genug vom Halse schaffenkann. Na, Fräulein, bleiben Sie nur nicht zu langeweg, Herr Marbach wartet unten schon auf Sie."

Die Mamsell schaute den Davonfahrenden eineWeile nach und nickte dann energisch vor sich hin, wo-bei sie mit der Rechten nach ihrer Gewohnheit eine weg-