Ausgabe 
(15.6.1894) 48
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Veränderungen der Oberfläche hervorriefen. Mehr alshundert Berge und Hügel wurden von ihrer Grundlagegerissen, sodaß ungeheure Bergstürze erfolgten, welcheFlüsse abdämmten, Städte und Dörfer zerstörten undfast 100,000 Menschen tödketen.

Die Gegend, in welcher dieses furchtbare Erdbebensich abspielte, bildet nach Süß die Trümmer eines einstzusammenhängenden Gcbirgskerns, der heute die Straßevon Mcssina durchquert und dessen hauptsächlichster Bruch-rand an der Westseite des Aspromonte gegen die Liparenblickt. Dieser Bruchrand nun ist die Straße gewesen,auf welcher damals die seismische Thätigkeit an ver-schiedenen Punkten ihre größte Kraft entfaltet hat. Abernoch mehr. Wie Süß nachgewiesen, ist jene Linie nurein Theil eines Bogens, der die liparischen Inseln gegenOst und Süd umgibt und durch zahlreiche Erschütterungenausgezeichnet ist. Dieser Bogen läuft jenseit der Mceres-enge zum Aetna und setzt sich wahrscheinlich über Nicosiazu den makedonischen Bergen fort. Die ganze Bogen-linie hat einen Durchmesser von 90100 km, undinnerhalb derselben sind andere Stoßlinien bekannt, aufwelchen Erschütterungen eintraten, die meist von denliparischen Inseln gegen außen gerichtet sind. Innerhalbdieser Inseln, südlich von Strornboli, nähcrungsweise imCentrum jenes großen Bogens, liegt eine Gruppe vonInseln und Klippen, welche die Trümmer einesvormaligen gewaltigen Kraters bilden. DasGanze ist ein Senkungsgebiet, innerhalb dessen radialeSprünge in der Erdrinde entstanden, die gegen dieliparischen Inseln hin convcrgiren und dort mit vul-kanischen Ausbruchsstellen besetzt sind. Jede neue Gleich-gewichtsstörung der einzelnen Schollen verursacht gesteigertevulkanische Thätigkeit auf den Inseln und Erschütterungendes Festlandes oder Siciliens. Im Laufe der kommen-den Jahrtausende wird die Senkung allmählich fortschreiten,die heutigen Gestade werden dort versinken, und dieStraße von Messina wird sich erweitern. Die jüngstenfurchtbaren Erdbeben in Griechenland sind ebenfalls längseines alten Bruchrandes auf dem geologischen Senkungs-gebicte Europas aufgetreten. Ihr Hauptherd lag beiAlalante und Chalkis auf Euböa.

Die Einzelheiten der Verheerungen hat ein Bericht-erstatter derKöln. Ztg." geschildert, hier soll nur daraufhingewiesen werden, daß keinerlei rein vulkanische Er-scheinungen dabei zu Tage traten. Zwar wird die ge-nauere Forschung vielleicht auch dort wie bei dem großenErdbeben vom 26. Dezember 1861 an der Küste vonAchaja die Entstehung von sandigen, kraterförmigen Kegelnausweisen. Alle diese entstanden in dem letztgenanntenFalle da, wo Spalten an der Oberfläche einen gemein-samen Kreuzungspunkt halten, und sind nicht vulkanischerNatur. In so hohem Grad aber erinnerten diese Kegeläußerlich an Vulkane, daß bei dem Erdbcbm von Agram,wo sich in geringerm Maße Aehnliches zeigte, die Bevöl-kerung an die Möglichkeit der Entstehung eines Feuer-berges dachte. Unsere heutigen Erdbeben sind aber vielzu schwach, um die Entstehung wirklicher Dulcane her-vorzurufen. Hiermit ist ausgesprochen, daß der Vulkanis-mus nicht, wie man einst glaubte, die Ursache der Erd-erschütterungen ist. Zwar werden solche durch vulkanischeAusbrüche hervorgerufen, aber diese Erdbeben haben stetsnur ein beschränktes Erschütterungsgebiet und sind nichtin Vergleich zu stellen mit den großen, ganze Erdtheilein Zittern versetzenden Beben. Ueberhaupt ist es unstatt-

