Ausgabe 
(29.6.1894) 52
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darauf, daß Sie mir Ihre Karte geben. Ich muß Satis-faction haben, Herr äh; ich muß Satisfactionhaben!"

DaS junge Mädchen wollte sich, schreckensbleich imGesicht, zwischen die beiden Streitenden stellen.

Seien Sie unbesorgt, mein liebes Fräulein!"sprach ihr Wolfgang lächelnd zu.Mein Herr," wandteer sich hierauf an Quinna, ich gebe nie meine Kartean Leute, welche ich nicht kenne. Wenn Sie der Mannsind, für den ich Sie halte, so soll Ihnen solche Satis-faction werden, wie eine Reitpeitsche sie geben kann.Wenn Sie keine solche Person sind und dies zu meinerZufriedenheit beweisen, so will ich mich entweder beiIhnen entschuldigen oder Ihnen auf jede Weise, dieIhnen beliebt, Genugthuung geben. Und jetzt gehenSie mir aus dem Wege, Herr, sonst könnte ich michhinreißen lassen, Sie zur Thüre hinauszuwerfen."

Mit großer Beweglichkeit machte Herrn von Quinna'setwas kümmerlich gerathene Person dem Baron Platz,dessen Körperformen, bei aller Eleganz, dennoch etwasNerviges verriethen.

Herr Nettberg," richtete Wolfgang das Wort andiesen,ich wünsche einige Worte mit Ihnen zu reden,und wenn es Ihnen genehm ist, mich heute Abend zubesuchen, so werde ich mich freuen. Mein Name ist vonSturen," fügte er hinzu und nannte dann auch seinHotel. Er wußte sehr geschickt den unbefangenen Tonzu treffen, als stelle er sich dem jungen Wüstlinge zumersten Male vor, und vielleicht glaubte Rettberg auch inder That, der Baron habe in ihm den Assessor vonMalten nicht wieder erkannt. Jedenfalls hatte er seinsicheres Wesen wieder gewonnen, und wenn noch einNest von Verlegenheit zurückgeblieben war, so verbargsich derselbe unter einem frechen Lächeln, welches sichdurch zwei lange Falten unter dem Ohr ausdrückte undzugleich etwas Hämisches hatte.

^Fräulein Nettberg," verabschiedete sich der Baronvon der jungen Dame,ich werde mir ein anderes Maldie Freiheit nehmen, Ihnen meine Aufwartung zumachen."

Herr von Quinna hatte während der ganzen Zeitmit einem dummen verlegenen Lächeln dagestanden.

Und nun, Nettberg," sagte er nach der Entfernungdes Barons, als wäre nicht das mindeste vorge-fallen,nun führen Sie mich bei Ihrer Schwester inoptiwu torwa, ein."

Ich muß jede weitere Einführung ablehnen," ent-gegnen die junge Dame, sich zurückziehend;ich fühledurchaus keine Neigung, Herr von Quinna, Ihre Be-kanntschaft zu machen, und da ich dies meinem Bruderbereits gesagt habe, so hätte er mir diese Verlegenheitersparen können."

Mit einer kalten Verneigung des Hauptes ging siein das andere Zimmer und schloß die Thür hintersich ab.

Herrn von Quinna's kleine Gestalt schien sich zurecken, während er mit entrüstetem Erstaunen bald aufseinen Freund, bald nach der Thür blickte, durch welchedessen Schwester verschwunden war.

Sagen Sie mal, Nettberg," fragte er in einemherrischen Tone, als wolle er diesen für das Gescheheneverantwortlich machen, was soll denn das alles heißen?Und was wollte jener unverschämte Mensch bei IhrerSchwester?"

Das hoffe ich selbst erst zu erfahren," gab Nett-berg verdrießlich zur Antwort.Ich kenne ihn nicht.Das Beste wird sein, wenn Sie mich jetzt mit meinerSchwester allein lassen, Quinna. Ich will sie schon zurVernunft bringen. In einer Stunde treffen Sie michim Cafä Bauer."

Gut," sagte der andere,und vergessen Sie nicht,Nettberg," setzte er in leisem, drohendem Tone hinzu,daß Sie vollständig in meiner Hand sind! Haben Sieverstanden?" Mit diesen Worten schritt er ohne Grußaus dem Zimmer.

Als seine Schritte draußen verhallt waren, klopfteEdmund leise an die Zimmerthür seiner Schwester.

Melanie!" rief er,Melanie, er ist fort. Kommheraus und laß ein vernünftiges Wort mit Dir reden."

Melanie trat mit verweinten Augen heraus.

O, Edmund!" sagte sie vorwurfsvoll,es wundertmich, daß Du Dich nicht schämst, mich in eine solcheLage gebracht zu haben."

Unsinn, Mädchen, Unsinn!" lachte Edmund.Sagemir jetzt vor allen Dingen, wie kommt dieser Baron vonSturen hierher? Und was will er von mir?"

Er will Dir helfen, Edmund," rief Melanie, inderen Augen durch die Thränen hindurch neubelebteHoffnung aufstrahlte,der alte Nathansohn, von dem erdie Ohrringe kaufte, hat ihm von Dir erzählt, und derBaron suchte Dich auf, um Dir seinen Beistand anzu-bieten."

Den alten Nathansohn soll der Teufel holen, daßer mir Leute auf den Hals schickt, nach denen ich keinVerlangen trage!" rief Edmund.ES giebt nur einePerson, die mir helfen, die mich vom Untergänge rettenkann, und die bist Du!"

Durch meinen eigenen Untergang soll ich Dir hel-fen," entgegnete Melanie vorwurfsvoll,an diesen Herrnvon Quinna willst Du mich verkaufen. Mache nicht,daß ich mich selbst verachten muß! Geh' und verlaßmich!"

Ist das Dein letztes Wort?" fragte Edmund,während es in seinen matten gläsernen Augen unheim-lich aufleuchtete,soll ich mit diesem Bescheid zu meinemFreunde Quinna gehen, der mich" fügte er, derSchwester in's Ohr flüsternd, hinzu «in's Zuchthausbringen kann?"

Melanie wurde todtenblaß und sank lautlos in einenStuhl. Sie ahnte schon längst, daß ihr Bruder sichauf schlimmen Abwegen befand, von denen ihre schwacheMädchenhand ihn nicht zurückzuhalten vermochte. Siehatte ihm nicht auf seinen verborgenen Pfaden folgenkönnen, aber sie wußte, daß er sich, ganze Nächte aus-bleibend, Vergnügungen hingab, die er aus ihrer kärg-lich versehenen Börse nicht bestreiten konnte; sie hatteoft Besucher bei ihm gesehen, deren heimliches Wesenund verschlagene Physiognomien nichts Gutes verkündeten.(Fortsetzung folgt.)

» - ^ ^ --Goldkörner.

Langsam gehe Dir, Freund, dicFreundinEntschließung" zur Seite,Eilt sie voran, holt bald folgende Neue sie ein.

Eine einzige Handlung, unbedacht und leichtsinnig vollbracht,als unbedeutend geachtet, kann entscheidend für ein ganzes Lebenwerden. Jeremiaö Gotthelf.

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