M 52.
Ireitag, den 29. Juni
18942
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttlcr).
Im Lanne alter Schuld.
(Fortsetzung.)
Im vierten Stockwerk stieß der Baron auf eineFrau, welche dem Redekampfe unter ihr zu lauschenschien. Auf seine Frage, ob Herr Nettberg hier wohne,führte sie ihn nach einer der nächsten in den CorridorMündenden Thüren. Auf ihr Anklopfen erfolgte keineAntwort. Die Thür war jedoch unverschlossen, und Wolf-gang ward von der Frau in das Zimmer geführt. Esbefand sich niemand darin.
„Herr Rettberg wird ausgegangen sein," sagte dieFrau — wahrscheinlich die Wirthin — „aber das Fräu-lein" — sie schritt nach der Thür und klopfte.
„Fräulein Nettberg," rief sie hinein, „bitte, es istjemand da."
Mit einem höflichen Nicken gegen den vornehmenBesuch entfernte sie sich wieder und ließ diesen allein.
Das Zimmer war dürftig möbltrt, aber überallherrschte die peinlichste Sauberkeit, und es fehlte nichtan allerlei kleinen Zierathen, wie eine geschickte weib-liche Hand sie hervorbringt, um selbst den einfachstenWohnraum auszuschmücken.
Auf einem Tische beim Fenster stand ein Mal-kasten, daneben lagen einige halb vollendete, sehr gutgezeichnete Landschaften.
Jetzt öffnete sich die andere Thür, und aus demNebenzimmer trat eine junge Dame herein, deren Aeuße-res vollständig der enthusiastischen Schilderung Nathan-sohn's entsprach. DaS blonde Haar, welches sich indichten Locken um ihren Nacken schmiegte, leuchtete imStrahle der durch's Fenster scheinenden Sonne wie puresGold. Aus dem fein modellirten Antlitz leuchteten unterdunklen Brauen zwei sanfte, himmelblaue Augen hervor,deren schwarze seidene Wimpern dem Blicke etwas Schmel-zendes gaben. Ueber das edle, bleiche Antlitz ging einleiser Zug des Kummers. In ihrem schlanken Wüchsenahm sie sich in dem dürftigen Zimmer wie eine hehreErscheinung aus.
Sie verneigte sich fremd vor Wolfgang und fragtemit einem Blicke, der durchaus kein Vergnügen aus-drückte :
„Sie wünschen meinen Bruder zu sprechend Ichglaube, daß er bald kommen wird. Bitte, wollen Sienicht Platz nehmend"
Mit diesen Worten deutete sie kalt auf einen Stuhl.
„Vielleicht ist es besser, ich komme später wieder,"sagte der Baron; „ich fürchte Sie zu stören."
Das junge Mädchen blickte mit halb unentschlosse-ner, halb verlegener Miene auf.
„In der That, mein Herr," erwiderte sie nach einerkurzen Pause, „ich weiß nicht, ... ich möchte Ihnengern sagen . . . Zwar wird mein Bruder böse werden,wenn ich Ihnen sage, was ich denke, aber dennoch —"
Wolfgang war über diese unklare Rede nicht wenigüberrascht.
„Bitte, mein Fräulein, sprechen Sie nur frei heraus,"ermuthigte er mit einem fortwährend sich steigerndenInteresse an dem anmnthigen und doch so rüthselhaftenWesen.
„Gut denn, mein Herr," begann sie ernst, „ichwollte Ihnen sagen, daß ich es vorziehen würde, wennSie nicht erst auf meinen Bruder warteten."
„Es scheint mir denn doch, Fräulein Nettberg,"bemerkte der Baron lächelnd, „daß Sie hinsichtlich meinerPerson in einem Irrthum befangen sind."
„Sind Sie nicht Herr von Quinna?" fragte dieDame.
„O nein! mein Name ist von Sturen."
„Herr Baron von Sturen!" nickte sie lebhaft, undder befangene Ernst ihres Wesens verwandelte sich infreudige Ueberraschung. „O, dann sind Sie der Herr,welcher Herrn Nathansohn die Ohrringe abkaufte." Sieerröthete, während sie dies sagte.
„Es ist so," nickte der Baron. „Durch HerrnNathansohn erfuhr ich auch Ihre und Ihres BrudersLage, welche es erklärlich macht, daß Sie sich jenesFamilienandenkens entäußerten."
„Ach, Herr Nathansohn hätte dieß nicht sagen sollen,"entgegnete sie, das schöne Auge zu Boden senkend.
„Er antwortete nur auf meine Fragen. Ich kamhierher ohne die Absicht, mich in Ihr Vertrauen drängenzu wollen, sondern nur, um mit Ihrem Bruder zu spre-chen und zu sehen, ob ich etwas für ihn thun kann.Aber jetzt, da ich hier bin, würde es mich doch interes-siren, zu erfahren, wer jener Herr von Quinna ist,für welchen Sie mich anfangs hielten. Ich hoffe, ichgehe durch diese neugierige Frage nicht zu weit?"
„Durchaus nicht, Herr Baron," antwortete sie,abermals errathend, „wenn Sie wüßten, was Sie allesgethan haben, indem Sie die Ohrringe kauften, würden Sie