Ausgabe 
(29.5.1894) 43
Seite
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blickend, mit bewegter Stimme hinzu,verzeihen Siedem alten, rücksichtslosen Manne, der es Ihren seligenEltern schuldig zu sein glaubt, Sie nicht ungewarnt vordem letzten verhängnißvollen Schritt zu lassen."

Es ist zu spät," sprach Armgard,aber ich dankeIhnen trotz alledem, mein väterlicher Freund."

Nein, noch nicht zu spät," beharrte der Dootor,ihre Hände ergreifend,noch warten Standesamt undAltar des letzten bindenden Wortes. Machen Sie sichfrei, liebe Armgard, versuchen Sie es, Ihr Verlöbniß,das nur einzig unter dem Druck jenes Ereignisses ge-schlossen worden, zu lösen. Wollen Sie mir die Voll-macht dazu geben?"

Armgard schwankte sichtlich, sie rang mit sich selber,mit ihrem Stolz, ihrem Gefühl für den Verlobten, dasdoch nur im Mitleid gipfelte.

Wir sind schon aufgeboten," sagte sie endlich,und er liebt mich"

Sind Sie davon so fest überzeugt, Fräulein Arm-gard? Möchten Sie diese Liebe nicht mal auf die Probestellen?"

Sie martern mich, Herr Doctor!"

Nein, mein Kind, ich wünsche Sie zu heilen, daSie krank, tief seelenlcidend sind. Mit sich selbst undder eigenen Kraft im Zwiespalt, aus dem Frieden IhresInnern gewaltsam geschleudert, verzweifeln Sie an demeigenen Charakter, dessen harmonische AbgeschlossenheitIhnen den festen Halt im Leben gab, welchen wir Allestets bewundert. Raffen Sie sich auf, Fräulein Holten,denn ich sage Ihnen, daß Sie an Ihrer Selbstachtungeinbüßen, wenn Sie diesen Mann heirathen. ErnennenSie mich zu Ihrem Vormund," setzte der Doctor dringendhinzu,Sie bedürfen eines solchen in deni Zustand hilf-loser Schwäche, worin Sie sich seit jener Katastrophebefinden. Er soll Ihnen mindestens Zeit lassen zurSelbstprüfung, zum ruhigen Nachdenken, weil ich esschmählich von ihm finde, als Mann von Ehre sowohlwie als trauernder Vater, der soeben erst sein einzigesKind begraben, mit solch' ungestümer, ja der Sitte unddem Anstand hohnsprechender Hast auf eine Heirath mitIhnen zu dringen."

O, mein Gott, wie recht haben Sie," stöhnteArmgard, in einen Sessel sinkend und beide Hände vor'sGesicht pressend. Dann richtete sie sich entschlossen auf,ihre Augen leuchteten fieberhaft, sie war leichenblaß bisauf die Lippen.

Ich wollte Sie schon bitten, mein Trauzeuge zusein, Herr Doctor!" sprach sie mit unnatürlich hart-klingender Stimme,konnte es aber bis zur Stundenicht über die Lippen bringen. Jetzt bitte ich umIhren Beistand als Vormund, da ich mich ihm gegen-über willenlos fühle."

So»ist's gut, Kind, er wird mich als Vor-mund nicht anerkennen, aber das schadet nichts, wennSie mir nur, da Sie mündig sind, die genügende Voll-macht zum Handeln geben. Bitte, mein Kind, gebenSie mir das schriftlich, seine Adresse lese ich hier"

Sie können das Couvert mitnehmen, Herr Doctor,da der Brief nach unserer Unterredung keine Bedeu-tung mehr hat," sprach Armgard, sich mit einer sonder-baren Ruhe vor ihrem Schreibtisch niederlassend, densie ausschloß, um einen Bogen Papier und ihr Siegelherauszunehmen.

Der alte Doctor beobachtete mit wachsendem Er-

staunen, wie sie mit fester Hand die Vollmacht schrieb,dann ein Wachslicht anzündete und ihr Siegel im fein-sten rothen Lack sehr sorgsam neben ihren Namen setzte,(zortsetzunz sotgi.) .

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Zeugnisse der Geschichte für die Wahrheit derheiligen Schrift.

(Hiezu die Bilder auf Seite 330 und 331.)

lNachd.uck verboten.I

Durch die Encyclica:krovittentissimuZ Osus"vom 18. November 1893 hat Papst Leo XIII. derBibliologie eine neue, das ganze Leben und Wirken derkatholischen Geistlichkeit beeinflussende Stellung angewiesen.Wie das Brevier, sei auch die heilige Schriftder stete Begleiter jedes Klerikers, der als Seel-sorger nach dem Willen des heiligen Vaters an Stellenatürlicher Beredsamkeit nur die Worte der Bibel, welcheder Ausfluß der göttlichen Offenbarung" ist, im Mundeführen und als Theologe die heilige Schrift,diese mäch-tige Stütze des wahren Fortschrittes und der Wissenschaft",als den Gegenstand seines Hanptstudiums betrachten soll.

Diese neue, von unserem glorreichen Papst ange-ordnete Aera des Bibelstudiums fordert aber, daß alle,die sich demselben widmen, und das ist ja der gesammteKlerus der über den Erdkreis verbreiteten katholischenKirche, die dazu nothwendigen Hülfsmittel ergreifen undbenützen.

Und ein solches prächtiges, in seiner Art unüber-treffliches Enchiridion ist die im Verlag FriedrichPfeilstücker in Berlin erschienene Illustrierte Bi-bel, aus welcher die sämmtlichen diesem Artikel bei-gegebenen Illustrationen entnommen sind, nach der Ueber-setzung Dr. I. Fr. von Allioli's. Außer 45 Licht-druckbildern nach Schöpfungen großer Meister enthältsie über tausend authentische Abbildungen von Land-schaften, Orten, Pflanzen, Thieren, Alterthümern, Münzen,Hieroglyphen und Keilinschriften, sowie Pläne, Karten undGrundrisse, welche nach den besten Quellen in muster-giltiger Weise hergestellt worden sind.

In den letzten hundert Jahren ist der Boden desheiligen Landes und der übrigen biblischen Länder derGegenstand vieler Forschungen und Untersuchungen seitensverschiedener Nationen gewesen. Die Ergebnisse dieserForschungen sind nicht nur für den Archäologen von Fachund den Gebildeten überhaupt, sondern auch für jedenChristen von größtem Interesse, denn wirkungsvoller alsmündliche und schriftliche Ueberlieferungen bezeugen diesein Stein und Erz gemeißelten Denkmäler einer uraltenVergangenheit die Wahrheit biblischer Berichte. Die Resul-tate dieser wissenschaftlichen Arbeiten sind in der Pfeil-stücker'schen heiligen Schrift mit erstaunlichem Fleiß 'undgrößter Gewissenhaftigkeit zusammengetragen und demLeser durch die Illustration veranschaulicht. Wir erwähnennoch, daß die Bilder der Stätten, wo der göttliche Welt-erlöser lebte, nach im heiligen Lande aufgenommenenPhotographien angefertigt wurden.

Da fesselt zum Beispiel das Auge des Theologeneine Abbildung:Mumie und Statue Ramses' II., desPharao der Bedrückung"." Diese Mumie wurde vonProfessor Brugsch im Jahre 1881 in der Nähe deruralten Königsstadt Theben ausgegraben. Sie war inder geräumigen Familiengruft der Ammonischen Priester-

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