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Die Provence, die wir jetzt durcheilen, vom Mittel-meer begrenzt, ist in mehrere Departements getheilt underhielt ihren Namen von der Romanisirung (krovinoia)Südgalliens; im 12. und 13. Jahrhundert blühte hierbesonders die berühmte provencalische Dichtkunst; es isthier das Land der einst berühmten wohlklingenden ältestenromanischen Sprache, ein Land der Gegensätze; hier üppigeThäler und Niederungen, schon im Frühling reichbeblätterteMaulbeerbäume, welche die rege Seidenzucht bezeugen,Getreidesegen, Weinberge, welche berühmte Weine liefern,Olivenbäume und ergiebige Kastanien, Mandeln, Feigen,Melonen, Citronen, Orangen —, anderseits sonnverbrannteweite Gebiete, nackte, rothe Fessen, staubbeladene Luft,im Sommer glühende Sonne, düsterer Ernst, lange, regen-lose Sommerzeit, Ströme zwischen breiten nackten Stein-betten und ein stürmischer Nordwestwind, Mistral genannt,der im Frühling die Küste eiskalt und gelbnebelig durch-
August 1799. Mit Wohlgefallen sieht man ausgedehnteWeinberge. Wir mußten mehrere, zum Theil sehr langeTunnels durchführen. Valence, mit 2400 Einwohnern,hat eine prachtvolle Kathedrale St. Apollinaris und eingut erhaltenes Amphitheater mit einem Zuschauerraumfür 7000 Personen. Neben dem Bahnhof konnte manauf einer Geschäftsfirma lesen: Leopold Landauer, Manu-faktur. Die Landschaft nimmt bei Livron einen südlichenCharakter an; die Berge haben jetzt einen gelben, felsigen,sonnverbrannten Charakter, der in der Provence vorherrscht.Links in der Ferne die Alpen der Dauphins. Die Bahnpasstrt bei Montelimar einen langen Vtaduct über denRoubion, — in der Umgegend Maulbeer - und Oliven-pflanzungen, große Feigenbäume. In der Ebene von Mont-elimar breiten sich um einsame Dörfer weite Getreide-felder aus. Von Orange ab beginnen ausgedehnte Oliven-wälder. Orange ist eine Stadt mit 10,300 Einwohnern,
Gberftausen.
stürmt und die Rhone hinan bis Valence würhet; diesmerkwürdige Land war das Paradies der Troubadoureim Mittelalter. Jetzt trauern die kleinern Städte undDörfer unter gebrochenen Burgen, und die Großstädtezeigen das volle, aufreibende Leben der modernen In-dustrie. Schön und blühend sind die Landschaften zwischenLyon und Avignon ; längs der südwärts führenden Bahn-trace sehen wir anmuthige Hügel, schroffe Felsbcrge, stilleDörfer, lebhafte Städte, herrliche Schlösser, zerfalleneRuinen, bald zur Linken bald zur Rechten die Rhone ,die dem Meere zuläuft, mit der Bahn; es ist ein klas-sischer Boden, wo die römischen Imperatoren mit sieg-reichen Armeen herumgezogen sind, um die Gallier zuunterwerfen. Wir nähern uns der Stadt Valence, wohinNapoleon I. den 80jährigen Papst Pius VI. hat bringenlassen, weil er dem Kirchenstaate nicht entsagen wollte,— ein sanfter Tod erlöste den greisen Dulder am 29.
inmitten von Wiesen, Maulbeerpflanzungen, Weinbergen;in seiner Nähe wurden 105 v. Chr. die Römer von denKimbern und Teutonen geschlagen; Orange gehörte alsFürstenthum 1531—1702 zum Haus Nassau, das daherden Beinamen Oranien führt, wurde 1713 an Frank-reich abgetreten. Von der Bahn aus sichtbar ist einTriumphbogen, ein schöner, prächtig decorirter Bau ausdem 2. Jahrhundert n. Chr., ebenso am südlichen Endeder Stadt ein römisches Theater, es soll eines der best-erhaltenen, großartigsten antiken Theater sein, für 7000Personen! Wir konnten es nicht besichtigen bei so kurzemAufenthalt. Währeno der Fahrt hatten wir aber auch diegeistliche Tagesordnung auszuführen; im Pilgerbüchlein,das Jeder bekam, waren die entsprechenden Gebete undLieder enthalten. Nach der Morgen-Andacht betete mandie Reise-Meß-Andacht, um 7 Uhr den Rosenkranz mitLauretanischer Litanei, um 9 Uhr Marianische Andacht