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geworfen und die Leute in die Höhe geschleudert. Beieinem Seebeben an der kleinasiatischen Küste, welchesViolet d'Aroust beschreibt, wurde eine französische Corvettedurch einen verticalen Stoß heftig in die Höhe geschleudertund dermaßen in allen Theilen erschüttert, daß man imersten Augenblick ihre gänzliche Zertrümmerung befürchtete.E. Rudolf, der die unterseeischen Erdbeben genau studirthat, beweist mit einer langen Reihe zuverlässiger Zeugnisse,daß indessen der stärkste Verticalstoß durchaus nicht noth-wendig eine Welle an der Meeresoberfläche zur Folgehat, ja, daß bei glattem Seespicgel und Windstille derintensivste Stoß eine Aenderung im Zustande des Meeresnicht hervorruft. Diese Thatsache kann als durchausfeststehend betrachtet werden; ebenso sicher ist es aber auch,daß in gewissen, wie es scheint, seltenen Fällen das Meersich zu mächtigen Wellenbergen erhebt, die bei ihrem Fort-schreiten über den Ocean als hohe Wogen sich kenntlichmachen. In anderen Beispielen wird berichtet, daß dasMeer längsseits des Schiffes oder unter demselben zusieden schien, oder daß das Wasser in Strahlen von 12bis 15 Fuß Höhe emporgeschleudert wurde, als wenn eskochte. Der Dampfer John Elder wurde am 9. Mai1877 mit der auffluthenden See auf einen steilen Wellen-berg gehoben, ein schäumender Abgrund sog die Gewässeran den Flanken auf, während die Schraube, mit unheim-lichem Geräusch in der Luft sich drehend, zischte, dannbog sich das Schiff vornüber und stürzte mit tosendemGeklatsch in die Tiefe. Unterseeische Erdbeben erzeugenals solche keine Fluthwellen, solche entstehen nur dann,wenn unterseeische Ausbrüche stattfinden. Wenn dagegenKüstenstrccken durch starke Erdbeben in Erschütterung ver-setzt werden, so gcrüth auch der Meeresspiegel in Schwank-ungen: das Meer Acht sich zurück und kehrt als unge-heure Welle, alles überschwemmend, wieder. Keinen furcht-bareren Anblick gibt es für den Kundigen, als diesesZurückziehen des Meeres bei einem Erdbeben! EinAugenzeuge beschreibt den Vorgang bei dem Erdbebenvon Jquique im August 1868 mit folgenden Worten:
„Langsam war das Wasser des Meeres angeschwollen,da sah ich Plötzlich mit Entsetzen die See sich zurückziehen,nicht langsam wie sie gestiegen war, sondern mit grausen-hafter Heftigkeit. Vor mir hob und hob sich das Ufer,sodaß ich bald bis zur vorgelagerten Insel hin vom Meerenichts mehr sah. Auf einmal zeigte sich in einiger Ent-fernung hinter der Insel eine lauge, hohe Welle, dienach dem Lande zu mit großer Regelmäßigkeit vordrang.Nun schien mir kein Augenblick mehr zu verlieren. Ichrief den beiden im Hause befindlichen Freunden zu, umsie auf die Gefahr aufmerksam zu machen. Dieselbenkamen, meinten indeß, die Welle werde sich an der Inselbrechen. Wir warteten nun auch dies noch ab und hattenso das großartige Schauspiel, das Meer mit einer Ge-walt über die Insel weggehen zu sehen, daß das Wasserzum Himmel zu spritzen schien. Aber für uns war auchder letzte Augenblick der Rettung gekommen. Unter demstets wachsenden Getöse des sich heranwälzendcn Wassers,und als die Welle dem Lande schon näher war als derInsel, fingen wir drei endlich an, der Höhe zuzulaufen,— für den letzten von uns, der sich etwa zehn Schrittezurück befand, schon fast zu spät, denn er wurde vomWasser erreicht und fortgeschleudert, dann, während ersich inmitten der Trümmer der rechts und links von ihmzusammenstürzenden Häuser, die ihn an mehreren Stellenverletzten, aufraffte, aufs neue erfaßt und fortgeschleudert.
