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„Augsburger Postzeitung".
54. Dinstag, den 3. Juli 1884.
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas <L Grabhcrr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Max Huttlcr).
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Äm Mime alter Schuld.
(Fortsetzung.)
IX.
Wolfgang begab sich auf dem kürzesten Wege zumJustizrath. Er mußte an seinem Hotel vorüber.
An der Thüre stand, wie gewöhnlich, der Portier.
„Bitte, zeigen Sie mir, was die Vormittagspost fürmich gebracht hat," redete er diesen an.
Der Portier verschwand in seiner Loge und kehrtemit einem Bündel Briefe und Zeitungen zurück. Esbefand sich nichts darunter, was von außen WolfgangsNeugierde erregt hätte, ein Brief von zierlichem Formatausgenommen, der den Stadipoststempel trug. Die Hand-. schrift auf der Adresse ließ sogleich eine Damenhanderkennen. Nachdem der Baron die ersten Zeilen über-flogen, trat er tiefer in den mit Orangerien geschmücktenHausflur zurück, um das Schreiben zu lesen. Es lautetewie folgt:
„Wie ich mich Ihnen gegenüber, Herr Baron, ent-schuldigen soll, daß ich an Sie, den mir fast Fremden,mit einer Bitte herantrete, weiß ich selbst nicht. Dieeinzige Entschuldigung läge vielleicht darin, daß Sie inden kurzen Augenblicken, wo ich Sie sah, sich groß-müthig zeigten, und daß Sie an meinem unwürdigenBruder ein Interesse an den Tag legten, welches nuraus edlem Wohlwollen entspringen konnte. Bald nachIhrer Entfernung wurde ich mit dem schrecklichen Ge-heimniß meines Bruders bekannt. Es ist so furchtbar,daß ich nicht weiß, wie ich handeln soll; und dennochgebietet mir das natürliche Gefühl, das irrende Wesenzu retten, welches doch immer mein Bruder ist. Leideraber sehe ich keinen andern Weg vor mir, als selbstdas Opfer zu werden. Wohl boten Sie, Herr Baron,mir für meinen Bruder Ihre Hülfe an, aber in seinerVerstocktheit sträubt er sich, diese Hülfe anzunehmen;er will Ihnen das Geheimniß nicht anvertrauen, welchesihn in die Hände jenes schrecklichen Menschen gegebenhat. Ich bin jedoch entschlossen, es Ihnen zu. sagen,wenn ich Sie wiedersehen sollte. Gleichwohl fürchte ichdurch die Bitte, mir Ihren Besuch zu schenken, IhreAchtung zu verwirken. Mag diese Befürchtung nun be-gründet sein oder nicht, so werde ich mich stets mitinniger Dankbarkeit Ihres edlen Benehmens erinnernund immer bleiben Ihre unglückliche, aber dankbareDienerin Melanie Rettberg."
Noch ehe Wolfgang den Brief zu Ende gelesen,hatte er bereits seinen Vorsatz, das schöne Mädchen nichtwiederzusehen, vergessen.
„Eine Droschke!" rief er dem Portier zu.
Dieser setzte seine Pfeife an den Mund, und wenigeSecunden später fuhr von der nahen Haltestelle einWagen vor, der den Baron an sein weit entlegenesZiel brachte.
Melanie empfing ihn mit hochgeröthctem Antlitz.Ein paar Augenblicke vermochte sie nicht zu sprechen,während ihre Hand vor innerer Bewegung zitterte.
„Es ist sehr gütig von Ihnen, daß Sie kommen,"begann sie endlick, ihm aus ihren blauen Augen einenBlick zuwerfend, in welchem innige Dankbarkeit und Ver-ehrung schimmerten, „dennoch konnte ich den Gedankennicht von mir weisen, wegen meiner Unbesonnenheit undKühnheit in Ihrer Achtung zu verlieren."
Er schüttelte mit einem Blicke sanften Vorwurfsden Kopf, ergriff, indem er sich an ihrer Seite nieder-ließ, ihre Hand und versprach ihr in offener, wahrerRede, aber auch mit all dem Ungestüm eines überwallen-den jugendlichen Herzens, alles für sie thun zu wollen,was ein Bruder nur für seine Schwester thun kann.
„Mag es nun möglich sein, Ihren Bruder zu retten,oder nicht," sagte er, „aber auf jeden Fall ist es möglich,Fräulein Nettberg, Sie vor dem Verworfenen zu schützen,dein er Sie preisgeben will. Und das werde ich sicherthun. Aber jetzt sagen Sie mir Ihres Bruders Lage,und dann wollen wir zusammen überlegen, wie man ihnaus derselben befreien könnte."
„Ich will es," antwortete Melanie, ihm sanft ihreHand entziehend, die er vielleicht einen Augenblick zulange in der seinigen behalten hatte. Dann erzählte sieihm alles, was gestern geschehen war, nachdem er sieverlassen hatte. Es war eine schwierige Aufgabe fürdas junge Mädchen. Sie mußte einem jungen, vor-nehmen Manne, mit dem sie kaum erst bekannt gewor-den, bekennen, daß sie gezwungen war, sich, wenn eskeine Rettung für ihren Bruder gab, entweder dessenverworfenem Freunde zu überliefern oder ihren Bruderder entehrenden Strafe des Zuchthauses verfallen zulassen. Sie hielt oft ein, ihre Stimme versagte — siemußte sich abwenden, um ihre Thränen der Scham zuverbergen. Endlich kam das Geheimniß heraus, daßihr Bruder einen falschen Wechsel von 1500 Mark ge-macht und auf denselben Geld erhoben hatte. Durch