Ausgabe 
(15.6.1894) 48
Seite
365
 
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M48.

Areitag, den 15. Juni

1894.

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und,Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesttzer vr. Max Huttlcr).

Tante Kanna's Geheimniß.

Original-Roman von E. von Linden.

(Schluß.)

Steindorf konnte sich nicht verhehlen, daß er so wieso unrettbar verloren sei, weshalb er die öffentlicheSchaustellung seiner Person um jeden Preis abkürzenwollte. Demgemäß verzichtete er auch auf ein Gnaden-gesuch und erbat sich als solches nur eine möglichst be-schleunigte Vollstreckung des Urtheils.

Sein gewohntes hohnvolles Lächeln war verschwun-den, er konnte die Ermahnungen und Trostworte desGeistlichen ruhig anhören und sogar wieder schlafen.Ob sein Kind ihm vor dem letzten, verhängnißvollenAugenblick noch einmal erschienen? Der Geistliche,welcher seine Hand ergriffen, fühlte plötzlich einen krampf-haften Druck, sah feine Augen weit geöffnet nach obengerichtet und vernahm den leisen Ausruf:Lotta, bittefür mich!"

Im nächsten Augenblick war Alles zu Ende!-

Wieder war es Lenz geworden, und auf's Neuesproßte, grünte und blühte es in Tante Hanna's Gar-ten. Ein neues Haus war aus der Asche erstanden,genau wie das alte gewohnte Heim der Greisin, welchedie ärztliche Kunst nicht blos vom leiblichen, sondern,was noch mehr bedeutete, auch vom geistigen Tode zueinem neuen Leben errettet hatte. > >

Und wieder klangen die Pfingstglocken von denThürmen der Stadt, mit Maienbäumchen war TanteHanna's Gartenpforte und die Veranda geschmückt, daman es sich nicht hatte nehmen lassen, die alte Freun-din mit diesem Gruß zu erfreuen. Sie wußte eswohl, wie hart und schwielig die Hände waren, welcheihr diese Maienfreude bereitet.

Tante Hanna saß auf ihrer Veranda, da der Arztihr den Kirchenbesnch noch nicht erlanbt hatte. DoctorPeters saß neben ihr und gegenüber der Maler Rein-hardt, welcher sein Augenlicht behalten und eine MengeVerzierungen und Arabesken, wie er die Narben nannte,als hübsche Zugabe bekommen hatte.

Denn sehen Sie, meine liebe Freundin," schloßReinhardt soeben seine Krankengeschichte,den größtenund handgreiflichsten Vortheil hat doch im Grunde unserDoctor hier aus dem schauerlichen Drama gezogen. Ja,schauen Sie mich nur recht grimmig und verwundert an,alter Aeskulap! Ist es nicht wahr, daß jener Mensch,

dessen Namen wir verschworen, unter uns zu nennen,Ihren ärztlichen Ruhm durch ganz Deutschland und dar-über hinaus verbreitet und erhöht hat? Hat der Schin-derhannes nicht etliche von uns armen Menschenkindernso wundervoll zugerichtet, daß alle Aerzte Sie um unsbeneidet haben? Und ist es Ihnen nicht gelungen, meineunglückselige Visage und vor allen Dingen meine Augen,Tante Hanna's zerschlagenes Gehirn und sogar unsernTodes-Candidaten Marbach wieder prachtvoll zusammenzu flicken, daß wir allesammt uns noch des schönenLebens freuen und den Herrgott preisen können fürdie Gnade, unserm Städtchen einen solchen medicini-schen"

Nun hören Sie aber auf," unterbrach ihn derDoctor, sich die Ohren zuhaltend,Sie blasen ja eineunausstehliche Fanfare. Wollen Sie denn durchaus,daß ich's Ihnen heimzahle und Sie mit Naphael, Ru-bens und Tizian vergleichen soll? Der Teufel hole alleRcclame und Unvernunft!"

Lassen Sie ihn nur immerhin Ihr Loblied singen,Herr Doctor!" sprach Tante Hanna mit ihrem altenmilden Lächeln.Freund Reinhardt macht's ja stetsein wenig arg, aber wahr bleibt e§ doch, daß Sie wahreWnnderkuren an uns verrichtet haben. Ich selber weißnur noch, wie schwer ich mich auf etwas besinnen konnte,und daß es mir zuweilen noch nicht leicht fällt, meineGedanken zu concentriren. Was Sie mir über meinengeistig-todten Zustand, der eine Lücke in meiner Er-innerung bildet, gesagt habcn, ist so furchtbar, daß ichmeinem Netter weder durch Dankcsworte, noch durch dieThat zu vergelten vermag. Nächst Gott sind Sie, lieberDoctor , die Leuchte meiner letzten Lebenstage geworden,da ich's nun einmal für ein grausames Geschick halte,einen zweifachen Tod zu leiden und schließlich wie einegedankenlose Pagode wegzusterben."

Na ja, ich freue mich doch auch, Sie wieder her-ansgeflicki zu haben!" rief der Doctor, feine Rührungunter einem bitterbösen Gesicht verbergend.Wissenmöchte ich's aber nur, wo Fräulein Holten jetzt in derWelt herumstreift. Ich habe ihr für den Winter Italien verschrieben, das sie aber bereits im Februar mit Afrika vertauscht hat."

Was will sie denn dort?" fragte Reinhardt er-staunt, während Tante Hanna still vor sich hinblickte,fürchte meiner Treu doch, daß sie den Schinder-hannes"