Er blieb endlich, als das Meer das Gleichgewicht wiedererlangt hatte, auf dem Trockenen, ohne zu wissen, wie.Ich glaubte eine Zeit lang allein von uns drei die Ge-fahr begriffen zu haben, als ich die anderen aufforderte,die Thür zu schließen und der Höhe zuzueilen; und doch,nachdem ich nicht weit gelaufen war, blieb ich stehen undsah zurück, um die Wirkung der Welle zu sehen, wasich sicher nicht gethan haben würde, wenn ich von derGewalt derselben eine Ahnung gehabt hätte. So kommtes, daß ich mich des Augenblicks, in welchem die Welleam Lande anlangte, mit solcher Lebhaftigkeit erinnere,daß der Anblick mir immer vor Augen stehen wird. DieWelle, schwarz vom Sand und vom Schmutze, den siebereits aufgewühlt hatte, mochte etwa 80 Fuß hoch sein;sie reichte bis zu dem Balcon des Hauses, von wo Wasserund Schaum noch über das Haus wegspritzten. Wennich noch einen Augenblick die Hoffnung gehegt hatte,daß die Häuser im Stande sein würden, dem Andrängedes Wassers zu widerstehen, so wurde ich dieser Täuschungsofort entrissen. In diesem einzigen kurzen Augenblickverschwand unter dem entsetzlichsten Getöse der zusammen-stürzenden Häuser die ganze Straße de la Pantilla, unddaS Meer verlor dadurch so wenig von seiner Heftigkeit,daß es, obschon nun ganze Berge von Holz und Trümmernvor sich herwälzend, doch die nachfolgenden Gebäude mitderselben Leichtigkeit wegfegte, bis durch das Ansteigendes Terrains auch die Welle an Höhe und dadurch anKraft verlor. Ich lief, so schnell ich konnte. Als ichmit Mühe etwa 200 Schritte weit gekommen war, sahich zu meiner Linken an der ganzen Seite der Pantilla,wie das Meer, welches das ganze Ufer kahl gewaschen,die unförmlichen Trümmerhaufen der zahlreichen Häuser,die dort standen, vor sich herwälzend, noch in unauf-hörlichem Vorrücken begriffen war. Da verließ mich mitden Kräften auch der Muth. Das Meer hinter mirund nun auch von der Seite sich heranwälzend, gab ichmich verloren und blieb stehen. Aber es ließ mich amLeben, und als ich zurückblickte, hatte es sein natürlichesNiveau erreicht und zog sich in sein früheres Bett zurück,nachdem es nur noch zwei Schritte von mir entferntgewesen war."
Südamerika , besonders in seinen äquatorialen Theilenund den Regionen an der pacifischen Küste, gehört zuden von Erdbeben am meisten und schrecklichsten heim-gesuchten Gegenden der Erde. In manchen Fällen stehendiese Erdbeben mit der Thätigkeit der andinischen Feuer-berge in Beziehung, aber gerade die heftigsten Erschütter-ungen zeigen dort keinen Zusammenhang mit den Vul-canen, ja, in Nordamerika findet man, daß die Alluvial-Ebene des Mississippigebietes, obgleich sie fern von allenVulcanen liegt, sehr oft von heftigen Erdbeben heim-gesucht wird. Auch in Europa sind es nicht nur dievulcanischcn Gegenden, welche von Erdbeben häufigerzu leiden haben, sondern in nicht geringerem Grade wur-den die Abruzzen, Calabricn, häufig auch die Alpen unddie Kalksteingebiete von Kram und Jstrien, endlichGriechenland verheert. Zu den merkwürdigsten und schreck-lichsten Erdbeben gehören die, welche im Februar undMärz 1783 Calabrien heimsuchten. Das Centrum der-selben scheint das Städtchen Oppido in der Nähe deZschneebedeckten Aspromonte gewesen zu sein. Zu wieder-holten Malen vernahm man damals unterirdischen Donner,der aus südwestlicher Richtung zu kommen schien, ihmfolgten die Erschütterungen, welche die merkwürdigsten