Ausgabe 
(15.6.1894) 48
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Erdbebens bestimmt vorher angeben kann. Glücklicher-weise gibt es ausgedehnte Gebiete, innerhalb deren vieleJahrhunderte hindurch starke Erdbeben nicht vorkommen.Selbst in den Rheinlanden, deren Boden während desletzten Jahrtausends wenigstens 600mal erzitterte, istdie Gefahr verderblicher Erschütterungen, welche Lebenund Eigenthum der Bewohner vernichten, erfahrungs-gemäß so verschwindend, daß niemand daran denkt, eskönnte jemals der Wunderbau des Kölner Domes durchein Erdbeben vernichtet werden. Zu Lima in Peru aberhätte die Erde nicht einmal gestattet, eine solche Kathe-drale zu vollenden. In Griechenland duldete sie in ge-wissen Bezirken nur während unbestimmter Epochen derRuhe große Bauten. So am Festplatze zu Olympiaden wunderbaren Tempel des Zeus . Weder die rohenHorden der Gothen, noch die Befehle des Kaisers Theo-dosius, daß alle heidnischen Tempel zerstört werden sollten,konnten den gigantischen Bau völlig vernichten; erst diefurchtbaren Erdbeben des 6. Jahrhunderts zerschmettertendas Wunderwerk zu einer wilden Trümmerhalde undwarfen über die Stätte uralter Herrlichkeit eine mächtigeDecke von Schutt.

Die gewaltigen Erschütterungen, welche ganze Städteumstürzen, Tausende von Menschenleben in einem Augen-blicke vernichten, Felsstürze hervorrufen und bisweilenkilometerlange Bodenspalten erzeugen, sind die äußerstenStufen der Scala, die abwärts bis zu leisem Erzitterndes Bodens und zu jenen mikroseismischcn Erdpulsationenausklingt, welche erst die neueste Zeit mit Hilfe sehrfeiner Instrumente kennen gelehrt hat. Große Erdbebenbreiten ihr Erschütterungsgebiet meist über einen erheb-lichen Theil der Erdoberfläche aus. Das gewaltige Erd-beben von Lissabon (am 1. November 1755) wurde inDeutschland, Skandinavien, Island und Grönland , amOntariosce, auf den Antillen und in Nordafrika verspürt,sodaß damals mehr als der 13. Theil der ganzen Erd-oberfläche erzitterte. Noch weit größer würde seine Aus-breitung erschienen sein, wenn man zu jener Zeit dieseinen Meß- und Beobachtungsapparate besessen hätte,die der heutigen Wissenschaft zu Gebote stehen. Mittelsdieser hat sich z. B. herausgestellt, daß das japanischeErdbeben von Kumawato am 28. Juli 1889 sich durchleises Zittern des Bodens in Potsdam und WilhelmS-havcn (wo sclbstrcgistrirende Instrumente aufgestellt waren)bemerkbar machte. Dieses Erzittern wurde von denApparaten 67 und 225 Minuten nach dem Stoße inJapan aufgezeichnet, und zwar entspricht die erste Schwing-ung der direkten Wellenbewegung des Bodens westwärtsvon Japan durch Asien über Rußland nach Nord-deutschland, auf einer Strecke von 8860 Irm; die zweiteden Erschütterungswcllen des Bodens, welche durch denGroßen Ocean, über Nordamerika , durch den AtlantischenOcean ostwärts verliefen, auf einem Wege von 31,140 Irrn.Die erste ergibt eine Geschwindigkeit im Fortschritt deswellenförmigen Bodencrzitterns von 2,2 Irm in der Secunde,die andere eine solche von 2,3 Irm. Fast die nämlicheGeschwindigkeit ergab sich bei dem japanischen Erdbebenam 18. April des gleichen Jahres, andere Erdbeben-katastrophen führten auf Werthe von 3 Irm oder etwasdarüber. Die Fortpflanzungsgeschwindigkeit ist größerbei heftigen als bei schwachen Stößen, und ebenso größerin festem, dichtem Gestein als in lockerem Boden, wodie Bewegungswellen rasch zum Erlöschen kommen. Ver-suche haben ergeben, daß durch Pulvercxplbsionen erzeugte

