Ausgabe 
(29.6.1894) 52
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Zur Weltausstellung iu Antwerpen .

Von Dr. Joseph Schiesl.

(Fortsetzung und Schluß.)

Was die Frage anbelangt, ob es richtig war, dieAusstellung in Antwerpen und nicht, wie ursprünglichprojektirt war, in Brüssel zu veranstalten, so ließe sichdarüber verschiedenes sagen. Sicher ist, daß die Ent-scheidung für Antwerpen hauptsächlich auf den Umstandzurückzuführen ist, daß diese Stadt vermöge ihrer gün-stigen Lage an der Scheide den Ausstellern besondersder überseeischen Länder den Transport und die Ver-ladung ihrer Waaren erleichterte. Um nun doch Brüssel ,das als die Hauptstadt des Landes ein gewisses Recht be-anspruchte, nicht ganz leer ausgehen zu lassen, beabsichtigteman ursprünglich eine Doppelausstellung abzuhalten, undzwar in der Weise, daß die Industrie in Antwerpen ,Kunst und Wissenschaft in Brüssel zur Ausstellung kämen.Zu diesem Zwecke wollte man die beiden Städte durcheine elektrische Eisenbahn verbinden, welche die 44 Kilo-meter betragende Entfernung in 10 Minuten durchführensollte; allein das Projekt scheiterte theils an technischenSchwierigkeiten, theils am Mangel genügender Finan-zirung, so daß Antwerpen der endliche Sieg verblieb.

Seine Bedeutung verdankt Antwerpen seiner Lagean der breiten Scheide. Schon zur Zeit Karls V. galtes als die lebendigste und herrlichste Stadt der christlichenWelt, selbst Venedig an Pracht übertreffend. In derFolge aber verlor Antwerpen von seiner Bedeutung, dadie beständigen Kriege, in welche es verwickelt war, nichtblos seine Geldkraft schwächten, sondern auch seine Ein-wohnerzahl verminderten. Erst Napoleon , der die strate-gische Wichtigkeit dieses Platzes erkannte, hob wieder diegesunkme Stadt; er ließ die großen Hafenanlagen erbauen,Dämme und Schiffswerften Herrichten und die Stadtmit einer doppelten Linie von Festungsgräben umgeben.Damit legte er den Grund zu der Bedeutung, welcheAntwerpen heutzutage als eine der stärksten Festungenund größten Seehäfen der Welt genießt. Die holländischeRegierung erweiterte zuerst diese Anlagm, ließ sie jedochspäter wieder schleifen und erbaute dafür einen einzigenbreiten Graben, der in einem weiten Bogen die Stadtumspannt und sich in seinen beiden Endpunkten auf dieScheide und an der Nordseite auf die neuerbaute Citadellestützt. Der Plan der Kriegsverwaltung bestand darin,Antwerpen im Falle eines Angriffes seitens einer aus-wärtigen Macht zur DefensivbasiS der gesammten Landes-vertheidigung zu machen. Deshalb wurden überall mäch-tige Schleusen angelegt, welche binnen weniger Stundenden größten Theil der Stadt unter Wasser setzen undso fremden Truppen den Eintritt in die Stadt ver-wehren konnten.

Der Verkehr der Schiffe in Antwerpen ist ein sehrbedeutender. Durchschnittlich liegen täglich 2300 Schiffealler Art in den großen Bassins oder an den Docks.Statistischen Erhebungen zufolge verkehrten in Antwerpen im Jahre 1890 gegen 4000 Schiffe, darunter 3000Dampf- und 1000 Segelschiffe. Die Einfuhr schwanktzwischen 40 und 50 Millionen Francs. Längs desScheldeflusses ziehen sich die nahezu 4 Kilometer langenWerften hin, an welche sich auf der einen Seite diemächtigen Lagerhäuser anschließen. Die Verladung ge-schieht zum größten Theile unmittelbar in die Eisenbahn- »wägen, und zwar mittels hydraulischer Krahnen, welche !ihre Arbeit mit überraschender Geräuschlosigkeit verrichten. '

