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der 7 Schiffe. Neben ihrer baulichen Vollendung ver-dient aber die Cathedrale vor allem Beachtung wegen derherrlichen Gemälde, welche die Kirche auch zu einemKunsttempel ersten Ranges machen. Obenan steht dieim südlichen Querschiffe befindliche „Kreuzabnahme" vonRubens , welche er im Jahre 1610 bald nach seinerRückkehr aus Italien gemalt hat. Sie ist die vollendetstealler seiner Schöpfungen. „Ihre Entstehung, meint einneuerer Kunstsorscher, verdankt sie einem Streite, der sichzwischen der Bogenschützengilde und Rubens bei Gelegen-heit seines Hausbaues entsponnen hatte. Es handeltesich um die Kosten einer Mauer, welche das Besitzthumdes Malers von dem Garten der Gilde trennte. DerAntheil, welcher aus die letztere fiel, schien mehreren Mit-gliedern zu groß. Da legte sich der Bürgermeister Rockox,ein Freund Rubens ' und Capitän der Gilde, in dasMittel und erlangte von Rubens , daß dieser zur Aus-gleichung der Kosten noch ein Bild für die Gildenkapellein der Cathedrale zu malen versprach. Das ist die Kreuz-abnahme, welcher die Heimsuchung und Darstellung imTempel als Flügel sich anschließen. Außen ist der Schutz-patron der Gilde, der hl. Christophorus, mit dem aufallen Christophorusbildern wiederkehrenden Eremiten undder Eule angebracht. Dies ist der authentische Vorgang.Die Künstlersage fügt nun hinzu, die Schützen hättensich einen „Christophorus" bestellt, einen Christusträger .Rubens habe den Auftrag allegorisch genommen und dieAbnahme vom Kreuze, auf welcher die Freunde des Herrnden Leichnam tragen, gemalt, auch die heilige Jungfraunach der Heimsuchung als Christusträgerin und denHohenpriester Simeon, wie er im Tempel Christus aufden Armen tragt, hinzugefügt. Die Schützen jedoch ver-standen diese Allegorie nicht, sondern verlangten ihrenSchutzpatron, den hl. Christophorus, den Rubens nach-träglich auf einen Flügel gemalt; auf dem zweiten Flügelhätte er dann- die Beschränktheit der Schützen anzudeuten,den Eremiten mit der Laterne und einer Nachteule bei-gefügt. Eine andere bekannte Anekdote erzählt, daß dieKreuzabnahme, als sie auf der Staffelei war, durch Zufalloder Nachlässigkeit der Schüler in Rubens ' Abwesenheitherabfiel und Schaden nahm. van Dyck , als der ge-schickteste, wurde gewählt, den Schaden auszubessern, wasihm so wohl gelang, daß Rubens nach seiner Rückkehrerklärte, sein Schüler habe ihn übertroffen. Die vonvan Dyck hergestellten Theile seien die Wangen und dasKinn der Jungfrau und der Arm der Magdalena. Aufdem Flügelbild hat Rubens in der Maria in blauemGewände das Bildniß seiner ersten Frau, in der FigurMit dem Korbe das Bildniß seiner Tochter dargestellt."
Das Gegenstück zur Kreuzabnahme hat Rubens inseiner Kreuzer-richtung geschaffen. Hier hat er seinemDränge, dramatisch bewegte Gestalten darzustellen, vollauffreie Bahn gelassen. In der sichtlichen Anstrengung,mit welcher die Kriegsknechte das Kreuz aufzurichten sichbestreben, wollte er symbolisch andeuten, wie schwer dieLast der Sünden sei, welche der göttliche Heiland amKreuzesstamme trage. Trefflich ist Rubens in diesemBilde die Vertheilung von Licht und Schatten gelungen.Der Leib Christi ist von leuchtend Heller Farbe,während die übrigen Gestalten mehr in's Dunkle gerücktsind, zum Theil sich fast in das Undeutliche verlieren.Originell, aber nicht sehr zum Bilde passend ist der derFrauengruppe beigegebene „Neufundländer". Im Ganzenenthält die Cathedrale fünf Bilder von Rubens' Hand,
daneben auch gute Werke von Verbruggen, Matthyssens,Quellin u. s. w.
