Ausgabe 
(26.6.1894) 51
Seite
390
 
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Als er den ihm wohlbekannten Kriminalbeamtenerblickte, funkelte in den kleinen Augen etwas wie Ueberaschung und Mißvergnügen auf.

Na, Nathansohn," redete ihn in cordialem Toneder Beamte an, der einen scharfen Blick auf ihn ge-worfen hatte,Ihr habt etwas für mich. Soll ichrathen? Eine goldene Uhr etwa?" Das Wort traf denJuden wie ein Hieb.

Eine goldene Uhrl" wiederholte er, die Händezusammenschlagend, in einem schmerzlich vorwurfsvollenTone, daß der Beamte sich gleich so hoch versteige.

An einer goldenen Kette?" rieth der andere weiter.

Ich schwör's beim gerechten Gott über mir," riefjetzt der Jude, die Hände gen Himmel schüttelnd,daßich hab' keine goldene Kette!"

Nun, ereifert Euch nur nicht, Nathansohn. Ichglaube Euch ja. Der Herr Baron hier ist schon mitder Uhr zufrieden. Gebt sie heraus!"

Nathansohn wandte sich jetzt an Wolfgang.

Wie soll die Uhr aussehen?" fragte er diesen miteinem durchbohrenden Blicke des Mißtrauens.

Es war ein letzter Strohhalm von Hoffnung, anden er sich anklammerte. Der Kriminalbeamte lächelte.

Der Baron beschrieb Gehäuse und die Art der Ar-beit auf's genaueste.

Nathansohn stieß einen Seufzer aus, dann ging erin gebrochener Haltung nach einem kleinen Hinterzimmer.

Wir können von Glück sagen, Herr Baron, daßwir's gleich auf den ersten Wurf getroffen haben," be-merkte der Beamte.Nathansohn wird sich jetzt dadrinnen die Haare ausraufen, daß die kostbare Uhr nochnicht auf dem Wege nach Hamburg oder Leipzig ist."

Es währte eine gute Weile, ehe der Jude zurück-kam. Er mochte wohl in seiner Klause mit dem Pracht-stück noch ein wenig liebäugeln und blutenden Herzensden Gewinn berechnen, den es ihm hätte bringen können.

Endlich kam er, langsam und schlotternd. Er hieltdas eorpnL äslioti in beiden Händen, die obere überder unteren zusammengeschlossen.

Was für Zahlen sind auf dem Zifferblatt?" in-quirirte er den Baron, die Hände noch fest übereinanderschließend.Römische oder deutsche?"

Es sind römische Zahlen," antwortete Wolfgang.Der letzte schwache Hoffnungsschimmer war erloschen.Die rechte Hand des Juden, welche die Uhr bedeckt hielt,sank wie eine Hülle herab, und auf der flachen Linkenlag Wolfgangs prachtvolles Erbstück.

Nathansohn," sagte der Krimtnalbeamte mit einemsiegreichen Lächeln,diesmal seid Ihr nicht früh genugaufgestanden." Da aber kamen alle bisher zurückge-drängten Gefühle des Juden, die schmerzliche Entsagungund das Bewußtsein, dem eisernen Zwange der Pflichtgehorcht zu haben, zum Ausbruch.

Herr Cowmissarius!" rief er mit blitzenden Augenund die bebende Hand vor die Brust schlagend,Moses Nathansohn ist ein ehrlicher Mann!"

Daran zweifelt niemand, Nathansohn," entgegneteder Beamte, den Aufgebrachten beschwichtigend auf dieSchulter klopfend,ich weiß, daß Ihr ein Ehrenmannseid, welcher seine Pflicht kennt, ich weiß auch, daß Ihrdie Uhr nicht angenommen habt, ohne vorher Einsichtin die Legitimation des Ueberbringers zu nehmen, schadenur, daß die Legitimation selbstverständlich gefälscht odergestohlen war."

Der Jude machte eine bedauernde Handbewegung,als wollte er sagen:Dafür kann Moses Nathansohnnicht!"

Mit verbindlichem Lächeln kam er jetzt, die Händereibend, hinter seinem Ladentische vor und schritt aufWolfgang zu. Sein Wesen war völlig umgewandelt.

Wollen der gnädige Herr Baron nicht die Ge-fälligkeit haben," redete er diesen an, ein tiefes Kompli-ment machend,mir Ihre Adresse zurückzulassen? Mankann nicht wissen, ob nicht einer auch noch käme mitdem schweren goldenen Uhrkettchen. Ich könnte dannden gnädigen Herrn Baron sogleich benachrichtigen."

Wolfgang nannte ihm seinen Namen und sein Hotel.

Des Pfandleihers tiefe Bücklinge wollten kein Endenehmen, als Wolfgang mit seinem Begleiter der Laden-thür zuschritt. Sogar bis an die Droschke folgte erihm, stolze Seitenblicke versendend, ob die Nachbarn auchsähen, welch' vornehmen Besuch Moses Nathansohn ge-habt hatte.

War mir eine große Ehre, Herr Baron, eine sehrgroße Ehre!" rief er noch dem Einsteigenden nach undschien, während der Wagen sich in Bewegung setzte, ineinem tiefen Bückling erstarrt zu sein.

Nathansohn wird Sie jedenfalls heimsuchen," sagteder Kriminalbeamte,um Ihnen vorzuschwindeln, erhabe an der Uhr viel Geld verloren. Lassen Sie sichnicht breitschlagen, Herr Baron!"

VI.

Als Wolfgang einige Stunden später in seinemZimmer beschäftigt war, die Berichte seiner beiden Guts-verwalter zu lesen, klopfte es leise an seine Thür.

Es war die Gestalt Moses Nathansohn's, der sichin demüthig gebeugter Haltung hereinschob. Wäre nichtder Zwickelbart gewesen, der das Gesicht des Hebräersnach unten so eigenthümlich zuspitzte, daß dem Baronschon vorher unwillkürlich der Vergleich mit einem Papier-drachen gekommen war, er würde den Eintretenden nichtgleich wieder erkannt haben. Der Pfandleiher trugschwarze Kleidung, dazu tadellose Wäsche, deren blen-dende Weiße die übermäßig langen Manschetten wahr-scheinlich mit Fettschrift hervorheben sollten, eine Kra-watte von himmelblauer Seide, auf welcher eine Busen-nadel wie ein grünes Hundeauge funkelte; mit der rechtenHand strich er wie liebkosend einen niedrigen feinenCylinderhut, um den Glanz noch zu erhöhen.

Er verneigte sich fast bis zur Erde.

Nun, Herr Nathansohn," empfing ihn Wolfganglächelnd,ist Ihnen schon etwa die goldene Uhrkette in'sRevier gelaufen."

Nein, gnädigster Herr Baron, " antwortete derJude, fortwährend in einem Cyclus unterwürfiger Ver-beugungen begriffen,'s is noch keiner mit dem schwerenKettchen gekommen, und 's wird auch keiner mehr kommen."

Wolfgang wollte den Besuch des Pfandleihers mög-lichst abkürzen und sich und ihm eine weitschweifendeEinleitung ersparen.

So sind Sie gewiß gekommen, Herr Nathansohn,"sagte er,um mir mitzutheilen, daß Ihnen durch dieHerausgabe meiner Uhr ein Verlust erwachsen ist."

Nein, Herr Baron, deßhalb bin ich nicht gekom-men." In der Art, wie er die Hände beschwörend auf'SHerz legte, sowie in dem erhabenen Lächeln, womit er