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und die Sache in's Reine bringen sollen, anstatt jetztzum gemeinen Einbrecher zu werden. Hm, wenn ichihr einige Zeilen hier ließe, sie schwiege gewiß, weil siezum Schaden noch Spott ernten würde. Und doch wider-strebt es mir, weil sie unerwartet heimkehren und michdabei überraschen könnte. Vielleicht hat sie nicht vielBaares im Hause, die Zeit verrinnt, es würde zu spätfür mich!"
Er athmete schwer, der Angstschweiß perlte ihmauf der Stirn. Die kleine Standuhr schlug die vierteNachmittagsstunde.
„Vor sieben kann der nächste Zug nickt eintreffen,"rechnete er, „ich halt's hier nicht aus. Also hin zu ihrauf dem schnellsten Nenner aus ihrem Stall. Nochwagt man es nicht, mir Widerspruch entgegen zu setzen.Um halb sechs Uhr muß ich in Moorkirch sein und einehalbe Stunde später schon über alle Berge. Bah, denKopf hoch und Deinem Stern vertraut, Du bist jetztaller Ketten ledig!"
Er schauderte wieder zusammen, zog dann rasch dieStiefel an und verließ das Zimmer.
„Habe drinnen Kopfschmerzen bekommen," sagteer zu der überraschten Mamsell, „will doch lieber nachder Stadt reiten, begegne meiner Braut vielleicht unter-wegs."
„Wollen Sie vorher etwas genießen, Herr Stein-dorf?" fragte sie gemessen.
„Ein Glas Wein, wenn ich bitten darf, aber rasch,"sagte er im Vorbeischreiten. Dann ging er schleunigstnach dem Pferdestall, wo sein abgehetzter Gaul sich ander Krippe gütlich that, suchte den besten Nenner herausund befahl einem dienstfertig hinzutretenden Knechte,denselben sogleich zu satteln und vor's Haus zu führen.
„Der versteht sich auf Pferde," brummte der Knechteinem Kameraden zu.
„Und auf's Commandiren," meinte dieser miteinem scheuen Blick auf die dahinschreitende eleganteGestalt.
Mamsell Evers stand bereits mit dem Wein aufder Treppe. Er stürzte zwei Gläser voll davon hin-unter, schwang sich dann auf's Pferd und ritt im schärf-sten Trabe davon.
* *
(Fortsetzung folgt.)
Die Augsburger Weber zu Reichsstadt Zeiten.
(Fortsetzung.)
Daß die Weber nur Lustbarkeiten nachjagten, warjedoch keineswegs der Fall. Gerade sie zeichneten sichgegenüber den anderen Handwerkern aus in einer ernstenund würdigen Benützung der Stunden des Feierabendsund des Sonntags. Schon im Jahr 1535 gab es inAugsburg Meistersängen, und der Rath räumte ihnen dieBarfüßerkirche ein, wo sie „ob dem Altare Schule haltenund über weltliche und geistliche Sachen singen durften."Unter den bis 1620 bekannten 280 Meistern erscheinen86 Weber und nur 20 Kürschner, 11 Schneider und jeunter 10 aus den anderen Gewerben. 39 Weber errangensich „die Krone", ihr Genosse Hans Weidner wird indem Verzeichnisse „der Dichter" genannt, und von dem18mal gekrönten MeterOnufrius Schwarzenbach (ch 1574)ist bemerkt: „hat etlich sehr beliebte ton gemacht."
Mit dem Jahre 1547 begann das Säkulum, welchesden Wendepunkt im Leben der meisten Gewerbe bildet.Hatte der Schmalkaldische Krieg der einst berühmtestenReichsstadt die aktive Rolle in der hohen Politik entrissen,so entlaubte der 30jährige Krieg den üppigen Baum desbürgerlichen Wohlstandes, und sechs Generationen harrtenauf den neuen lebenskräftigen Wurzelausschlag. All-mälig verknöcherte der ganze Staatskörper, und beinahealle seine Bestandtheile wurden unempfindlich gegen dieRegungen einer neuen Zeit.
Nachdem Kaiser Karl V. am 3. August 1548 dieZünfte aufgelöst, die Zunfthäuser verkauft und vie Ver-mögen eingezogen hatte, schloffen sich die verwandtenGewerbe als Vereine oder Innungen an einander undder politischen Bedeutung entkleidet, regelten sie nimmerihre eigenen Angelegenheiten, sondern die Verwaltungging in die Hand eines Vorstehers, zweier Rathsdepu-tirten und Geschworenen, durchweg obrigkeitlich bestelltePersonen, über. Nur die immerhin noch zahlreichen Weberbehaupteten insofern eine bevorzugte Stellung, als sieihr Zunfthaus behielten und die Deputation aus 3 Raths-gliedern und 3 Beisitzern aus dem Handwerk gebildetwurde.
Die Mehrheit der Weber erfreute sich noch einesleidlichen Auskommens, und sie sahen hoffnungsvoll indie Zukunft, seit einige Reichsstädte von 1594 an wegenVerbesserung ihres Looses wiederholt in Ulm tagten unddie Reichsstände zu Regensburg 1603 die Ausfuhr derBaumwolle aus Deutschland verboten hatten. Noch ver-giftete das Mißtrauen das Gewerbe nicht, um in einemVersuche, den Webstoffen ein anderes Aussehen zu ver-leihen, einen bedenklichen Feind zu wittern. Deshalbblieb Jörg Hofmann wegen der 1523 eingerichteten Bar-chentdruckerei unbehelligt.
Trostloser, als sich denken ließ, gestalteten sich aberalle Verhältnisse in der von 1617 bis 1635 durch Krieg,Hunger und Seuchen gequälten Stadt. Die Einwohner-zahl stürzte von 44,000 auf 16,432 herab, und wennsie sich auch im August 1645 wieder auf 21,018 Köpfeerhob, so war die Verarmung so groß, daß die höchsteSteuer nur 428 Gulden betrug gegenüber 2666 Guldenim Jahre 1617. Ein kümmerliches Brod gaben nurnoch 500 Webstühle.
Wer bei derartigen Zuständen aus den Zunftbüchernund Acten des Weberhauses von der Mitte des 17. biszum Ende des 18. Jahrhunderts erfreuliche Aufzeich-nungen erwartet, täuscht sich. Meist mit kleinlichen, mit-unter recht sonderbaren Angelegenheiten hatten sich dieVorsteher und Beigeordneten zu befassen, wodurch diebesten Gelegenheiten verpaßt wurden, das Gewerbe ausdem steril gewordenen Arbeitsfelde in einen jugendlichfrischen Boden zu verpflanzen. Es brauchte allerdingsgeraume Zeit, bis der Handel wieder erstarkte und dastägliche Brod in den Werkstätten nimmer fehlte, daherdie Deputirten auf dem Weberhause mehr als Armen-pfleger amtirten, anstatt für die Neubelebung des Hand-werks sorgen zu können. Jedoch bemühte sich der Rathredlich, dem Commercium aufzuhelfen. Dabei erschienihm als das zweckmäßigste Mittel, der Weberei unterdie Arme zu greifen, die Begünstigung der Barchent-druckerei. Er ließ, als dem Bedürfnisse genügend er-scheinend, 16 Druckereien zu, nur sollten auch die ge-druckten Waaren zur Schau gebracht werden, und erverbot sowohl das Hinausverkaufen der weißen Tücher,
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