Ausgabe 
(29.6.1894) 52
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als wenn Sie sich für den anderen Plan entschiedenhätten, aber auf jeden Fall begehen Sie keine Hand»lung, welche nicht wieder gut gemacht werden kann.Jeder muß selbst am besten wissen, was ihn am glück-lichsten macht."

(Fortsetzung folgt.)

Ein Weib als Cadet und Lieutenant.

Major Svoboda, Gruppenvorstand im österreichischenKriegsministcrium, hat die Geschichte der ThercsianischenMilitär-Akademie zu Wiener-Neustadt undihrer Zöglinge von der Gründung der Anstalt bis aufunsere Tage in einem zweibändigen Werke behandelt.Im Wiener Fremdenblatt greift Oskar Teuber aus diesemWerke die wunderbare Geschichte eines Zöglings heraus,der die 1797er Classe der Neustadter Militär-Akademiedenkwürdig macht für alle Zeiten:Er" war undSvoboda beweist es actenmäßig ein prächtiges, Helden»müthigeS Weib. Francisca Scanagatta ist derName dieses seltsamen Zöglings, von dem die ernsteGeschichte erzählt. Ihre Wiege stand in Mailand, undkaum war Francisca dieser Wiege entsprungen, so über-traf sie alle Jungen der Nachbarschaft, namentlich aberihren bleichen, stillen Bruder Giacomo an Wildheit,Energie und Kriegslust. Papa schüttelte erst den Kopf,dann aber faßte er einen Entschluß und reiste mit denheranreifenden Kindern über Venedig gegen Wien. Giacomosollte Cadet zu Neustadt, Francisca ein tugendsamesPensionatsfräulein bei den Salesianerinnen werden. Aberdie Erkrankung Papas und Giacomos zu Venedig liefertedietolle" Francisca einem weiter reisenden FreundePapas aus. Nach einer Laune oder besonderen Fürsorgedes Vaters hatte das Töchterlein Männerkleider angelegt,und leicht wurde es dem Mädchen, den Begleiter davonzu überzeugen, daß sich Papa mit den Salesianerinnen einfach geirrt und sie den Cadetten in Wienerisch-Neustadtzugedacht habe. Er übergab sie dem von der Ankunfteines jungen Scanagatta benachrichtigten Akademie-Ober-arzt als externen Zögling in Kost und Pflege; glänzendmachte sie ihre AufnahmSprüfung, und nun erst beschworsie Papa in einem herzbewegenden Briefe, sie dem herr-lichen Kriegerstande nicht zu entziehen. Was thut einzärtlicher Vater nicht, wenn ein Töchterlein hartnäckigbittet. Er flog nach Neustadt, hörte den Arzt mit vollerArglosigkeit desKnaben" Soldatenfreude vertheidigenund machte gute Miene zum bösen Spiel. Drei Jahrespäter flog Francisca Scanagatta als Fahnenjunkerbei den WaraSdiner St. Gregor-Grenzern aus dem Ca-dettcnhause aus und schwang sofort in Italien sein jung-fräuliches Schwert. Niemand ahnte in dem jungenKroaten-Officicr mit den männlich ernsten Zügen daszarteFräulein"; nur zu Sandomir in Polen , wo er1798 mit einem Bataillon Colloredo die Garnison bezog,schüttelten die Damen und Herren bedenklich die Köpfe,weil der junge Italiener so gar keine Begeisterung fürdas schöne Geschlecht verrieth.Am Ende ist der HerrFähnrich ein verkleidetes Mädchen!" rief eines Tagesein jungverheiratheter polnischer Cavalier in fröhlicherGesellschaft Scanagatta zu.Gut", antwortete der Ver-dächtige,die Damen sollen entscheiden; ich erbitte mirIhre Gemahlin als Richten«!" Nun schüttelte der Poledas Haupt, und Francisca blieb unbeläst'gt; sie machte

