Ausgabe 
(27.4.1894) 34
Seite
253
 
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HL34.

Areitag, den 27. April

1894.

Kür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler ).

Tanke Sanna's Geheimniß.

Original-Roman von E. von Linden.

(Fortsetzung.)

Wie geht's mit Ihrer kleinen Patientin, FräuleinHolten? fragte der Doctor rasch.Muß ich hinaus-kommen?"

Wenn Sie können, bitte ich darum, lieber Doctor .Ich möchte überhaupt eine Wärterin für die Kleinehaben, da ich sie nun einmal"

Am Halse habe," ergänzte der Arzt, als siezögerte.Ich besorge Ihnen eine barmherzige Schwester,mein liebes Fräulein l werde sie Ihnen selber bringen."

Herzlichen Dank!"

Der Doctor ging zu der Kranken zurück, die beidenDamen verabschiedeten sich im Hause und gingen dannfort, um nach der furchtbaren Erschütterung sich durcheinen Spaziergang erst wieder zu beruhigen.

Ohne Verabredung, wie unter einem gemeinschaft-lichen Zwange schlugen sie den Weg ein, welcher ausdem Thore nach der Brandstätte führte. Dieselbe wurdevon einer Feuerwehrwache behütet, da mit der Ausräum-ung des Schuttes des zweiten Feiertags halber erst amnächsten Lage begonnen werden konnte.

Stumm wanderten die beiden Damen, welche vonder Wache die Erlaubniß dazu erhalten hatten, durchden Garten, welcher überall die Spuren jenes nächt-lichen Ereignisses trug. Sie wagten kein Wort zu spre-chen vor tiefer schmerzlicher Erregung, und setzten sicheinen Augenblick in die Laube, welche sich am Ende desObst- und Gemüsegartens befand.

Nun wird Ihnen das kranke Kind auch rechtlästig werden, Fräulein Armgard I" begann die Doctorinnach einer Weile.

DaS junge Mädchen starrte sie, wie aus einemTraume erwachend, fast erschreckt an.

Lieber Gott ! werden Sie nur nicht krank vondieser furchtbaren Aufregung, mein Kindl" fuhr diealte Dame, ihre Hand ergreifend, bekümmert fort.Wirmüssen uns Alle in das Unabänderliche fügen. Ichsprach von dem kranken Kinde, das Herr SteindorfIhnen aufgedrängt hat"

Es war nicht krank, als er mich darum ersuchte,"fiel Armgard hastig ein.

Mag sein, Kind, wenn er Ihnen nun dieKleind läßt und ohne den Ballast nach Amerika Zurück-kehrt?"

Armgard sah sie erstaunt an und schüttelte dannden Kopf.

Weßhalb halten Sie Herrn Steindorf für schlecht»Frau Doctorin?" fragte sie langsam.

Hat er diese Meinung nicht schon vor Jahren ge-rechtfertigt?"

Nein, er konnte nichts dafür, daß seine Liebeeiner Andern gehörte. Das Herz läßt sich nicht zwingen."

Nun, vielleicht ist sein Herz gefügiger gewordenund läßt sich vom Verstände leiten. Lassen wir ihn,Fräulein Armgard, und kommen Sie rasch mit mir hin-weg von dieser Stätte jammervoller Verwüstung."

Sie wollten die Laube verlassen, als Armgard,deren Blick am Boden wurzelte, sich rasch bückte, umeinen in die vom Regen aufgeweichte Erde tief eingetre-tenen glänzenden Gegenstand zu betrachten. Sie nahmein Stückchen, um denselben an die Oberfläche zu bringen»und hob ihn dann auf. Es war ein großer goldenerManschcttenknopf mit einem Monogramm.

W. P." las Armgard.

Hm, der ist in voriger Nacht im Gedränge ver-loren worden," bemerkte die Doctorin,mein Mann kannden Knopf der Polizei einliefern, dann wird sich wohlder Eigenthümer dazu finden."

In diesem Augenblick näherten sich Schritte.

Ach, Herr Marbach!" rief Armgard,und auchSie, Herr Warneck, guten Morgen! Wollen Sie sichdie Unglücksstätte ansehen?"

Die Herren grüßten und wurden von ihr der Doc-torin vorgestellt.

Es sieht sehr traurig aus," sagte Marbach,undgreift einem odentlich an's Herz, wenn man sich daskleine reizende, so überaus poetische Heim der altenDame in's Gedächtniß zurückruft."

Sie scheinen da etwas gefunden zu haben, meinFräulein," schaltete Warneck ein, der als Amerikanernur auf das Praktische sein Auge gerichtet und sofortden Manschettenknopf in Armgard's Hand gesehen hatte.

»Ja, sehen Sie, der Knopf ist von einem Herrnhier verloren und in den weichen Erdboden getretenworden," sagte sie, ihm denselben hinreichend.

Warneck betrachtete ihn von allen Seiten, zog dannsein Taschentuch heraus, um die Erdspnren zu tilgenund den Stempel zu erforschen.

Was wollen Sie mit diesem Funde beginnen, meingnädiges Fräulein?" fragte er zögernd.