Issue 
(29/06/1894) 52
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fühlen, daß Sie ein Recht zu Ihrer Frage besitzen. Ichkenne Herrn von Quinna nicht, aber ich weiß, daß erund seine Kameraden die Mitschuld an Edmund's leicht-fertigem Leben tragen. Von solchen schlimmen Ein-flüssen umgeben, ist Edmund, leider muß ich es sagen! tiefer und tiefer gesunken. Ich bin durch ihn fastbettelarm geworden, und mit jenen Brillantohrringenhabe ich ihm mein Letztes geopfert."

Ich habe die Ohrringe bei mir," sagte der Baron,der theilnahmsvoll zugehört hatte.Sie können sichdenken, Fräulein Nettberg, daß es beim Einkauf der-selben nicht mein Zweck war, sie zu besitzen, sondern nureinigen Beistand zu leisten. Ich kann Ihnen nachfühlen,daß Sie sich nur mit Schmerz von diesem Schmucketrennten, und bitte Sie daher, ihn wieder zurückzuneh-men." Er zog das eingesiegelte Etui hervor und botes dem jungen Mädchen dar.

Dieses trat entschieden zurück, doch nicht ohne einenBlick des Vergnügens.

Nein, Herr Baron," entgegnete sie,ich kann denSchmuck nicht zurücknehmen ... am wenigsten von ...von . . ."

Von einem Fremden, wollen Sie sagen," nahmihr Wolfgang das Wort von den schönen Lippen.Aberich bin überzeugt, daß dieser Einwand wegfallen wird,wenn Sie mich näher kennen"

O, dann würde ich vielleicht anders fühlen," ver-setzte die Dame:Ach! man begegnet im Leben so selteneinem theilnehmenden Herzen!"

Nun, so zeigen Sie, daß Sie ein solches nichtvon sich weisen, Fräulein Nettberg, und nehmen Siediesen Schmuck wieder zurück. Ich kann nichts damitanfangen und vermisse das Geld nicht, welches ich dafürausgegeben habe. Was mich hierher führte, war derWunsch, Ihrem Bruder nützlich zu werden. Mag abernun dieser mein erster Besuch seinen Zweck verfehlenoder nicht, auf alle Fülle bitte ich Sie, mich wenig-stens als Ihren Freund zu betrachten, Fräulein Rettberg."

Als solcher haben Sie in der That gehandelt,Herr Baron!" antwortete sie, während Thränen in denblauen Augen glänzten.

Nun gut," nickte Wolsgang,und so geben Siemir den Beweis, daß Sie mich als Freund ansehen,indem Sie diese Ohrrings zurücknehmen. Ich weiß nichtsdamit anzufangen."

Noch ehe er ausgesprochen hatte, näherten sich drau-ßen anf dem Corridore Männerschritte.

Mein Bruder Edmund," sagte das junge Mäd-chen austauschend, und Wolfgang benutzte den Augen-blick, ihr das versiegelte Etui in die Hand zu drücken.

Im nächsten Augenblicke öffnete sich die Thür, undein sehr stutzerhaft gekleideter Herr, etwa in der Mitteder Dreißig, dem ein hinter ihm Folgender den Voran-trttt ließ, trat ein.

Sie wohnen verflucht hoch, Nettberg," wandte ersich mit näselnder Stimme zu seinem Hintermann zurück,der Teufel hole das Treppensteigen. Buh! buhl"

Wie jemand, welcher die Wohnung von Leuten be-tritt, die einer untergeordneten Gesellschaftsschichte ange-hören, blieb er, den Hut auf dem Kopfe, ein paar Augen-blicke in der offenen Thüre flehen und pustete, ohne sichum die im Zimmer anwesenden Personen zu kümmern.Endlich trat er näher.

Gewiß Üh habe ich das Vergnügen mit

Fräulein Nettberg äh der Schwester meines Freun-des?" wandte er sich an das junge Mädchen, seinenHut abnehmend und eine nachlässige Verbeugung machend.Er beachtete den Baron nicht, zumal sein Auge nochvon dem grell zum Fenster hereinbringenden Sonnen-strahls geblendet war, nachdem er von dem dunkeln Cor-ridore hereingetreten.

Mein Name ist von Quinna," fuhr er in seinemnäselnden Tone gegen Fräulein Rettberg gewendet fort.Zugleich setzte er seinen Kneifer auf und ein lautesAh!"angenehmer Ueberraschung entschlüpfte ihm, da ihm jetzterst die Augen über die schöne Erscheinung des jungenMädchens aufgingen. Diese näherte sich dem Baron,als suche sie bei ihm Schutz vor den zudringlich bewun-dernden Blicken des gespreizten Gecken. Jetzt erst wür-digte dieser den Baron größerer Aufmerksamkeit. Ermaß den jungen, schönen, mit vornehmer Eleganz ge-kleideten Mann von Kopf bis zu den Füßen, und jelänger er ihn betrachtete, desto finsterer zog sich seineStirne zusammen.

He! Nettberg! Was soll das heißen?" rief erseinem Freunde zu, indem er auf den Baron deutete.

Edmund war langsam eingetreten. Hatte Herr vonQuinna vorhin nur eine Erschöpfung affektirt, um zuzeigen, wie wenig er an Besuche in so hoch gelegenenWohnrüumen gewöhnt sei, so schien Nettberg von demihm längst gewohnten Ersteigen der vier Stockwerke wirk-lich angegriffen zu sein. Sein Gesicht war bleich, seineBrust keuchte, er legte die Hand darauf, als fühle erSchmerz. Er hatte sich inzwischen erholt. Als er jetztdurch Quinna's entrüstete Frage aufmerksam gemacht,den fremden Besucher näher betrachtete, wankte er plötzlicheinen Schritt zurück.

Verdammt!" murmelte er hinter den fest aufein-ander gebissenen Zähnen.

Nicht minder groß, wenn auch ganz anderer Artwar Wolfgangs Ueberraschung, denn er erkannte in demBruder des jungen schönen Mädchens den vorgeblichenAssessor von Malten. Doch ließ er sich aus zarterRücksicht für dessen unglückliche Schwester nicht das Ge-ringste merken.

Herr Nettberg," redete er diesen in verbindlichemTone an,ich kam hierher, nur mit Ihnen einige Worteüber Ihre Angelegenheiten zu sprechen: da ich jedochfinde, daß Sie anderweit in Anspruch genommen sind,so will ich eine günstigere Gelegenheit wählen."

Und wer äh wer sind Sie denn, meinHerr?" mischte sich Herr von Quinna ein, indem ersich vor Wolfgang aufpflanzte.

Ich wüßte nicht," gab dieser verächtlich zur Ant-wort,weßhalb ich Ihre Frage beantworten sollte; ichkenne Sie nicht und fühle auch durchaus kein Ver-langen nach Ihrer Bekanntschaft."

Mein Name ist von Quinna- Herr," rief derAndere.

Ich habe kein Geschäft mit Herrn von Quinna,"entgegnete der Baron,sondern mit Herrn Nettberg."

Aber ich bin Herrn Rettberg's Freund," sagteQuinna giftig.

Es thut mir aufrichtig leid, dies zu hören," er-widerte der Baron ruhig,denn nach Allem, was ichsehe, scheint diese Freundschaft durchaus nicht Vortheil-haft für ihn zu sein."

Herr!" rief der Andere wüthend,jetzt bestehe ich