^L51.
1894 .
„Augsburger Postzeitung".
Diustag, den 26. Juni
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg.
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg ( Borbesitzer vr. Max Huttlcr).
Zm Laune alter Schuld.
(Fortsetzung.)
V.
„Es darf Sie nicht genieren, Herr Baron, wennunsere Fahrt uns in Geschäftslokale führt, die ein an-ständiger Mann nur höchst ungern betritt."
„Und wohin fahren wir?"
„Wir machen die Runde bei verschiedenen Pfand-leihern, die mehr oder weniger im Verdachte der Hehlereistehen. Wenn wir Glück haben, so finden wir Uhr oderKette oder beides bei einem derselben."
Dieses Gespräch fand in einer Droschke statt, inwelcher der Baron von Sturen mit einem in Civil ge-kleideten Kriminalbeamten saß.
Er hatte den an ihm verübten Diebstahl der Kri-minalpolizei gemeldet und eine genaue Beschreibung dervermißten Gegenstände zu Protokoll gegeben. Darauf-hin wurde einer der Beamten beauftragt, den gestohlenenGegenständen nachzuforschen, und dem Baron anheim-gestellt, ihn zu begleiten, um günstigen Falles sein Eigen-thum sogleich recognosciren zu können.
„Wird ein Geschäftsmann aber Werthsachen, die ermit seinem Gelde bestehen oder gekauft hat, gutwilligherausgeben?" fragte Wolfgang den Beamten wäh-rend der Weiterfahrt.
„Vor der Kriminalpolizei streckt jeder Pfandleiherohne Weiteres die Waffen. Auch wird er sich wohlhüten, auf einen Gegenstand von größerem Werthe Geldherauszurücken, wenn er es nicht mit einem ganz ver-trauenswürdigen Kunden zu thun hat. Erscheint ihmdieser verdächtig, so giebt er keinen Heller her, bis derGegenstand in andere Hände gewandert ist. Oft sinddie gestohlenen Sachen, noch ehe die Polizei vom Dieb-stahle Kenntniß hat, schon wohlverpackt auf dem Wegezu einem auswärtigen Trödler. Hätten Sie uns gleichgestern Abend von dem Diebstahle Anzeige gemacht,Herr Baron, so konnten wir sofort Nachforschungen inden Verbrecherklappen anstellen und jeden durchsuchen, !den wir dort fanden." ^
„Man sagte mir, die Bureaux der Kriminalpolizeiseien bereits geschlossen," entgegnete der Baron, „dochwürde ich . . ."
„Wir sind zu jeder Stunde der Nacht zu haben,"unterbrach ihn der Beamte lächelnd.
„Doch würde ich in einem gewissen Weinlokale denKriminalkommissär Nuglisch treffen."
„Nuglisch?" fiel ihm der Beamte wieder in's Wort.„Es giebt in ganz Berlin keinen einzigen Kriminalbeam-ten, der Nuglisch heißt. Wer hat Ihnen so etwas ge-sagt, Herr Baron?"
Wolfgang erzählte die Begegnung mit dem Assessor,und da sein Begleiter ihm immer neue Fragen vor-legte, so berichtete er nach und nach alles, was sich inder Weinstube zugetragen hatte. Auch das Kartenspiel,an welchem er theilgenommen hatte, mußte er genaubeschreiben.
Der Beamte hörte aufmerksam zu, ohne mit einerMiene zu zucken. Dann sagte er: „Herr Baron! Siesind von einem Spitzbuben an den andern gerathen.Der junge gefällige Mann, der sich Ihrer so hilfreichannahm, war ein abgefeimter Gauner, so gut wie jener,der Ihnen Uhr und Kette abnahm. Haben Sie nochnie von den Berliner „Bauernfängern" gehört?"
Der Baron fuhr betroffen zurück. „Oft genugschon. Aber wäre es denkbar, daß . . ."
„An solche sind Sie leider gerathen," fuhr derBeamte fort. „Jener angebliche Assessor war ein soge-nannter „Schlepper", dessen Aufgabe es ist, auf ge-eignete Opfer zu fahnden und diese unter plausiblemVorwand in das Nest der „Habsburger" zu schleppen.Die drei würdigen Herren waren seine guten Freunde."
„Da habe ich freilich ein etwas hohes Entrse füreine gut gespielte Komödie bezahlt," lächelte Wolfgang,mehr über sich selbst belustigt als ärgerlich. „Und wiemag wohl dieses famose Spiel heißen?"
„Sie haben mit jenen Herren „Kümmelblättchen"gespielt, Herr Baron. Doch da sind wir bei unsrerersten Etappe angelangt."
Er klopfte an das Fenster hinter dem Kutscher. Die Droschke hielt.
„Nückkaufsgeschäft von Moses Nathansohn," lautetedie verwitterte Firma über einer unscheinbaren schmalenLadenthür.
Der Baron trat mit seinem Begleiter in den Laden.Nathansohn stand hinter einer Ladentafel. Er war einhagerer Mann mit gelbem Gesicht und schwarz und graumelirtem, nachlässig sich lockendem Haar. Das spitzeKinn lief in einen Zwickelbart aus; die stark gebogeneNase, die kleinen, dunkeln, glänzenden Augen vollendetendas orientalische Gepräge.