haft, nur eine einzige Ursache für sämmtliche Erdbebenannehmen zu wollen. Als in den Jahren 1772 und 1810Felsmasscn von der Shakespeare- Klippe in'S Meer stürzten,hatte Dover eine ziemlich starke Erderschütterung, undebenso erregte der Erdsturz bei Zclla am 12. November1869, der einen tiefen Erdspalt erzeugte, eine so heftigeBodcnerschütterung, daß in der Nähe Kamine einstürzten.Das Zusammenbrechen unterirdischer Hohlräume, künst-liche Sprengungen, ja, die Schläge des Krupp'schen Riesen-hammers verursachen Bodenerschütterungcn, endlich hat manin Japan einen Zusammenhang der leisen Erzittcrungender Erde mit den Schwankungen des Luftdrucks und derHeftigkeit des Windes erkannt. Der Erdboden erscheinthiernach trotz seiner Starrheit wie eine elastische Masse,und daß dies wirklich der Fall ist, hat sich auf der Stern-warte zu Grccnwich gezeigt, an deren Instrumenten einezitternde Bewegung des Bodens besonders lebhaft auftrittan Feiertagen und besonders dann, wenn der umgebendePark stark besucht ist. Diese Boden-Erzitterungen sindnur oberflächlich und ihre Ausbreitung wird schon durcheinen steilen Einschnitt aufgehalten. Dies erinnert andie Thatsache, daß bei starken Erdbeben in oft erschüttertenGegenden gewisse Stellen unberührt bleiben, die vom VolkeErdbebenbrückeu genannt werden. Die meisten und vorallem die großen, weithin ausgedehnten Erderschütterungenstehen in engem Zusammenhang mit der Gcbirgsbildungund werden verursacht durch die Ablösung größerer Erd-schollen in der Tiefe, weshalb man sie als tekto nischeoder Dislocations-Beben bezeichnet. Alle Beweg-ungen im festen Gerüst unserer Erde, wodurch die Ge-birge aufgethürmt und Senkungen und Einstürze hervor-gerufen wurden, waren als solche Erdbeben von furcht-barster Gewalt. So sind auch die heutigen Boden-erschütterungen Aeußerungen der langsam fortschreitendenGebirgsstauungen, des Schrumpfungsprocesses unserer sichallmälig abkühlenden Erde. Sie erfolgen auf Zonen oderLinien längs vorhandener Lagerungsstörungen (Brüchenund Faltungen) der Erdrinde als ruckweise, weitere Aus-bildung derselben. In Kettengebirgen, die durch horizon-tale Faltung der Erdrinde entstanden, wie die Alpen unddie Cordilleren, sind Erdbeben deßhalb häufig, ebenso inKüstengebieten, wo der abgesunkene Meeresboden vonGebirgen unmittelbar umgrenzt wird; dagegen sind sieseltener in alten, längst zur Ruhe gekommenen Gebirgenund in Gegenden mit wenig gestörtem Schichtenbau. Soerscheinen also die Erdbeben als Auslösungen von Span-nungen im Gerüste der Erde, und alles, was diese Aus-lösungen erleichtert, muß das Eintreten von Erdbebenbegünstigen. Nun zeigten die statistischen Zusammen-stellungen, die zuerst von Parry, dann besonders vonJulius Schmidt geliefert worden, daß zu den Zeiten derstärksten Meeresflnthen auch die Erdbeben zahlreicher sindals sonst, und daß in der Erdnähe des Blondes mehrTage mit Erdbeben verzeichnet sind, als bei gleichmäßigerVertheilung der Fall sein würde. Es findet also einEinfluß des Mondes auf die Erdcrschüttcrungen statt,und zwar in ähnlicher Weise wie auch das Anschwellenund Sinken des Meeres in den Gezeiten. Eine irrigeAuffassung der Sachlage aber wäre es, dies durch Fluthund Ebbe eines glühend flüssigen Erdinnern erklären zuwollen, denn solche könnten die wirklich eintretenden Er-scheinungen nicht hervorrufen. Die einzig zulässige Er-klärung, die ich an diesem Orte bereits bei einer andernGelegenheit gegeben habe und die ich bei diesem Anlaß

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