Ausgabe 
(15.6.1894) 48
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sprach sie herzlich,denn, «eine Freunde, auf die Ge-fahr hin, von Ihnen als eine leichtsinnige Persönlichkeitverurtheilt zu werden, bekenne ich hier frank und frei,daß ich diesem jungen Mann nach Afrika nachgereistbin, um mich dort mit ihm zu verloben. Daß er vormir geflohen"

Halt, glauben Sie ihr das nicht," fiel Marbachlachend ein,ich habe meine Braut vom ersten Augen-blick an, da ich sie gesehen, geliebt und alle Qualender Eifersucht durchempfunden, als mir ein Unwürdigerzuvorkam. Ich fand sie in.Nizza wieder und warb umihre Liebe wie ein täppischer Knabe, bis sie dem ein-armigen Tölpel einen Korb gab, mit welchem er inseiner Verzweiflung nach Afrika sich einschiffte."

Jetzt komm' ich wieder an die Reihe," nahmArmgard rasch das Wort.Mamsell Ebers war soerbost über jenen Korb, daß sie mich allen Ernstes ver-lassen wollte. Sie fang mir täglich des EinarmigenLoblied in allen Tonarten vor, bis ich selber lebensmüdewurde und mich zu einer heimlichen Flucht entschloß.Das Wohin war mir noch unklar, bis ein Brief meinesguten Doctors mir ein Ziel angab."

Ich hätte Ihnen wirklich zu Afrika gerathen,Fräulein Holten?" fragte Doctor Peters mit einer un-schuldigen Miene.

Ja freilich, nicht direct gerade, aber Sie hattenaus meinem letzten Schreiben jedenfalls meine Flucht-gedanken errathen und ließen nun recht arglistig eineHymne auf das uordkrfrikanische Klima erklingen, dasfür Nervenleidende wahrer Balsam sei. Meine alteheimtückische Evers hockte gleich dahinter und spotteteüber Heiden, Türken und Mohren, so daß ich schließlichrabiat wurde und mich einer Touristen-Familie, welcheeinige Monate in Kairo wohnen wollte, sofort anschloß,es meiner alten Mamsell anheimgebend, nach Hause zureisen."

Was sie natürlich hübsch bleiben ließ," schmunzeltedie Alte.

Ja, sie ging richtig mit in's Mohrenland," fuhrArmgard mit drolligem Ernste fort,und wen trafenwir dort?"

Jetzt kommt an mich wieder die Reihe," fiel Mar-bach mit leuchtenden Augen ein.Der freilich höchstzierliche und überzuckerte Korb, den ich in Nizza erhal-ten, wurde mir eine immer schwerere und unerträglichereLast, weil die grausame Spenderin alle Vorzüge undLiebreize ihrer bezaubernden Persönlichkeit heimlich mithineingepackt hatte. Ich war wie verhext und lief täglichnach der Hafenstadt Bulakhinans, um die ankommendenSchiffe zu mustern, als müsse sich eines Tages ein Wun-der ereignen und die Ersehnte an's Land steigen. Undsiehe da, der Himmel schien Erbarmen mit mir zu haben,denn an einem wundervollen Morgen, als ich wieder,wie Ritter Toggenburg, am Hafen stand und einem sichnähernden Dampfer entgegenstarrte, kam mein Glückdahergeschwommen. Vielleicht Habs ich ein schrecklichdummes Gesicht gemacht, als ich sie sah, deren Bild ichTag und Nacht im Herzen trug."

Sehr geistreich fand ich das Gesicht nun geradeauch nicht," bemerkte Armgard trocken.

»Zugegeben, aber glücklich war's gewiß," fuhrMarbach fort.Was soll ich weiter berichten, meinelieben Freunde, sie kam, sah und diesmal besiegteich die spröde Korbspenderin im Sturm, iudem ich sie

ohne Weiteres an mein Herz schloß und nicht wiederfrei ließ."

Der entsetzliche Mensch!" schalt Armgard, sich mitTante Hanna in's Zimmer flüchtend und die Thür hin-ter sich verriegelnd.

Hanna sah sie fest an und fragte:Lieben Sieihn denn auch von ganzem Herzen, ohne den Nachge-schmack jener einstigen Neigung, mein theures Kind?"

Ja, mein einziges Tantchen, ich liebe ihn vonganzem Herzen, von ganzer Seele, weil er mir schongleich am vorigen verhängnißvollen Pfingsten so gut gefiel."

Dann bin ich beruhigt, Ihre Briefe waren mirnicht recht verständlich, der letzte aus Kairo aber ließmich ahnen, daß ich heute ein Brautpaar begrüßen werde.Gott segne Sie und erhalte Ihnen dieses Glück!"

Draußen auf der Veranda saßen die Herren imleisen Gespräch.

Herr Doctor!" sagte Marbach halblaut,ich ver-danke Ihnen mehr als mein Leben, das mir ohne Arm»gard doch werthlos schien. Sie haben mir geholfen,mein Glück wiederzufinden, haben mir Hoffnung undkecken Muth in's Herz geflößt und durch ärztliche Schach-züge mir die Spröde in die Arme getrieben."

Ja, ich habe der Vorsehung ein wenig nachge-eifert," sprach Doctor Peters lachend.Es machte mirSpaß, Sie Beide, die doch so trefflich für einanderpaffen, nach Afrika zu schicken, um dort Verlobung zufeiern."

Bravo!" schrie Reinhardt überlaut,unser Doctorsoll leben! Nun kommen Notenhof und Edenheimalso doch richtig unter eine Firma"

Schreien Sie nicht so fürchterlich," bat der Doctor,besorgt nach dem offenen Fenster blickend,wenn dieBraut dergleichen Schachzüge merkt, wäre sie im Stande,noch zurückzutreten. Machen Sie schleunigst Hochzeit,lieber Marbach!"

In spätestens vier Wochen," erwiederte dieser,rasch an's Fenster tretend und der sich lächelnd, mitdrohend emporgehobenem Zeigefinger, herausbeugendenArmgard einen Kuß auf die frischen Lippen drückend.

Er bleibt das Haupt," rief Reinhardt trinmphirend.

Und meine Frau die Krone!" sprach Marbach,ihre Hand zärtlich an die Lippen ziehend.

Ende.

----SSSMS-«-

Einiges über Erdbeben.

Die Erderschüttcrungen, welche in der jüngsten ZeitGriechenland und einen Theil von Südamerika heim-suchten, hatten die allgcnieine Aufmerksamkeit diesen ver-derblichen Naturerscheinungen zugewandt, und daher mages angezeigt sein, an dieser Stelle etwas näher auf das-jenige einzugehen, was die Wissenschaft über die Erdbeben,ihr Auftreten und ihre Ursachen ermittelt hat.

Starke Erdbeben sind die furchtbarsten Natur-erscheinungen, welche der Mensch durch die unmittelbareErfahrung kennt, es ist keine andere Kraftäußerung be-kannt, die in gleich kurzer Zeit und auf gleich ausge-dehnten Theilen der Erdoberfläche dem Menschengeschlechtauch nur entfernt so verderblich wäre. Dazu kommt, daßkein Theil der Erdoberfläche von Erschütterungen völligfrei ist und niemand Ort, Zeit oder Heftigkeit eines