Bodenerschüttcrungen sich in Sandstein mit einer Ge-schwindigkeit von 1,2 Irm, in dichtem Granit mit einersolchen von 2,4 bis 3,1 Irm in der Secunde bewegen.Da nun die von den Apparaten angezeigten schwachenSchwingungen, die sog. mikroseismischen Bewegungen,auf Geschwindigkeiten von mehr als 2 Irm für die Secundeführen, und da diese Schwingungen sich meist in großerTiefe fortgepflanzt haben, so kann man daraus schließen,daß die tieferliegenden Schichten des Erdkörpers ausfestem Gestein nach Art des Granit bestehen. DerjenigePunkt der Erdoberfläche, an welchem die Erschütterungzuerst eintritt, wird Epicentrum genannt, und man mußannehmen, daß er derjenigen Stelle im Innern der Erde,von wo die Erschütterung ausgeht, also dem eigentlichenHerd der Erscheinung, am nächsten ist. Man hat ver-schiedene Methoden ersonnen, um über die Tiefe jenesHerdes unter der Erdoberfläche Aufschluß zu erhalten,allein diese Methoden sind nicht einwurfsfrer, auch er-fordern sie genauere Beobachtungen, als bei Erdbebenangestellt werden können. So viel ergibt sich jedoch mitSicherheit, daß der Herd der Erschütterungen keineswegsin sehr großen Tiefen, sondern verhältnißmäßig nahe derOberfläche in den festen Gesteiusmasscn der Erdrinde zusuchen ist. Wahrscheinlich überschreitet diese Tiefe niemals40 bis 50 Irm.

Die Art der Bodenbewegung bei großen Erdbebenist sehr verschieden; nahe dem Epicentrum kommen verticaleBewegungen vor, in weiter Entfernung meist nurwellenförmige Schwingungen. Im einzelnen ist dieWirkung der letzteren, wie sie sich in den angerichtetenZerstörungen offenbart, sehr verschieden. Bei dem Erd-beben von Niobamba in Ecuador am 4. Februar 1797wurden Baumpflanzungen, die vordem parallel waren,gekrümmt, Accker, auf denen verschiedenartige Getreide-pflanzungen standen, erschienen später ineinandergereiht,und als Humboldt den Grundriß der zerstörten Stadtaufnahm, zeigte man ihm die Stelle, wo das ganze Haus-geräth einer Wohnung unter den Ruinen eines anderengefunden worden war. Agatino Longo erwähnt, daß beieinem Erdbeben zu Catania mehrere Bildsäulen herum-gedreht wurden und man die Richtung einer großenSteinmasse um 25° verändert fand. Beim Erdbeben zuValparaiso am 19. November 1822 wurden mehrereHäuser umgedreht, und man fand später drei Palmenwie Weiden umeinander gewunden. Aehnlichc scheinbareDrehbewegungen haben sich auch bei dem großen Erd-beben von Charlcston 1887 gezeigt; sie sind aus örtlichenZuständen an der Erdoberfläche zu erklären, erfordernaber nicht die Annahme von rotatorischen Stößen. Daßwirklich Stöße von unten nach oben bei starken Erd-beben vorkommen, ist trotz gegentheiliger Behauptungenunzweifelhaft. Einen Beleg dafür kann die Katastrophevon Jschia am 28. Juli 1883 liefern. An jenem TageAbends 9 Uhr 22 Minuten gab ein unterirdischerKanonenschuß das Zeichen zum Untergänge, ein Stoßfolgte, vergleichbar der Explosion von zehntausend TonnenDynamit, und Casamicciola war nicht mehr. Keineweitere Bodenbewegung wurde, soviel bekannt, wahr-genommen. Sehr deutlich wurden verticale Stöße beigewissen Seebeben verspürt. Bisweilen macht sich danneine stoßende Bewegung an Deck wahrnehmbar, wodurchSchiffe ins Schwanken gerathen, Masten und Raaenerzittern und die Steuerruder hin- und Herstoßen. Beinoch stärkeren Stößen werden schwere Gegenstände um«