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Allerdings in
der Zeit des Paßgangs und des Trabs,des Poststalls und des Wanderstabswar eine so weite Reise eine „That", die sich jeder zuvorlange überlegte; heutzutage aber nehmen wir schon densüßen Trost mit auf die Reise, bald wieder die heimath-lichen Penaten begrüßen zu können.
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Nclse-Skizze des bayerischen Pilgerznges nachLourdes 1894.
(Fortsetzung.)
Nachdem die Pilgerzeichen (eine Lourdesmedaille anweißblauem Bündchen) und die Fahrkarten vertheilt waren,und mit den Morgenzügen auch alle andern angemeldetenPilger eingetroffen waren, wurde von den 19 Waggonsdes langen Expreßzuges Besitz genommen; es warenfast ebensoviele Wagen 2. Klasse, als 3. Klasse. DenHerren des Comitös war ein Wagen 1. Klasse von derGeneraldirection angewiesen; auf der ganzen Reise warderen Waggon durch ein weißblaues Fähnchen kenntlichgemacht. Um 9 Uhr 15 Minuten Vormittags ging derZug ab, unter den Segenswünschen vieler anwesendenBekannten.
Folgender Fahrplan unseres Pilgerzuges wurde aus-gegeben:
Buchloe 9,15, Kaufbeuren 9,50, Günzach 10,34,Kempten 11,11, Jmmenstadt 11,51, Lindau an 11,51,ab 2,20. Romanshorn an 3,40, ab 4. Winterthur ab5,55, Zürich 7 Uhr Abends, Aarau 8,43, Bern 11,22Nachts, Genf an am 11. April 3,25 Vm., Bellegarde(französische Grenzstation) 4,30 Vm., Lyon an 9,11, Lyonab am 12. April 9,38 Vm. Celte am Mittelmeer anam 12. April 6,22 Nm., ab 7,30, in Lourdes an am13. April 7,45 Vm.
In Kaufbeuren, Kempten, Jmmenstadt war Aufent-halt von ein paar Minuten, um angemeldete Pilger auf-zunehmen. In Lindau angekommen, hatten wir unsgleich auf den großen bayer. Dampfer begeben, der unsüber den Bodensee rasch, binnen 1 Stunde, nach Nomans-horn in die Schweiz beförderte, bei günstiger Witterung.Adieu! liebes Heimathland! hatten Manche gerufen, auffröhliches Wiedersehen in 10 Tagen! Nomanshorn zählt3200 Einwohner, ist der größte Hafen am Bodensee, hat großen Kornmarkt. Nach 20 Minuten gieng derSchweizer Expreßzug ab, es wurde jedoch ziemlich oftangehalten, wenigstens an allen größer« Stationen, umentgegenkommenden Zügen auszuweichen. Es war ursprüng-lich bestimmt, schon Tags vorher, am 9. April, durch dieSchweiz zu fahren; aber die Bahnverwaltung hatte erklärt,weder Wagen, noch Führerpersonal an diesem Tage zurVerfügung zu haben, da Alles in Beschlag genommensei für das Frühlingsfest in Zürich. Naschen Flugesging es vorbei an vielen Orten und Städten, der Bahn-linie Nomanshorn—Zürich, als z. B. Frauenfeld mit6100 Einwohnern, Hauptstadt des Kantons Thurgau , ander Murg, mit großen Baumwollenfabriken und Arbeiter-kasernen, einem alten Schloß aus dem 11. Jahrhundert;dann Winterthur mit 16,000 Einwohnern an derEulach, Knotenpunkt von 8 Eisenbahnen, in dessen Um-gegend vortrefflicher Wein wächst. Von Winterthur führtdie Bahn über die Töß, rechts fleht man die Ruine Hoch-wülflingen auf einer Höhe von 600 Meter; nach der
Station Oerlikon tritt sie in den 935 Meter langenTunnel unter dem Käferberg, überschreitet die FlüsseLimmat und Sihl und erreicht Zürich mit 91,000Einwohnern am nördlichen Ende des herrlichen ZüricherSees und an beiden Ufern der Limmat , welche die Stadtin zwei Theile scheidet.