Besonders zur Zeit der Ankunft der großen transatlan-,tischen Dampfer entfaltet sich hier ein bewegtes Leben'Tausende von Händen sind geschäftig, die Ladung inmöglichst kurzer Zeit zu löschen; dazwischen rollen dieEisenbahnwägen, welche die verfrachteten Waaren weiter-führen ein Getöse und ein Gewühl von Menschen,wirr durcheinander und doch nach einem einheitlichenPlane geleitet. In der Regel sind die Schiffe in 15bis 20 Stunden geleert und gehen dann in die Bassins,um dort von den Strapazen der Reise einige Tage aus-zuruhen. Wer sich das Treiben aus den Docks ansehenwill, dem bietet sich auf der weiten Balustrade, welchesich einige hundert Meter längs des Ufers dahinzieht,der beste Standpunkt. Eine steinerne Treppe führt zuden Promenoirs, von wo aus man eine herrliche Rund-sicht über einen großen Theil der Hafenanlagen, sowiedie auf der Scheide liegenden Schiffe genießt. In Mittendieser Anlagen erhebt sich in gewaltigen Verhältnissendas sogenannte Scheldethor, ein mächtiger, zu EhrenPhilipps IV. errichteter Bau, dessen Plan von Rubensentworfen und von Quellin 1624 ausgeführt wurde.Die Inschrift:

0ui la^ns 6t 6-MASS, Rbsnns cul servit st luäus,

Lllis kLwlllus §anäst volvsrs Lesläistziwsgus olim xrvLvo vexit sud vasssrs xuxxos,

8ss vsdit Lllsxicüs, maAllS kliilipps tnis.

8. k. (j. ^lltvsrx. bsne molem äoäio. XVII. erst. Uaji dlUOXXIV.

(Ihm, dem der Tcijo und Ganges, dem Rhein und Indus

gehorchen,

Wälzet der Scheide Gewalt dienend die fröhliche Flulh.

Und wie sie einst des Kaisers, des Ahnherrn Flotte getragen,Führet sie jetzt mit Stolz Philipps, des Großen, Panier.)

worin der Dichter dengroßen Philipp" feiert, wurdeallerdings durch die Zeitvcrhältnisse bald überholt; 1640verlor Philipp Portugal, und 1648 mußte erliste Freiheitder Niederlande anerkennen.

Im Innern der Stadt, besonders an den neu-angelegten Straßenalleen, Leopold-, Rubens-Straße u. s. w.,ist es merklich ruhiger. Erst Abends, wenn die Tausendevon Docksarbeitern von der Arbeit heimkehren, beginntsich auch da das Leben zu regen. Im Allgemeinen machtjedoch Antwerpen bei weitem nicht den reichen und ele-ganten Eindruck wie Brüssel man merkt, daß manin einer Stadt ist, in welcher gearbeitet und zwar vielgearbeitet wird, und nicht in einer Stadt, in welcher dieHauptbeschäftigung der Menge das Flanirm auf denStraßen ist.

Unter den Kirchen ist die berühmteste die Cathedrale,eine große siebenschiffige Basilika in Kreuzform. Sie istdie schönste und größte gothische Kirche der Niederlande .Während sonst die Kirchen Belgiens meist nur niedereSchiffe haben, beträgt hier die Höhe nahezu 40 Meter.Der Thurm der zu den höchsten der Welt mitzählt, hateine verschiedenartige Beurtheilung erfahren. Währenddie Einen an ihm eine architektonische und harmonischeDurchbildung vermissen und seine Ausführung mehr kühndenn als schön bezeichnen, haben Andere ihm wegen derZierlichkeit und Feinheit der Arbeit das höchste Lob ge-spendet; so Kaiser Karl V. , der einmal den Ausspruchgethan, der Thurm verdiene in einem Schmuckkästchenaufbewahrt zu werden. Das Innere der durch dieBilderstürmer des Mittelalters, wie auch durch die Re-volution arg beschädigten Kirche ist in einfachen, würdigenund großartigen Verhältnissen angelegt. Ucbcrraschendund von bedeutender perspektivischer Wirkung ist die beijedem Schritte für das Auge sich vollziehende Verschiebung

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