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werfende Bewegung machte, welche diesmal Herrn JuliusSteindorf und seiner Lotta galt.
Der kleine elegante Jagdwagen von Rotenhof er-regte seiner beiden Insassen halber eine Art Aufsehenin der Stadt, besonders unter der gebildeten Bevölker-ung. Man blickte verdutzt hin und zog den Hut, dieDamen grüßten und steckten die Köpfe zusammen, währendin Armgard's Augen eine stille Genugthuung aufleuch-tete. Diese Fahrt mußte unbedingt jenes ärgerlicheGerücht, das sie und Julius Steindorf zusammen nannte,mit einem Schlage verstummen lassen. Lieber mochteman an eine Verbindung mit Mcnbach glauben, einesolche konnte sie wenigstens nicht in ihren eigenen Augenerniedrigen. Mochte der kluge Herr Julius sie auchdurch die' aufgezwungene Pflege seines Töchterleins zucompromittiren und dadurch an sich zu ketten suchen, soentwand sie ihm doch in dieser Stunde einen Haupt-trumpf, indem sie der öffentlichenMeinung ein neues Räthsel aufgab.
Sie fuhren an der Brandstättevorüber, wo nur schwarze Mauer-reste noch emporragten. Gestern nochbot das allerliebste Häuschen eintrauliches Heim stiller Zufriedenheit,selbstgenügsamenGlücks, unter dessemDache unzähligen Hülfsbedürftigenaller Klassen Rath, Trost und Hülfegespendet worden war. TanteHanna'sfrischer und fröhlicher Geist war um-nachtet, vielleicht gar — entsetzlicherGedanke — zum Blödsinn verurtheilt,ihr Heim vernichtet, während ihregeliebten Rosen abgebrochen und zer-treten auf dem Erdboden lagen, einBild trostloserZerstörung, welche dasUnheil dieser Nacht verschuldet.
Ueber Armgard's Wangen tropftenThränen bei diesem grauenvollenAnblick.
„ Soll ich Sie gleich zu der Krankenfahren, gnädiges Fräulein?" fragteMarbach endlich leise.
„Nein, wenn ich bitten darf, zu-erst zu meinem alten Hausarzt, Dr.
Peters, der an der neuen Prome-nade wohnt."
Es lag ihr daran, gesehen zu werden.
Der Arzt war nicht mehr daheim, sie blieb deß-halb bei der alten Frau Doctorin, mit welcher sie zu-sammen Tante Hanna besuchen wollte, und bat Mar-bach, sie hier, wenn er heimfahren wollte, wieder abzu-holen, was derselbe mit sichtlicher Freude versprach.
„In zwei Stunden etwa?" fragte er, und Armgardnickte zustimmend.
Die alte Frau Doctorin, welche mit ihrer verstor-benen Mutter einst sehr befreundet gewesen, blickte ihrforschend in die Augen und meinte dann, daß der jungeBesitzer von Rotenhof einen sehr guten Eindruck macheund sicherlich eine vielumworbene Partie sein werde,wozu Armgard ein nachdenkliches Gesicht machte, ihnlobte und sehr zerstreut schien, was die alte Dame, welcheArmgard besonders lieb hatte, mit sichtlicher Befriedig-ung zu bemerken schien.
Dann aber drehte sich die Unterhaltung einzig um
Professor vr. F. F. v. Funk.
die arme Tante Hanna, und Armgard bedauerte es,daß der Doctor sie nicht selber in sein Haus genommen,wo die Gute doch jedenfalls am besten aufgehoben ge-wesen sei.
„Er hat's ja wollen, meine Beste!" rief die Doc-torin, und auch ich hätt's so gern gesehen, aber es warnicht möglich, Ruhmnnn's, zu denen man sie in derEile zunächst geschafft, dazu zu bestimmen. Sie ist jaauch dort gut aufgehoben, es hätte Tante Hanna ebenein Jeder gern genommen."
Unter diesem Gespräch hatte sich die alte Dame,da Armgard jede Erfrischung ganz energisch sich ver-beten, zum Ausgehen gerüstet, worauf Beide das Hausverließen.
Sie wurden, bis sie zu ihrer Kranken gelangten,noch vielfach durch Bekannte aufgehalten, erreichten aberdoch endlich das Nuhmann'sche Haus und standen nachwenigen Minuten am Bett der Un-glücklichen, welche in ihrer Unbe-weglichkeit, ihrer starren Apathieschon mehr einer Leiche glich. IhrGesicht war so weiß wie die Binde,welche um ihre Stirn gelegt war,und die weitgeöffneten Augen blicktenmit blödem Ausdruck in's Leere.
„O, das ist entsetzlich!" flüsterteArmgard, faffungs-los in Thränenausbrechend, „und keine Hoffnungauf eine Aenderung dieses Zustan-des, der schlimmer ist als der Tod?"
„Keine als durch ein göttlichesWunder, mein liebesFräulein," sprachder Doctor, welcher leise eingetretenwar. „Glauben Sie mir," fuhr erflüsternd fort, „daß ich nur mit Wider-streben auf ihre leibliche Genesunghoffe, weil der Tod hier in der Thateine Wohlthat wäre."
„Und was kann die Ursache dieserGeisteslähmung sein, lieber Doctor ?"fragte Armgard, sich gewaltsamfassend.
„Unzweifelhaft eine tieferliegendeVerletzung des Gehirns, welche so-zusagen die directe Leitung der seeli-schenThätigkeit unterbrochen hat. Wirvermochten die Ursache, ohne das Leben der Kranken zugefährden, nicht anders festzustellen, als durch die Wirkung,welche nur darauf zurückzuführen ist."
Armgard beugte sich über Tante Hanna, sah ihrin die Augen und nannte mit zärtlichem Tone ihrenNamen. Doch nicht der leiseste Ausdruck oder diekleinste Regung deutete auf ein Empfinden oder Er-kennen hin; das Leben pulsirte noch in diesem Körper,weiter nichts.
Das junge Mädchen küßte sie zärtlich und verließdann schweigend mit der alten Doctorin das Kranken-zimmer. Der Arzt folgte ihnen.
(Fortsetzung folgt.)
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Goldkörncr.
Die Tugend ist die Mutter des Glücks; wer die Tochterhaben will, halte es mir der Mutter.