Ausgabe 
(29.5.1894) 43
Seite
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und versprechen Sie mir, damit der Verbrecher nichtgewarnt werde, Tante Hanna's Genesung als Geheimnißzu bewahren."

Das verspreche ich Ihnen, lieber Doctor, keineMenschenseele, wer immer es auch sei und wie nahemir dieselbe stehe, soll etwas darüber durch mich er-fahren."

Ich danke Ihnen, mein Fräulein! Es muß unsdoch Alles daran liegen, den Buben, der so viel Unheilangerichtet, unschädlich zu machen, da sich Niemand vorseiner Tücke sicher fühlen kann. Und wenn Herr Stein-dorf auch wohl der Mann ist, ein Geheimniß zu be-wahren, ja, wenn ihn der Tod seines Kindes vielleichtdoppelt antreiben müßte, den Ruchlosen zu entdecken, sohalte ich es doch für besser, daß die Sache unter unsbleibt."

Sie haben ganz recht," sagte Armgard,er brauchtes nicht zu erfahren, da Tante Hanna ihm überhauptnicht sympathisch ist."

Dann will ich mich empfehlen, da Ihr Wagennun lange genug gewartet hat, liebes Fräulein."

Oder vielmehr mein Kutscher und die armenPferde," bemerkte Armgard, wehmüthig lächelnd.Gott mit Ihnen, Herr Doctor! Fahren Sie denn heute nichtin's Forsthaus zu Ihrem Kranken?"

Ich fahre gegen Abend hinaus. Der arme Kerlmacht mir große Sorge, ja, er thut mir in der Seeleleid, und ich könnte den ruchlosen Banditen hängensehen, der so kaltblütig mit Menschenleben gespielt."

Haben Sie wirklich gar keine Hoffnung mehr,Herr Doctor?"

Na, so lange das Leben noch pulsirt, muß auchder Arzt hoffen. Könnte ich ihm nur die innere Ruhegeben, aber er quält sich fortwährend mit fixen Ideen,welche sich um einen rothen Strich und verzeihenSie, Fräulein Armgard um Ihre Hochzeit drehen.Seltsam genug zermarterte sich der alte Reinhardt auchmit dem vertrackten rothen Strich, den er jetzt, Gott seiDank, zu vergessen haben scheint."

Er ist wieder besser?"

Hm, genesen noch nicht, aber doch mit vollenSegeln auf der Fahrt zur Genesung. Er ist sehr ent-stellt, doch haben wir, was ich nicht zu hoffen wagte,seine Augen gerettet. Wird immerhin noch wochenlangan den Folgen der Verletzungen leiden müssen. Ichmuß ihm stets von Ihnen und Ihrer Verlobung er-zählen. Gestern fragte er mich, wann Ihre Hochzeitsein werde, er wolle sich die Trauung ansehen."

Armgard war sehr blaß geworden, sie erinnertesich jenes Pfingst-Abends und seiner Erzählung beiTante Hanna.

Grüßen Sie Herrn Reinhardt von mir," sprachsie etwas gepreßt,versichern Sie ihn meiner aufrich-tigsten Theilnahme und theilen Sie ihm mit, daß meineHochzeit sofort dem Aufgebot folgen, aber nicht hier,sondern der Trauer halber in aller Stille auswärts statt-finden werde. Der Ort sei noch nicht fest bestimmt."

Und weßhalb denn auswärts?" fragte DoctorPeters erstaunt.

Steindorf wünscht es," versetzte sie, seinem Blickeausweichend,und mir selber ist es, aufrichtig gestan-den, auch am liebsten, da ich es nur zu gut weiß, wiehart ich von der Welt verurtheilt werde."

Sie meinen von der kleinen Welt unseres Städt-

chens," sagte der Doctor, sie nachdenklich anblickend,daswird Ihren Verlobten doch nicht weiter beirren odergeniren können. Ich glaube, mein Fräulein, daß dieWelt Ihre Beweggründe sehr falsch beurtheilt."

Und Sie haben recht, lieber Doctor! " rief Arm-gard mit einer ungewöhnlichen Heftigkeit,o, Sie wissennicht, wie dankbar ich Ihnen für diesen Glauben bin."

Sie drückte seine Hand, ergriff hastig ihren Sonnen-schirm und wollte gehen. Der Doctor hielt sie zurück.

Lassen Sie Kutscher und Pferde noch einige Mi-nuten warten, mein theures Fräulein," sagte er be-wegt.Ich war seit vielen Jahren nicht blos der Arzt,sondern auch der Freund Ihrer Eltern, welche mir einfreies Wort nicht übel nahmen. So erlauben Sie mirdas auch heute. Ich bin ein alter Mann und darfIhnen sagen, daß Sie einer Nachtwandlerin gleichen,welche mit geschlossenen Augen an einem Abgrund dahinwandelt. Als Freund und Arzt warne ich Sie vor demjähen Sturz, der Sie unrettbar zerschmettern wird. InUcberhastung wie eine Fieberkranke schließen Sie denwichtigsten Bund Ihres Lebens, worauf Sie zehn Jahresich besonnen haben."

Ist dieser Zeitraum noch nicht lang genug gewe-sen?" unterbrach Armgard ihn schwerathmend.

O, ich denke, es haben sich ehrenwerthe Männergenug um Sie beworbeu, denen Sie Ihre kostbare Frei-heit nicht opfern wollten. Nun gut, ich habe kein Urtheildarüber, möchte aber als Freund Ihre Hand ergreifenund mit mahnendem Zuruf Ihr rechtzeitiges Erwachenbewerkstelligen."

Und ich danke Ihnen für den Glauben an mich,an meine besonderen Beweggründe," sagte Armgard,ihm mit einem schmerzlichen Blick ihre Hand entziehend.

Nun, den Dank beanspruche ich auch noch!" riefder Doctor achselzuckend,was kann denn das weiterfür Ihr Glück bedeuten, wenn ich auch den festen Glau-ben hege, daß Sie nur einzig um eines Wahnes willensich verlobt haben. Ja, ja, ich wiederhole es, um einesunseligen Wahnes willen, mein armes Kind, wollen Siesich selber für's ganze Leben elend machen. Denn istes nicht ein Wahn, daß Sie, wenn auch nur indirekt,den Tod jenes Kindes verschuldet haben? War es etwaeine Leichtfertigkeit, mit der im Grunde ganz gesundenKleinen eine Spazierfahrt zu machen? Wollten Sie die-selbe irgend einer Gefahr leichtsinnig damit aussetzen?Konnten nicht auch Sie von dem Mordgeschoß getroffenwerden? Wo in aller Welt liegt auch nur der ge-ringste Grund vor, sich selbst deßhalb als Sühnopferdarzubringen?"

Er hatte das Kind meinem Schutze anvertraut,und ich erzwäng die Fahrt sozusagen von meiner altenEvers," versetzte Armgard mit versagender Stimme,mußte ich dem vereinsamten Manne nicht einen Ersatzfür den großen Verlust bieten?"

Ja, Fräulein Armgard, die Sache ist auch soweitin der Ordnung, wenn Sie den vereinsamten Mannlieben. Ist das aber nicht ^r Fall, und ichwenigstens glaube dies sehr fest, da^n konnten Sie mitihm Ihr Hab und Gut theilen, was immerhin daskleinste Sühnopfer Ihrerseits gewesen wäre, währendSie jetzt Ihr ganzes Glück drangeben, um diesenHerrn, der seinen Vortheil unv Ihre augenblicklicheSchwäche sehr rasch zu benutzen verstanden, zu entschä-digen. Nun, mein Kind!" setzte er, sie liebevoll an-