Ausgabe 
(3.7.1894) 54
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geschlossen hatte, um sein vereinsamtes Herz geliebtenKindern öffnen zu können und seinem wachsenden Haus-stände eine Repräsentantin zu geben, war keine glücklichegewesen. Die gehofften Vaterfreuden sollten ihm nichtbeschieden werden, die Gattin brachte lange Jahre aufeinem schmerzhaften Krankenlager zu, und jetzt war erseit einem Jahre Wittwer.

Der Baron von Sturen wurde von seinem ehe-maligen Vormunde auf's liebenswürdigste empfangen.Unglücklicherweise war er zu einer Stunde gekommen, woder Rechtsgelehrte sehr beschäftigt schien. WoUgang dankteihm, wie er es schon brieflich gethan, noch einmal inden herzlichsten Ausdrücken für die gewissenhafte undgeschickte Verwaltung seines Vermögens, und ebenso fürdie lebhafte Theilnahme, mit welcher dieser sich täglichnach ihm erkundigt hatte, als er an den Folgen derunglücklichen Eisenbahn-fahrt schwer verwundetdarniederlag.

Es war für Wolfgangnicht leicht, bei der Kürzeder ihm für diese Unter-redung zugemessenen Zeit,einenpaffendenUebergangzu der Angelegenheit zufinden, welcher, nicht zumkleinsten Theile, sein Be-such galt. Erfühlte, daßes paffender gewesen wäre,diesen Gegenstand imLaufe einer ungezwunge-nen Unterhaltung zurSprache zu bringen, undeben war eine verlegenePause eingetreten, als derJustizrath sagte:Frauvon Prachwitz wird sichebenfalls sehr gefreuthaben, Sie nach so langenJahren wiederzusehen undIhnen zu Ihrer Wieder-herstellungGlück wünschenzu dürfen. Ich würde micheines Verdienstes rühmen,das ich nicht besitze, wollteich verschweigen, daßFrauvon Prachwitz es war, diemir den ersten Impuls gab, über Ihr Befinden täglicheErkundigungen einzuholen, um die eingelaufene Nachrichtregelmäßig durch ihren Diener abholen zu lassen."

Wolfgang unterdrückte gewaltsam eine innere Be-wegung, um dem Justizrath seine Beschämung nicht zuverrathen. Frau von Prachwitz war die intimste Freun-din seiner verstorbenen Mutter gewesen und hatte ihmstets viel Liebe und Güte erwiesen, wenn er in seinerKnabenzeit mit seinen Eltern in Berlin weilte und halbeTage bei ihr zubrachte. Wie ein schwerer Vorwurf fieles ihm nun auf die Seele, daß er diese liebenswürdigeDame, die ihm schon durch die Erinnerung an seine Mutterhätte theuer sein müssen, ganz vergessen hatte. Seiter ihr vor einigen Jahren beim Tode ihres Gemahlscondolirt, war sie ihm allmählich aus dem Sinne ge-kommen. Es war ihm gegangen, wie den meisten seinerAltersgenossen. Im Leben des heranwachsenden Jüng-

lings schlagen neue Interessen ihre Wurzeln, das Andenkenan die Hciligthümer des Elternhauses verblaßt, und dieinnigen Bande, welche die Eltern mit Andern verknüpf-ten, bestehen für die Kinder nicht mehr, denn die Pflich-ten des Herzens verjähren wie alte Schulden. DieseFluth von Gedanken und Selbstvorwürfen überhob ihnaber auch auf ebenso unerwartete als natürliche Weiseder Nothwendigkeit, den Justizrath mit Melanie RettbergsAngelegenheit bekannt machen zu müssen. War in Frauvon Prachwitz nicht die natürlichste Beschützerin und Bera-therin für das junge Mädchen gefunden?

Der Wahrheit gemäß gestand Wolfgang dem Justiz-rath , daß er Frau Prachwitz noch nicht seinen Besuchgemacht habe, aber soeben im Begriffe stehe, diese Ehren-schuld abzutragen. Damit verabschiedete er sich von ihm.Wolfgang überzeugte sich zunächst davon, daß die Zeit

für einen Besuch bei Frauvon Prachwitz geeignet sei,und fuhr nach ihrer Woh-nung.

XI.

Ein Diener öffnete demBaron die Thür des Vor-saals, der in Heller Be-leuchtung strahlte. AufWolfgangsFrage, ob erdie Dame des Hausessprechen könne, wurde ihmdie Antwort, daß Frauvon Prachwitz heute ihrenEmpfangs-Abend habe.Das traf sich gut undschlecht zugleich: da offenerCercle war, so fiel dasUnpassende seines spätenBesuchs weg, gleichzeitigaber stand zu fürchten,daß sich kaum Gelegen-heit finden werde,der durchdie Pflichten gegen ihreGäste in Anspruch genom-menen Wirthin von derAngelegenheit MelanieNettbergs zu sprechen.Wolfgang hatte dem Die-ner seine Karte übergebenund dieser war kaum damit verschwunden, als auch schoneine Dame aus dem Empfangszimmer trat und mit demfreudigen Rufe:Mein lieber Baron !" dem unerwar-teten Gaste lebhaft die Hand entgegenstreckte. Erst ausdieser herzlichen Begrüßung erkannte Wolfgang, daß erFrau von Prachwitz vor sich habe. Erinnerte er sichihrer auch als einer schönen jungen Frau, so hatte seinePhantasie doch dem unerbittlichen Griffel der Zeit seinvolles Recht eingeräumt, und er fand sich nun nichtwenig überrascht, die mütterliche Freundin, welche dieMitte der Dreißig überschritten haben mochte, so vor-züglich conservirt zu finden, daß sie auch heute noch eineErscheinung von einnehmendem Reiz war.

Sie betrachtete den jungen Mann, den sie seitseinen Knabenjahren nicht gesehen, mit Blicken innigsterTheilnahme, und während sie in ihrer lebhaften Weiseihrer Freude Ausdruck gab, ihn nach überstandenen

Sadi Tarnot.