Ausgabe 
(3.7.1894) 54
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die Nähe der Verfallszeit in Angst versetzt, hatte er sichHerrn von Quinna anvertraut und diesen gebeten, ihmdie zur Einlösung des Falsifikats nöthige Summe vor-zustrecken. Dieser erklärte sich hierzu bereit unter derBedingung, daß Melanie, von welcher er durch Anderegehört hatte, der Preis sei. Vermochte Rettberg seineSchwester hierzu nicht zu bewegen, so verweigerte Quinnanicht nur seine Hilfe, sondern war auch entschlossen,die Fälschung der Staatsanwaltschaft anzuzeigen. DasSchlimmste war, daß Nettberg nicht wußte, in welchenHänden sich der Wechsel gegenwärtig befand.

Es waren die gefährlichsten Augenblicke in Wolf-gang's Leben, während er dem jungen Mädchen zuhörte-Das zärtliche Mitleid, die Bewunderung ihrer rühren-den Schönheit auf seiner Seite, die Seelenqual, dieDankbarkeit auf Mclanie's Seite erweckten zwischen bei-den Sympathien von fast unwiderstehlicher Gewalt.

In dem Augenblicke, wo sie bewegt und thränen-voll die traurige Erzählung beendete, wo er mit fest aufihr schönes Antlitz gerichtetem Auge den unglücklichenSchluß des Ganzen anhörte, der ihr keine Hoffnung,ihm keinen Ausweg zu lassen schien, als sie mit rascherThat ihrem unwürdigen Bruder zu entreißen, in diesemAugenblick würden die drei Worte:Sei die Meine!"das Schicksal beider für immer besiegelt haben.

Heiß wallte ihm das Blut durch die Adern, mitunwiderstehlicher Gewalt zog es ihn, seine Arme auszu-breiten und die zarte, elastische Mädchengestalt an seineBrust zu reißen. Da fiel fein Blick auf ein Buch,welches auf dem nahestehenden Tische lag. Ein gold-schimmerndes, in den schwarzen Einband eingepreßtesKreuz ließ erkennen, daß es ein Gebetbuch war.

Sie hat gebetet," dachte er,gebetet um Hilfe gegendie finstern Mächte der höllischen Bosheit, von denen siesich umringt sieht. Soll ich, der einzige Helfer, denGott ihr sendet, ihre Unschuld rauben, ihre rührendeSchönheit brandmarken? Nun und nimmermehr!"

Er erhob sich, führte ihre Hand ehrfurchtsvoll anseine Lippen und sagte:Alles, was mein Vermögenund mein Einfluß bewirken können, soll geschehen, Sieden gefährlichen Einflüssen, denen.Sie hier preisgege-ben sind, zu entrücken, so peinlich Sie es auch empfin-den mögen, allein von dem Beistande eines jungenMannes, wie ich bin, abzuhängen.

O, nein!" rief sie lebhaft, seine Hand erfassend,und blickte ihm mit einem Lächeln des Vertrauens,welches ihn für alles Gute, was er gesagt und gethan,reichlich belohnte, ins Antlitz,nein, es ist nicht peinlichfür mich. Nach Ihrem heutigen Benehmen würde ichIhnen alles anvertrauen mein Leben, meine Ehre!"

Sie beugte ihr Gesicht auf ihre beiden Händeherab und weinte. Wolfgang suchte sie zu beruhigen.

Lassen Sie nur," sagte sie, ihre Thränen trocknend,ich weine mehr aus Bewegung als aus Kummer."

Zunächst," fuhr Wolfgang fort,müssen wir diePerson zu entdecken suchen, deren Namen Ihr Bruderauf dem Wechsel nachgemacht hat. Wenn es Ihnengelingt, dies von ihm herauszubringen, so will ich durchalle mir zu Gebote stehenden Mittel diese Person zubewegen suchen, auf eine gerichtliche Verfolgung IhresBruders zu verzichten. Den Wechsel werde ich einlösen."

