Ausgabe 
(3.7.1894) 54
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Todesgefahren so frisch und gesund zu sehen, reichte sieihm ihren Arm und geleitete ihn im Triumph in dasEmpfangszimmer, um ihn mehreren ihrer Gäste vorzu-stellen, die unmittelbar vor ihm gekommen waren.

Wenn Sie weitergehen, Baron," sagte Frau vonPrachwitz, als neue Ankömmlinge sich hinzugescllten, diesie begrüßen mußte,so werden Sie ein paar alte Be-kannte finden." Sie deutete auf die zurückgeschobenePortiöre, zwischen welchen zwei von Gästen belebteSalons sichtbar waren. -

Indem Wolfgang der Einladung Folge leistete,traf er in dem ersten der Gesellschaftszimmer den Justiz-rath Carus, der ihn sogleich mit einigen Herren undDamen bekannt machte.

Etwas neugierig, wen wohl Frau von Prachwitzaußer dem Justizrath noch gemeint haben könne, da siein der Mehrzahl gesprochen hatte, und Wolfgang sichanderer alten Bekannten in der Reichshauptstadt nichterinnerte, machte er sich bei günstiger Gelegenheit vonder Gesellschaft los und betrat den nächsten Salon.

Wie angewurzelt blieb er plötzlich stehen.

Auf einem Sopha saßen zwei junge Damen, ineinem Album blätternd. Die Eine hatte dunkles, reichesHaar; bei Wolfgangs Eintritt hatte sie den Blick vonden Blättern erhoben und ein schwarzes Augcnpaar zuihm aufgeschlagen, welches in wunderbarem Feuer glühte.Ja, sie war es! hier also sollte er sie wiederfinden, dieschöne Reiterin, welche die Traumgestalt seines Herzensverkörperte, die räthselhafte Fremde, welche in unerklär-licher Theilnahme am Krankenlager des Fiebernden ge-weilt hatte.

Nur ein paar Augenblicke hielt ihn die starre Ueber-raschung gefangen. Dann schritt er freudig auf sie zu,ergriff ihre Hand, als wären beide alte Bekannte, undvergaß, daß er nicht einmal ihren Namen wußte. Siebegrüßte ihn mit einem glücklichen Lächeln und war er-räthst.

Ich bin glücklich, Sie so vollkommen wieder her-gestellt zu sehen," sagte sie, während die neben ihr sitzendejunge Dame ihren Platz verließ, um sich unter eine derplaudernden Gruppen zu mischen.

Und mir fehlt es an Worten, gnädiges Fräulein,um Ihnen meine Dankbarkeit für die Fürsorge undTheilnahme auszudrücken, welche Sie bei meinem Unfallan den Tag gelegt haben. Hätte ich nicht durch meinenalten Diener erfahren, daß Sie nach Berlin gereist seien,so wäre ich nach meinem Gute zurückgekehrt, um die Um-gegend nach Ihnen zu durchforschen und Ihnen den Tributder Dankbarkeit abzutragen, obwohl schon meine erstenNachfragen nach Ihnen und Ihrem Begleiter gescheitertwaren."

Das wundert mich nicht," erwiderte die jungeDame,denn mein Vater und ich sind in Ihrer Gegendseltene Gäste."

Seit jenem ersten Zusammentreffen bin ich Ihnenallerdings wieder begegnet," fuhr Wolfgnng fort;icherkannte Sie im Fackelschein der Feuerwehr, konnte abernicht zu Ihnen gelangen. Neben Ihnen im Wagen saßnoch eine andere Dame. Ich vermuthe jetzt, daß es Frauv. Prachwitz war."

Ja, sie war es," nickte das junge Mädchen, sichjenes Abends erinnernd.Sie befanden sich also inunserer Nähe? Indessen sahen Sie mich bei dieser Ge-legenheit ebensowenig zum zweiten Male, als jene Be-

gegnung an der Grenze Ihres ParkeS unsere erste war." Sie schlug die Augen nieder, während ihr das warmeBlut in die Wangen stieg.

Wirklich?" rief Wolfgang erstaunt.Ich haltees aber nicht für möglich, daß ich Sie zuvor auch nurauf einen Augenblick hätte sehen und wieder vergessenkönnen."

Seine schöne Nachbarin lächelte und schwieg. Sieschien ihn ein wenig auf die Folter spannen zu wollen.

Wo war es, gnädiges Fräulein?" fragte er, ver-gebens in seiner Erinnerung suchend.Ich bitte Siewo war es?"

Hier in diesem Hause, Herr Baron," antwortetesie,sogar in diesen Zimmern, wo wir als Kinder manch'liebes Mal mit einander gespielt haben."

Einen Augenblick versagte ihm die Sprache.MeinGott !" rief er, indem das eben Vernommene plötzlichdie ganze dunkle Lücke der Vergangenheit gleich einemBlitzstrahl in finsterer Nacht erleuchtete,so wären Sieja die kleine Lizi?I"

So nannten Sie mich," lächelte die ehemaligeSpielkameradin.Trotzdem zwischen jener fröhlichenKinderzeit und dem Tage, wo wir uns als Erwachsenezum ersten Male wieder begegneten, wohl ein DutzendJahre liegen, erkannte ich Sie doch gleich."

Und dafür, daß ich mich der kleinen Lizi nichtmehr zu erinnern schien," sagte Wolfgang,straften Siemich, indem Sie sich mir nicht zu erkennen gaben. Daswar hart!"

Ich schwankte, ob ich es thun solle," entgegnetesie,aber mein Vater war eilig und ließ mir keineZeit dazu." (Fortsetzung folgt.)

Goldkörner.

Wann bist du gut und edel?

Wann bist du wahrhaft rein?

Wenn dir's gelingt, die Seele

Vom Neide zu befrei'n. Amara George.

-i-v-I--

Neise-Dkizze des bayerischen Pilgerznges nachLonrdes 1894.

(Fortsetzung.)

Von hier aus gingen wir zurück zur Höhestation derZahnradbahn, die uns hinabbeförderte zur Kathedrale,von wo auf der Saone eine Mouche bestiegen wurde, dieuns bis zum Platz Perrache beförderte, auf dem unserHotel gelegen ist. Andern Tags celebrirten die Priesterdes Zuges in mehreren Kirchen in aller Frühe. Erbauendwar der fleißige Besuch der Kirchen und die Andacht derbetenden Franzosen. Hoch und Nieder wetteiferten dort,die Altäre mit Blumen und Lichtern zu schmücken. Nach-her wurde noch auf dem Quai an der Rhone spaziert,der Gemüse- und Blumenmarkt besucht, französische Zei-tungen gekauft; Mehrere hatten auch Seidenstoffe zumAndenken an Lyon sich erworben, um die Hälfte billigerals bei uns. Die Seidenindustrie Lyons gilt als die be-deutendste in Europa . Man zählt hier über 100,000Webstühle. 500 Fabrikanten Lyons haben ihre Arbeiternicht in großen Fabrikgebäuden vereinigt, sondern gebendas Material in die Privatwohnungen der Arbeiter; Lyon fabricirt jährlich für eine Milliarde und gibt 800,000Personen Arbeit; von hier kommen großentheils die ge-schmackvollen Stoffe zu Ornaten und Meßgewändern. Lyon