Ausgabe 
(10.7.1894) 56
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Reise-Skizze deS bayerischen Pilgerzuges nachLourdes 1894.

(Fortsetzung.)

Während des ganzen Nachmittags war Beichtgelegen-heit für die Pilger; die Missionäre wie die Geistlichender Karawane hatten sich in der Rosenkranzkirche und inder Krypta hiefür zur Verfügung gestellt, nachdem zuvorder Rosenkranz gebetet worden war, ebenso abends nach7 Uhr, wobei auch das Salve Regina u. a. gesungenwurde. Die anwesenden Franzosen sind voll Lob überdie Schönheit und Kraft unseres deutschen Volksgesangesund betheiligen sich fleißig an unsern Andachtsübungen.Einige wünschten den Text zu besitzen; sie sagten:wirsehen, daß Ihr auch gute Christen seid!"

Niemand verließ vor 9 Uhr abends die heiligeStätte, welche im Vorraum 20,000 Andächtigen Platzgewährt. Manche blieben bis 10 oder 11 Uhr abends,bis sie in ihre Quartiere zur Stadt zurückkehrten.

Samstag, 14. April, celebrirten die priesterlichenPilger von morgens 5 Uhr an, meist in der Basilikaoder Rosenkranzkirche, heilige Messen unter fleißiger An-wohnung der Mitpilger. Von 78 Uhr waren 2 heiligeMessen in der Grotte, während deren die heilige General-Communion stattfand und deutsche Meßlieder gesungenwurden. Dann wurden die Kranken, welche sich vor derGrotte in Reihen aufgestellt hatten, mit dem Sanctissimumbenedicirt, unter Vorbeten ergreifender Gebetsanmuthungenzur Erweckung des gläubigen Vertrauens, worauf die Pilger-schaft in Procession betend zur oberen Basilika sich bewegte,das Sanctissimum dorthin begleitend. Um halb 10 Uhrpredigte der blinde Herr Pfarrer G. Hackl von Steindorf überMaria die Unbefleckte und diese ausgezeichnete Gnadenstätte,wobei Alle tief gerührt wurden. Während des folgendenleoitirten Hochamtes würde vom Pilger-Sängerchor eine4stimmige Festmesse von Stehle recht gut vorgetragen,unter Direction des Herrn Beneficiaten von Wertingen .Nachmittags 3 Uhr wurde Kreuzweg-Andacht auf demCalvaricnberge gehalten, wo an den 14 Stationen großeKreuze aufgestellt waren. Die Sonnenstrahlen branntenziemlich heiß hernieder, so daß wir viel Schweiß ver-gossen bei dem Herumwandern auf dem ziemlich steilenund hohen Vorberge der Pyrenäen . Auf dem Rückwegebesuchten wir die auf der andern Bergseite gelegene großeSt. Magdalenen-Grotte mit dem lebensgroßen Bilde derHeiligen und der schmerzhaften Mutter Maria. Späterwar Rosenkranz , während besten sich die Pilger vor derPiscina aufstellten, in welcher die Kranken der Reihe nachbadeten im Wasser der wunderbaren Heilquelle.

Heule, Samstag, abends halb 8 Uhr hielten wireine Lichter - Procession, procession aux tiaindsaux.Alle hatten sich mit Kerzen versehen, und nun setzte sichvon der Grolle aus bei der Dämmerung der Zug inwohlgeordneten Reihen in Bewegung, den Felsen hinaufin Serpentinen sich bewegend, jeder die brennende Kerzein der Hand. Während der Sängerchor das schöne Lourdes -lied sang, wurde der SchlußrefrainAve Maria" vonallen Pilgern gesungen, so daß die Felsenwände ein freu-diges Echo wiedergaben.