Gott segne Sie!" rief das junge Mädchen, undnoch ehe Wolfgang es zu hindern vermochte, ergriff sieseine Hand und drückte ihre Lippen darauf.

Dann versank sie auf einige Augenblicke in Nach-denken.

Aber, ach! ich fürchte," sagte sie,daß ich meinenBruder nicht werde bewegen können, den Namen zunennen."

Versuchen Sie es wenigstens," rieth Wolfgang.Auch ich werde sehen, was ich erfahren kann, und habebereits Schritte gethan, die mich auf Erfolg hoffen lassen.Mag nun aber Ihr Bruder Ihnen die Auskunft gebenoder nicht, so müssen Sie von ihm getrennt und an-derswo in Sicherheit gebracht werden. Ich werde mitmeinem ehemaligen Vormund, dem Justizrath Carus,sprechen, daß er sich Ihrer annimmt und durch seineFamilienverbindungen, die er hier besitzt, eine geeigneteZufluchtsstätte für Sie ausfindig macht."

Ach, Herr Baron," entgegnete Melanie traurig,sind Sie vollkommen überzeugt, daß der Herr Justiz-rath in dieser Sache auch so fühlen und urtheilen würde,wie Sie? Aeltere Leute sehen die Dinge mit ganz an-dern Augen an, als die Jugend; das Herz wird durchErfahrungen verhärtet, und die Vernunft ist strenger alsdas Gefühl."

Sie kennen den Justizrath nicht," lächelte Wolf-gang,obgleich alt an Erfahrung und reif an Urtheil,hat er sich doch ein junges Herz bewahrt. Er wirdIhnen den Schutz und Beistand gewähren und Ihnenden Weg zu einer achtbaren Existenz ebnen."

Mehr kann ich nicht wünschen und ich werde ihmsehr dankbar dafür sein," sagte Melanie.Aber erkann nie für mich thun, was Sie für mich gethanhaben, Herr Baron . Sie haben mich aus der Tiefe derVerzweiflung gezogen und mir Trost gebracht, ohne sichdabei von einem selbstsüchtigen oder unedlen Gefühleleiten zu lassen; ich kann mir keinen andern Manndenken, welcher mit gleich zartsinnigem, hochherzigemWohlwollen, wie Sie, mir die Beschämung zu ersparenverstünde, ein hilfloser Gegenstand des Mitleids zu sein!"

Baron von Sturen fühlte, daß er dieses Lob dochnicht ganz verdiene, und erinnerte sich, wie nahe erdaran gewesen war, seiner Leidenschaft den Sieg überseine Grosmuth zu überlassen.

Etwas verwirrt nahm er Abschied von MelanieNettberg, nachdem er sie gebeten, alle Mittel anzuwen-den, um von ihrem Bruder den Namen zu erfahren,den dieser gemißbraucht hatte.

X.

Der Justizrath Carus stand in der Mitte der vier-ziger Jahre, welche man als das kräftigste Mannesalterzu bezeichnen pflegt. Er war einsalk-maäs man/denn das bedeutende Vermögen, welches er besaß, hatteer sich durch seine Praxis erworben, die sich von unbe-deutenden Anfängen zu solch ausgedehntem Geschäfts-kreise entwickelt hatte, daß seine Collegen ihn beneideten.Aber wie keinem Sterblichen ungetrübtes Glück zu Theilwird, so war auch sein Leben nicht ohne harte Prüf-ung dahingeflossen.

In Kreisen, welche ihm näher standen, ging dasGerücht, er habe in jüngeren Jahren ein Mädchen ge-liebt, welches, einer höhern Gesellschaftssphäre angehörig,von strengen, vorurtheilsvollen Eltern zu einer andernHeirath gezwungen wurde, und die Wunde, die dieserschmerzliche Verzicht in seinem Gemüthe hinterlassen, seinie ganz geheilt worden. Die Ehe, die er ziemlich spät

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