Es war Abends 7 Uhr, als wir ankamen. DerAufenthalt dauerte nur einige Minuten; sie ist Vielen ausuns bekannt durch die Wallfahrt nach Einsiedeln , wohineine Zweigbahn führt, bis Wädensweil, von der aus maneine prächtige Aussicht auf den See genießt, auf dieInsel Ufnau , mit zwei schönen Kirchen, und auf die im Hinter-grund der Landschaft sich zeigenden Alpen ; von Wädens-weil umzieht die Bahn in weiten Bogen die östlichenAbhänge des 1200 Meter hohen Rhonen, passiert vonBiberbrücke an das Alpthal und gelangt nach Einsiedeln ,das wir aber erst auf der Rückfahrt aus Frankreich besuchten. Betreffs Zürich bemerken wir noch, daß esviele Kirchen besitzt, welche insgesammt den Neformirtengehören. Das katholische Gotteshaus ist in Außer-Sihl ,auf dem linken Ufer der Sihl . Daß Zürich auch eineUniversität besitzt, an welcher viele Studenten und Studen-tinnen studieren sollen (Letztere auf Philosophie oderMedicin inscribirt, meist aus Rußland , nebenbei dem Nihilis-mus ergeben), ist bekannt; auch eine große Freimaurer-loge befindet sich hier. Die Vereinsmeierei ist in Zürich in großer Blüthe, Sänger- Turn- Stahlradfahrer- undandere Vereine; die Liedertafel „Harmonie" hat eingroßes, schönes Palais als Eigenthum. Eine halbeStunde von der Stadt erhebt sich der Uetli-Berg , 873Meter hoch; eine Zahnradbahn führt auf denselben. Wirverlassen die im Glänze der Abendsonne leuchtende präch-tige Stadt um 7 Uhr 15 Minuten.
Wir haben bisher von Lindau aus 56 Kilometerbefahren mit 20 Bahnstationen. Die Linie Zürich—Bern-Genf zählt 241 Kilometer mit 35 Bahnstationen. DieBahn überschreitet nach dem Austritt aus der StationZürich die Sihl und, fährt der Limmat entlang nachBaden (3800 Einwohner) mit berühmten Heilquellen,überschreitet die Neuß und berührt Brugg (1572 Ein-wohner), eine alterthümliche Stadt, zieht sich längs derAar hin und vorbei an der Station Aarau (6800 Ein-wohner), am Fuße des Jura gelegen, nach Ölten (4900Einwohner), einem der wichtigsten Eisenbahnknotenpunkteder Schweiz .
Von Ölten führt die Bahn neben dem rechten Aar-Ufer, links das Salischloß, durch einen Tunnel vor Aar-berg, tritt nach Niedwyl in grüne Thäler, hinter Wyningenwieder in einen längeren Tunnel, dann bei Burgdorf(6800 Einwohner) über die große Emme, passiert dieAarbrücke (182 Meter lang und 44 Meter hoch) und dannden Bahnhof von Bern (45,000 Einwohner), Bundes-hauptstadt in ziemlich ebener Lage. Von den Fremdenwird der Zeitglockenthurm mit künstlichem Uhrwerk auf-gesucht; bei jedem Stundenschlag erscheint der krähendeHahn und eine Bärenschaarl Bekannt ist der dortigeBärenzwinger mit einem Bärenpaar. Unter dem Korn-haus ist ein Weinkeller, dessen größtes Faß 42,000Flaschen enthält. Hier ist auch eine Universität, der nocheine altkatholische Facultät angegliedert ist, von etlichenStudenten frequentiert, deren geringe Zahl dem dortresidierenden altkatholischen Bischof Herzog , ehemaligemProfessor, nicht behagen will. Der Bahnhof in Bern ist großartig; in der dortigen Restauration konnte man