Ausgabe 
(15.6.1894) 48
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Tante Hanna hob die Hand und blickte ihn stra-fend an.

Gut, gut, ich bin schon still," brummte der Maler,das Schooßkind darf mit keinem schiefen Seitenblickgestreift werden. Was aber eine alleinreisende Dame"

Sie reist nicht allein, wie Sie sehr wohl wissen,Herr Reinhardt," unterbrach Hanna ihn auf's Neue,es ist leider Gottes eine böse Gewohnheit von Ihnen,alles Reine zu verlästern."

Da hören Sie's, Doctor , welch' verkanntes Genieich bin," sagte der Maler achselzuckend,die Wahrheitwird selbst von solchen milden Augen zur Lästerungumgewandelt. Meinetwegen mag Fräulein Holten nachdem Monde reisen, mich soll's nicht kümmern. Wäremir auch noch erklärlicher, als just nach Afrika ! Wasdie Evers dort wohl zu den Heiden und Türken sagenwird? Die alte Mamsell ist auch eine nette Beglei-terin für eine junge, ruhelose Dame. Wen hat siedenn als Wirthschafts-Cerberus in Edenheim eingesetzt?"

Tante Hanna wollte böse werden, mußte aber dochlachen und nannte ihn unverbesserlich.

Mamsell Evers ist just die beste Gesellschafterinfür das Fräulein," bemerkte der Doctor,und dasKlima in Afrika sehr zuträglich für derartige Nerven-leidsnde wie Fräulein Armgard. Seeluft, fremde Ein-drücke, Strapazen sind ganz vortreffliche Heilmittel,wenn's auch gerade nicht meine Absicht gewesen ist, siedorthin zu senden. Glaube, sie haben sich einer deut-schen Familie angeschlossen."

Tante Hanna sagte kein Wort dazu.

In Edenheim wird Mamsell Evers einstweilendurch ihre Nichte, eine junge PächtcrS-Wittwe, vertreten,"bemerkte sie nach einer Weile.

Hm, was geht's mich an," meinte Reinhardt miteinem humoristischen Seitenblick auf das nachdenklicheGesicht der Greisin,Fräulein Holten und ich warenimmer Antipoden. Aber daß der Bursche, der LeonhardMarbach, mir nicht ein einziges Mal geschrieben"

O doch, er sandte Ihnen einen Neujahrsgruß,Sie Undankbarer!" fiel Tante Hanna ihm energischin's Wort.

Nichtig, mein Gedächtniß wird auch schwach, wieich merke. Sie haben Recht, bekam aus Rom einenGruß und einen echten Raphael, den ich nicht für tau-send Mark hergeben würde. Wo der Heide denn einsolcher ist er in Kunstsachen dieses Juwel aufgegabelthat, das möchte ich wissen. Na, Sie haben's ja beidegesehen, aber was er dort den Winter über getrieben,und wo er überhaupt geblieben ist, das weiß ich bis zurStunde nicht."

Ich denke, er ging nach Nizza und hat dort wahr-scheinlich Fräulein Holten getroffen," warf Doctor Petersruhig hin.

Reinhardt blickte ihn verdutzt an und stieß danneinen langgezogenen Pfiff aus.

So hat er also an Sie geschrieben, Doktor?"fragte er mit einem Pfiffigen Lächeln.

Allerdings, er muß mir doch von Zeit zu Zeiteinen Rapport über seine Gesundheit abstatten. Ichrieth ihm zur Niviera, da Rom ihm nicht bekam, derarme Kerl hat viel nachzuholen, um wieder zu Kräftenzu kommen. Von Nizza ist er nach Afrika gesegelt, wieich ihm ebenfalls dringend gerathen"

Ei, jetzt wird's interessant," fiel der Maler lachend

ein,er trifft sie in Nizza, sie trifft ihn in Afrika , nun kommen Edenheim und Notenhof am Ende dochnoch unter eine Firma."

Wenn Sie doch nur ihre Folgerungen unterwegslassen wollten, mein lieber Reinhardt," sagte der Doctor,auf seine Uhr blickend.Schon nach elf, ich muß zumeinem Bedauern jetzt fort, Tante Hanna, entschul-digen Sie mich, habe noch einige Krankenbesuche zumachen und vom Bahnhof einen Freund abzuholen."

Dann kommen Sie zu spät, Doctor !" rief derMaler,habe vorhin schon das Pfeifen der Locomotivegehört."

Tante Hanna hatte sich erregt erhoben und dieHand auf des Doctors Arm gelegt.

Bleiben Sie noch einige Minuten, lieber, alterFreund," sprach sie mit vor Bewegung zitternder Stimme,Sie werden es nicht bereuen. Ich erbat mir heuteMorgen ihren längeren Besuch, Sie versprachen mir, sichfrei zu machen, nun dürfen Sie noch nicht gehen, Doc-torl Ja, ja," setzte sie mit einem lächelnden Blickauf das verwundert neugierige Gesicht des Malers hinzu,auch Sie, undankbarer Spötter, habe ich eigens ein-geladen, weil heute ein ganz besonderer Festtag fürmich ist."

Tantchen! Tantchen! sitzt hinter dieser Stirn nochein zweites Geheimniß?" fragte der Doctor, sie for-schend anblickend.Sie wissen doch, wen ich vom Bahn-hof abholen wollte, der arme Junge wartet jetzt ge-wiß bei meiner Frau."

Tante Hanna schwieg und beugte sich über dieVeranda, um auf ein fernes Geräusch zu horchen, wäh-rend die beiden Herren sich besorgt anblickten. Hattedie Greisin einen Nückfall bekommen?"

Jetzt wurde das Rollen eines Wagens hörbar.Eine Droschke fuhr heran und hielt vor der Gartenpforte.Tante Hanna eilte mit jugendlicher Raschheit die Stufenhinab und durch den Garten.

Donnerwetter!" schrie Reinhardt überrascht auf,da ist ja der Leonhard Marbach und neben ihm"

Ja, neben ihm sitzt eine Frau," ergänzte derDoctor mit einem äußerst vergnügten Gesicht,doch istes nicht die meinige. Den Leonhard wollte ich näm-lich vom Bahnhof holen und Sie damit überraschen.Tante Hanna aber ist uns darin über und, Gott seiDank, ganz die Alte wieder."

Von der Pforte her schritten Arm in Arm TanteHanna und Armgard Holten, deren frisches Antlitz beimAnblick der beiden Herren in Purpur erglühte. Siestreckte dem Doctor die Hände zum Gruß entgegen unddrückte ihm dann plötzlich, von ihrem Gefühl überwäl-tigt, einen herzlichen Kuß auf die Wange.

Für Tante Hanna's Gesundheit, lieber Doctor !"sprach sie tiefbewegt.

Und doch auch für den da," sagte der Doctor,auf Marbach deutend, der glückstrahlend mit der altenEvers folgte.

Ja, gewiß, auch für ihn," und Armgard küßteihm schalkhaft die. andere Wange.

Ich bin wohl gar nichts werth, meine Gnädige,"brummte Reinhardt, ihr die Hand entgegenstreckend,gehöre doch auch zum Attentat und zu Leonhard'sFamilie."

Sie ergriff mit festem Druck seine Hand.

Sie gehören fortan zu uns, Herr Reinhardt!"