Seine Ruhestätte hat Rubens in der St. Jakobs-Kirche gefunden, in einer zu seinen Ehren gebauten Seiten»kapelle. Sein Grab deckt ein Marmorstein mit der In-schrift: Non sni tamtnm saseuli, ssä st omnis asv»Axsllss äiei nasruit. Noch vor seinem Tode hat erdas Altarblatt, welches das Jesuskind auf dem SchooßeMarias in einer Laube sitzend darstellt, mit eigener Handgemalt und, einer Legende zufolge, den Porträts derdargestellten Personen die Gesichtszüge seiner Familien-angehörigen gegeben. In architektonischer Hinsicht stehtdiese Kirche der Cathedrale wenig nach, übertrifft sie jedochnoch an Pracht und Marmorschmuck.
An Kunstsammlungen ist Antwerpen reicher dennjede andere Stadt Belgiens; das große städtische Museum,das Müsse moderne, das Müsse Plantin-Moretus, nachdem berühmten Buchdrucker Christian Plantin, der indiesem Hause gewohnt hat, und feinem Nachfolger sobenannt, enthalten eine Menge hervorragender Kunst-werke, welche nunmehr zum Theil ihren Platz in derAusstellung gefunden haben. Was diese selbst betrifft,so steht sie allerdings an Schönheit wie an Chic desArrangements hinter der im Jahre 1889 in Paris ver-anstalteten zurück; allein immerhin bildet sie einen schönenBeweis, welch ein erstaunlicher Geist erfindender Arbeitdie Belgier belebt, und wie diese auf allen Gebieten mitfestem Gang vorwärts schreiten. Die meiste Anziehungs-kraft übt aus der Ausstellung „Alt-Antwerpen" aus; esist dies eine bis in das kleinste Detail getreue Wieder-gabe eines Antwerpener Stadtviertels aus dem 15. Jahr-hundert. Man findet dort Straßen und Gassen, Lädenund Schenken, Werkstätten mit Arbeitern in altem ge-schichtlichen Anzüge, Kapellen, Prunk- und Wohnräume,Vorrathskammern, Thürmchen, Zinnen, Möbel undGeräthschaften aller Art und noch unzählige Gegenstände,welche mit bewunderungswürdiger Genauigkeit nachgebildetsind. Das Ganze ist ein Denkmal für den gründlichstenFleiß historischer Forschung, dem auch nicht das Kleinsteunbedeutend erscheint. Eine andere nicht minder an-ziehende Spezialität der Ausstellung ist die Nachbildungeiner im vorigen Jahre in Deadwood entdeckten unter-irdischen Grotte. Zu diesem Behufe hat ein englischesConsortium 8000 Centner dieses krystallartigen Gesteinsnach Antwerpen bringen lassen, um damit einen der1500 Säle jener Grotte nachzubilden und ein das Augeentzückendes Naturschauspiel zu schaffen. Noch vielesandere Schöne finden wir dort, Herbeigetragen von denEnden der Welt, aus den Ländern der verschiedenste»Culturstnfen, die kostbarsten persischen Teppiche neben deneinfachsten Jagdgeräthen Afrikas, die größten Maschinen,wahre Wunder der Technik, neben der feinsten Manusactur-spitze; jedes Land hat sein Bestes hiehergetragen, vondem Bewußtsein erfüllt, eine Fricdensmission damit zuerfüllen und allmählig den Weg zur wirthschaftlichcnAnnäherung und Aussöhnung der Nationen anzubahnen.Daneben aber bietet jede Ausstellung dem Besucher, demes in der Regel nur selten möglich ist, über den Nahmenseiner gewöhnlichen Thätigkeit hinaus seinen Blick zu er-weitern und die Fortschritte aus dem Boden des gewerb-lichen wie des künstlerischen Lebens in gleicher Weise zuverfolgen, einen reichen Schatz des Wissenswerthen, dieFrucht der edelsten und schönsten Bestrebungen menschlicherArbeit.