sich auch in Klagenfurt und Pancsova vonböser Nach-rede" frei, indem sie mit den schlimmsten Zweiflern tät-liche Kugeln wechselte. Um 1799 stand die Amazonebei den Deutschbanater Grenzern vor dem belagertenGenua immer in der vordersten Reihe; mit Löwenmuthvertheidigte sie den Posten Barca Gelata, und mehr alsdes Feindes Kugeln ängstigten sie die Gefahren desHospitals, wohin man die Schwerverwundeten brachte.Noch einmal ward ihr Jncognito bewahrt; die Lieutenants»charge lohnte im Jahre 1800 ihre Tapferkeit, aber siewar am Ende ihrer Heldenlaufbahn angekommen. Aufeiner Dienstreise im Elternhause Mailand angekommen,mußte sie sich des Mütterleins Händen anvertrauen,denn ihre Gesundheit war arg angegriffen, und nun be»trieben die Eltern ihre Qittirung, die mit vollen Ehren-und mit Belassung des Officierscharakters genehmigtwurde. Als kaiserlicher Officicr fühlte sich FranciscaScanagatta in allen Zeiten ihres Lebens, auch als sie,dem Zuge ihres Herzens folgend, dem Chevaulegcr-Lieutenant Cölestin Spini die Hand zum Ehebundereichte, ein wahrhaftiges Lieutenantspaar! Vier Kinderentsprossen dieser Ehe, die 1832 der Tod des Gatten,des Majors Spini, löste. Der gnädige Kaiser beließder Wittwe nebst der Lieutcnantspension den Majors-Wittwengehalt, und in sorgenloser Ruhe erreichte dieAmazone ihr 89. Lebensjahr. Als Radetzky im Jahre1848 das aufständische Mailand verließ, war die FrauLieutenant-Majorin unermüdlich in der Pflege zurück«gebliebener Verwundeter, und als im Jahre 1852 das100jährige Jubiläum der Akademie alle die treuen Söhneder matsr nach Neustadt führte, da flatterte auchein Brief der einzigenNeustädten»" in das ehrwürdigeHaus, der unterzeichnet war:Franz Scanagatta, w. p.,Lieutenant, Majorswittwe." Noch vor ihrem Ende hatteFrancisca Scanagatta die Freude erlebt, daß einer ihrerEnkel in dasselbe Haus einzog, dem sie einst als Fähn-rich entsprossen; sie selbst aber lebt fort in der NeustadterZöglingstradition zu allen Zeiten.

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Die Versuchung.

Allegorie von Vera Wciibel.

Eine Anemone blühte schneeig weiß am Saume deSWaldes. Ewig konnte sie nicht blühen, denn die Blumensterben bald; aber ihr liebliches Weiß konnte sie bewahrenbis zum letzten Moment ihres Blühens, und aufrechtwollte sie noch stehen, wenn der Wind bereits das letzteBlättchen aus ihrer zarten Krone geblasen haben werde.Manch rauher Hauch vom Norden hatte schon ihr Köpfchengebeugt, aber die Anemone stand ausrecht, lieblich in ihremschneeigen Weiß.

Ein Platzregen hatte den Staub der Erde aufgewühltund alle Blumen beschmutzt, die am Wege standen, derin den Wald führte. Auch auf den reinen Blättern desWaldblümchens zeichneten sich häßliche Flecken. Es wardoch recht schade, und ich denke, daß das Blümchen leisefür sich weinte. Zum ersten Male passirt ihm dies Un-glück, und nun sah es erst, wie schön es gewesen. Aberin der folgenden Nacht fielen unzählige Thauperlen vomHimmel herab und wuschen jedes Gräslein rein vomErdenstaub. Jungfräulich erglänzte die Anemone wiederim ersten Strahl der Morgensonne, und aufrecht stand sieda, unendlich lieblich in ihrem schneeigen Weiß.

Da kam des Wegs ein Jägersmann, ein fröhliches