So nitl der Zug hinaus in die Nacht, über unsDas Firmament mit seinen funkelnden Sternen, langeReihen wandelnder Lichtträger haben sich gebildet ; den506 Pilgern der bayerischen Karawane haben sich auchHwndene von Pilgern aus andern Ländern angeschlossen,«vd so ziehen wir singend in langsamer, feierlicher Be-

wegung an der Basilika vorbei, dem Platze zu, auf demsich die gekrönte Statue der heiligsten Jungfrau befindet.Auch diese und der sie tragende Marmorsockel ist voneiner Unzahl Lichtlein beleuchtet; um sie herum zieht dieProcession laut singend der Kirche zu, wo sich der Zugauflöst. Die meisten Pilger gehen wieder zur Grotte,dort noch eine Zeit lang zu beten; bei 50 Pilger sollen dieganze Nacht bis früh Morgens dort ausgehalten haben.

Am Sonntag, 15. April, waren unsere Gottesdiensteund Andachten auch von den Einwohnern und vielenfremden Pilgern besucht, besonders das Hochamt in derRosenkranzkirche, unter welchem unser wackerer Sänger-chor eine für gemischte Stimmen componirte cäcilianischeMesse, mit Harmoniumbegleitung, wirkungsvoll gesungenhat, auch zur großen Erbauung der französischen Zuhörer,die fast nur Choral zu hören gewöhnt sind; vorher hatte einAugustiner-Pater, N. Heim, unseres Pilgerzuges gepredigtüber Maria, die Helferin der Christen. Jeden Morgen zwi-schen 6 und 7 Uhr celebrirten zwei Priester aus unsererGenossenschaft nach einander die heilige Messe in derGrotte, worauf, wie jeden Tag, Kranken-Benediction undfeierliche Uebertragung des Allerheiligsten in der Basilikastattfand.

Heute besichtigten Viele das berühmte Panorama:Darstellung des Massabielle-Felsens im ursprünglichenZustande mit der begnadeten Visionärin Bernadette inder Ekstase in Gegenwart von Tausenden bewundernderZuschauer aus Stadt und Umgebung, wovon Viele nochleben. Auch besuchten wir das elterliche Wohnhaus derBernadette Soubirous , z. Z. im Besitze eines verheirathetenVetters derselben; Bett und Möbel im alten Zustandein ihrem Zimmer, darin die Portraits der Familie und2 Briefe in französischer Sprache, die sie später als Kloster-frau an ihre Geschwister in Lourdes geschrieben; sie warenunter Rahmen und Glas an der Wand aufgehängt.

Nach Tisch suchten wir die eigentliche Pfarrkirchevon Lourdes auf, eine ziemlich große Kirche ohne beson-dere Kunstwerke; dort wurde um 1 Uhr Nachm. Katechesegehalten vor wenigstens 300 Christenlehrpflichtigen vom9. bis 17. Lebensjahr; meist wurde examinirt und dieKnaben mit Monsieur, die Mädchen mit Mademoiselleangesprochen; in der Nähe der Friedhof, worin sich auchdas Grab Peyramalcs befindet, des Seelsorgers von Ber-nadette ; daran anstoßend die halbfertige neue Pfarrkirche,deren Weiterbau seit Jahren wegen fehlender Geldmittelsistirt ist. (Fortsetzung folgt.)

-i-W-I-

Casimir Perier ,

Präsident der französischen Republik.

(Mit Porträt.)

Präsident Carnot ist am 24. Juni 1894 dem Dolcheeines italienischen Anarchisten zum Opfer gefallen. Be-reits am 27. Juni hatte Carnot einen Nachfolger ge-funden : Im Congreß wurde der bisherige Präsident derAbgeordnetenkammer, Jean Paul Pierre Casimir Perierim ersten Wahlgange mit 451 Stimmen zum Präsidentender Republik gewählt. Der neue Präsident der Republik ist geboren am 8. November 1847 zu Paris , er ist also46 Jahre alt. Er ist ein Enkel des berühmten Ministersder Juli-Monarchie und ein Sohn des 1876 gestorbenenMinisters des Innern, der gegen den Staatsstreich Na-poleons opponirte, weßhalb er damals auf einige Tageverhaftet wurde, später nach dem 1870er Kriege ein her-