Ausgabe 
(29.6.1894) 52
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liche Bewegung mit der Hand, als wollte er sich ausden Mund schlagen.

Herr Baron," fügte er rasch hinzu,'s wird mirsein eine große Ehre, Ihnen zu erweisen eine Gefällig-keit. Was ich kann thun in der Sache, werd' ich thun."

Versuchen Sie Ihr Bestes, Herr Nathansohn,"sagte Wolfgang, sich von dem ehrwürdigen Thronsesselerhebend.Erhalte ich von Ihnen die gewünschte Aus-kunft, so sprechen wir zusammen noch ein Wort über diealtgriechische Vase und über die Damascenerklinge auSder Zeit Timurs."

Sie sollen erfahren alles, was Sie erfahren wollen,gnädigster Herr Baron, " betheuerte der Jude mit einemschmunzelnden Lächeln, das um seine Augen einen ganzenElfcnreigen kleiner Fältchen erscheinen ließ,Sie hättensich an keine bessere Adresse wenden können, als anMoses Nathansohn!"

Mit gewohnter Unterwürfigkeit dienerte er seinenhohen Besuch hinaus, öffnete ihm den Droschkenschlagund verharrte, während der Wagen davon fuhr, in einemtiefen Bückling, die langen Arme senkrecht herabhängenlassend, was ihm das Aussehen gab, als wollte er aufallen Vieren davonkriechen.

VIII.

Wolfgang befand sich nun mehrere Tage in Berlin ,ohne seinem eigentlichen Zwecke auch nur um einen ein-zigen Schritt näher gekommen zu sein. Statt dessensah er sich mit Personen und Verhältnissen verkettet,die noch vor Kurzem für ihn so gut wie gar nicht inder Welt gewesen waren: Und dabei hatten ihn alle dieseNebendinge so in Athem gehalteu, daß er noch nichtZeit gefunden hatte, seinen ehemaligen Vormund, dersich nach seinem Eisenbahnunfalle so theilnehmend nachseinem Befinden erkundigte, zu besuchen, und auch demneugewonnenen Freunde, dem er sein Leben dankte,hatte er noch nie seine Ankunft in Berlin gemeldet.

Am nächsten Vormittage betrat der Baron vonSturen das vornehme Haus Unter den Linden , in wel-chem Maitland die Beletage bewohnte. Alles zeugtevon großem Reichthum und gediegenem Geschmack. Erfand, durch einen Diener angemeldet, Maitland in einemstilvoll ausmöblirten Zimmer, dessen Wände auserleseneOelgemälde bedeckten. Maitland hatte sich eben von einemSopha erhoben. Ein Buch bei Seite legend, kam erdem Besucher entgegen, ergriff lebhaft dessen Hand, hießihn in der Hauptstadt willkommen und wünschte ihmGlück zu seiner völligen Wiederherstellung.

Maitland," begann Wolfgang,ich stehe beschämtvor Ihnen. Der Gang zu Ihnen sollte einer meinerersten Schritte in Berlin sein. ..."

Keine Entschuldigung, Baron," schnitt Maitlandihm das Wort ab.Ich selbst habe mich wiederholtgenau in der gleichen Lage befunden und würde dem-jenigen, der gegen eine scheinbare Vernachlässigung em-pfindlich gewesen wäre, den Vorwurf des Egoismus mitZinsen zurückgegeben haben." Maitland erkundigte sichnach den bisherigen Erfahrungen, die sein neuer Freundin Berlin gesammelt. Wolfgang erzählte einige Aben-teuer und kam auch auf seine Bekanntschaft mit Nett-bergs; es war ihm nicht leicht, die Fragen Maitlandsnach Fräulein Nettberg zu beantworten. Da er aberdem bewährten Freunde Offenheit schuldig war, so er-zählte er ohne Rückhalt, auf welche Weise er mit Fräu-

lein Rettberg und ihrem Bruder bekannt geworden war,und verschwieg nur seine erste Begegnung mit dem letz-teren, um den Bruder des jungen Mädchens in seinerverbrecherischen Verbindung mit einer Bauernfängerbandenicht noch schlimmer bloßzustellen, als unbedingt nöthigwar; er berichtete sein Gespräch mit Melante Nettberg,die Dazwischenkunft Quinna'S und seine darauf folgendeUnterredung mit Moses Nathansohn.

Maitlayds Benehmen war ganz anders als Wolf-gang erwartet hatte. Das gefürchtete Lächeln zeigte sichnicht um seine Lippen.

Er legte mit so wenig Worten als möglich demjüngeren Freunde den Gedanken nahe, Melanie Nettbergzu seiner Geliebten zu machen, so daß dieß als nichtsBöses, sondern nur als das beste Auskunftsmittel er-schien, ohne daß das Moralische oder Unmoralischedabei in Frage kam. Die kunstreichste Vertheidigungder Ausschweifung würde keine so entsittlichende Wirkunghervorgebracht haben, wie die bedächtige Art, womitMaitland sprach, als handle es sich um etwas Selbst-verständliches.

Um Ihren Weg in dieser Sache klar vor sich zusehen," fuhr Maitland fort,müssen Sie sich überzeu-gen, ob Sie sich im Charakter des Mädchens nicht täu-schen. Wenn Sie noch ein paarmal mit ihr gesprochenhaben werden, kann es Ihnen nicht schwer fallen, dieWahrheit zu ermitteln. Die Kunst sieht der Natur nieso gleich, um ein durch Zweifel geschärftes Auge irrezu führen."

Ich werde kaum Gelegenheit finden, mir ein Ur-theil zu bilden," entgegnete der Baron,denn höchstwahrscheinlich werde ich das junge Mädchen nie wieder-sehen."

Und warum nicht?" fragte Maitland.

Weil ich es für gefährlich halte," bekannte Wolf-gang.Bei aller Unschuld ist ihre graziöse Schönheitdoch von verführerischem Reize. Soll ich sie mit einemsolchen Anhängsel von Bruder zur Frau nehmen? DaSginge selbst über weine romantischen Ideen hinaus. Undwas die andere Art von Verbindung betrifft, auf welcheSie angespielt haben, so kann ich einen derartigen Plannicht fassen. Ich werde mich daher wohl hüten, einenso gefährlichen Boden wieder aufzusuchen."

Nun, wenn Sie es nicht wollen, Baron," sagteMaitland,so werde ich eS thun."

Vielleicht werden Sie die Willfährigkeit nicht fin-den, die Sie erwarten, Maitland," versetzte Wolfgangempfindlich.

Lieber Baron," lachte Maitland,Sie haben keinRecht, für diese schöne Waise Mitleid zu erwecken undsich dann selbst von ihr abzuwenden mit dem Entschlüsse,einen anderen großmüthigen Mann zu verhindern, ihrseine Theilnahme zu bezeigen."

Ich habe nicht gesagt, daß ich sie verlassen will,"entgegnete Wolfgang.Mein nächster Gang führt michzu meinem ehemaligen Vormunde"

Dem Justizrathe Doctor Carus, der sich täglicheBulletins über Ihr Befinden kommen ließ?"

Wolfgang nickte.Ihm werde ich die Geschichteder jungen Dame erzählen. Er ist ein Menschenfreundund wird in dieser Sache für mich alles thun, was ichpersönlich nicht thun kann."

Sie handeln edel und gut, Baron, vielleichtnicht so praktisch für das Glück des jungen Mädchens,