Ausgabe 
(26.6.1894) 51
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die Bewegungen begleitete, lug etwas Pathetisches.WennMoses Nathansohn verliert sein Geld, so is das seineSache," fügte er hinzu.

Er trat mit einer gewissen Feierlichkeit näher heran,zog ein Etui von Maroquin aus seiner Brusttasche, legtees geöffnet auf den Tisch, an welchem der Baron saß,und zeigte auf ein Paar sehr schöner Brillantohrringe.Nathansohns Augen selbst strahlten vor Vergnügen, wah-rend sie bald auf dem Schmucke, bald auf dem ver-wunderten jungen Manne weilten.

Sehr schön," sagte dieser,in der That wunder-schön! Aber was soll ich damit anfangen?"

So vornehme junge Herrn, wie der Herr Baron,"sagte der Jude mit schlauer Miene,können immerBrillantohrringe brauchen. Jede Dame, der Sie wolltenmachen ein Geschenk damit, würde sagen: Gott, wassind se schön! Und der Herr Baron sollen haben dieSächelchen spottbillig."

Herr Nathansohn," entgegnete Wolfgang,selbstwenn ich diesen Schmuck brauchen könnte, würde ich michdoch bedenken, ihn zu kaufen; es ist mir ja zur Genügebekannt, daß Sie ein ehrlicher Mann sind; aber könnenSie denn selbst wissen, ob die Person, von der Siediesen Schmuck haben"

Ich verstehe den Herrn Baron, " nickte Nathan-sohn, die Augen schließend,ich verstehe! Aber ich kannSie versichern, daß Sie sind im Irrthum. Die Sächel-chen sind nicht mein. Ich verkaufe sie für einen Andern."

Wirklich?" fragte Wolfgang,wäre es wohl in-discret, wenn ich frage, wem die Ohrringe gehören?"

Sie gehören einer so schönen jungen Dame, wie'svielleicht giebt keine zweite in ganz Berlin, " versetzteNathansohn. Die Dame sei aus guter Familie, erzählteer, die Eltern seien todt, und das Wenige, was sie hin-terlassen, habe der um zwei Jahre ältere Bruder durch-gebracht. Die Dame ernähre sich durch Zeichenunter-richt und müsse dabei auch für den Unterhalt ihresBruders sorgen, der ein vollendeter Taugenichts sei.Da ihre dürftigen Einnahmen hierzu nicht ausreichten,so sehe sie sich endlich genöthigt, diesen Schmuck, dasletzte theure Andenken an ihre Mutter, zu veräußern.

War die Besitzerin dieser Ohrringe selbst bei Ihnen?"wollte Wolfgang wissen.

Sie hat mir gebracht die Dingelchen in eigenerPerson," nickte der Pfandleiher.'s war das erstemal,daß ich se hab' gesehen. Das Jüngelchen kenn' ich schonlange, es hat mir verkauft von dem Hausrath ein Stücknach dem andern."

Wolfgang war entschlossen, den Schmuck zu kaufen,den jungen leichtsinnigen Mann aufzusuchen und zusehen, ob er durch ihn nicht etwas für die Schwesterthun könne

Ich bin nicht abgeneigt, Herr Nathansohn, dasGeschäft mit Ihnen gleich abzuschließen," erklärte er,indem er zugleich die Absicht hatte, dem Juden auf denZahn zu fühlen,doch müßte ich die Bedingung stellen,daß Sie mir Namen und Wohnung des jungen Men-schen angeben. Ich möchte ein paar Worte über seineAngelegenheiten mit ihm sprechen."

Hab' ich mir doch gleich gesagt heute Vormittag,als der Herr Baron mir die große Ehre erwiesen,Moses Nathansohn, hab' ich mir gesagt: Du hast ge-funden den Engel, der dem armen schönen Fräulein ausihrer grausamen Noth hilft. Warum soll ich dem Herrn

Baron nicht sagen wie se heißt und wo se wohnt mitihrem Bruder, dem leichtfertigen Jüngelchen?"

Schreiben Sie mir die Adresse auf, Herr Nathan-sohn," erwiderte Wolfgang, indem er dem Besuche Schreib-material hinschob,und nennen Sie mir den Preis derOhrringe."

Der Jude nannte den Preis, wobei er den Baronmit einem prüfenden, berechnenden Blick aus seinenkleinen, lüstern glänzenden Augen ansah. Als diesersich erhob, um nach seiner Cassette zu gehen, schriebNathansohn die Adresse des Geschwisterpaares mit großerUmständlichkeit nieder.

Wolfgang zählte ihm die geforderte Summe hin.

Gott vergelt's dem Herrn Baron tausendmal!"dankte Nathanson wie für eine ihm erwiesene Wohlthatund strich unter wiederholten Verneigungen die blankenGoldstücke schmunzelnd ein.

Er wandte sich zum Gehen.Wenn der gnädigeHerr Baron sonst 'was brauchen," sagte er, auf demWege zur Thür mehrmal stehen bleibend.Junge, vor-nehme Herren sind oft Freunde von Alterthümern, dahab' ich zum Beispiel," begann er an den Fingern her-zuzählen,eine echte Damascenerklinge, die noch ausder Zeit Timur's stammt, eine altgriechische Vasevon der Insel Melos"

Gut, gut, Herr Nathansohn," unterbrach ihnlächelnd der Baron,sollte plötzlich der Geist der Antikeüber mich kommen, werde ich Sie um einige Citate ausIhrem Kataloge bitten. Augenblicklich bin ich noch zusehr mit der Gegenwart beschäftigt."

Noch einmal krümmte sich die Gestalt Moses Nathan-sohn's an der Flügelthür zu einem tiefen Komplimentzusammen. Dann war er verschwunden. . . .

Wolfgang griff nach dem von Nathansohn beschrie-benen Zettel. Straße und Hausnummer in einer Vor-stadt waren darauf bezeichnet. Der Name des Ge-schwisterpaares lautete Nettberg. Am nächsten Vormittagbegab sich der Baron nach dem ihm bezeichneten Hause,einer vielstöckigen Miethskaserne in einer weit entlegenenVorstadt.

Die Treppenfenster öffneten sich auf einen soge-nannten Lichthof, der nichts als ein zwischen Vorder-und Hintergebäude eingekeilter Schacht war, wo die Luftstagnirte und das Licht nur spärlich einzudringen ver-mochte. Auf den Treppen balgten sich Kinder in zer-fetzten Kleidern herum; auf einem der Corridore warenzwei Flurnachbarinnen in einem wüthenden Wortgefechtbegriffen. (Fortsetzung folgt.)

Reise-Skizze des bayerischen Pilgerzuges nachLourdes 1894.

Ll. Palästina, mit seinen hochheiligen Orten Jeru-salem, Bethlehem , Nazareth u. s. w., die durch das Lebenund Leiden unseres Erlösers geweiht sind, war seit 18Jahrhunderten das Ziel von Millionen Wallfahrern; manerinnere sich nur an die Kreuzzüge im Mittelalter, woHunderttausende dorthin gewaltet sind.

Jerusalem mit dem Oelberg, Kalvarienberg unddem Grabe des Heilandes, ist gewiß der erste Wallfahrts-ort der Welt, und wird derselbe seit einigen Jahrzehntenwieder häufiger von Pilger-Karawanen besucht; vor 4und 5 Jahrzehnten veranstaltete der Severinusverein von