Ausgabe 
(10.7.1894) 56
Seite
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Mein Freund ist in der That sehr liebenswürdig,"sagte Maitland lächelnd.

Eine dunkle Nöthe flammte über Melanie's Gesichtund Hals. Es waren weniger Maitland's Worte, alsder Ton, in welchem er sie gesprochen, und das Lächeln,womit er sie begleitet hatte, worüber sie erglüht war.In ihrer Empfindung lag indessen auch ein Anflug vonUnwillen, und obgleich die Nöthe von ihrem Antlitz nochnicht gewichen war, hob sie doch den Kopf hoch und ent-gegnen:Er ist nicht allein liebenswürdig, sondern auchedel und großmüthig. Er zählt zu den wenigen Menschen,die einen erlangten Vortheil niemals in selbstsüchtigerWeise ausbeuten."

Da haben Sie vollständig Recht," pflichtete Mait-land bei,seine Beweggründe sind stets edel, vielleichtsogar etwas zu edel. Es giebt Fälle im Leben, meinliebes Fräulein, wo unser eigener Genuß das Mittelwird, anderen Genuß zuverschaffen, und unter sol-chen Verhältnissen ist dieSelbstverleugnung kaumangebracht." Melanie warvon zu großer Herzens-reinheit, um diese Rede zuverstehen, und der men-schenkundigeMaitland,wel-cher mit jedem AugenblickeihrenCharakter tiefer durch-schaute, lenkte das Gesprächauf andere Gegenstände,wobei er seine ganze glän-zende UnterhaltungsgabeinsTreffen führte. Melaniehörte mit Vergnügen zu,und es gelang ihrem Be-sucher, sogar ihre Bewun-derung zu erregen, womitihr Herz freilich nichts zuthun hatte. Der Eindruck,welchen sie selbst auf Mait-land machte, übertraf weitdessen Erwartungen. Oftschlug er mitten imBrillant-feuerwerk seiner Unterhal-tung auf eine Secunde dieAugen nieder und erhobsie dann wieder gedanken-voll zu Melanie's Antlitz, um ihre Schönheit förmlich ein-zuschlürfen.

Ich will mich jetzt von Ihnen verabschieden, Fräu-lein Nettberg," schloß er die Unterhaltung,aber ichdarf wohl die Hoffnung mitnehmen, daß Sie mich fürdie Zukunft nicht von Ihrer Gesellschaft ausschließen wer-den, die ich hoch schätzen gelernt habe. Es ist dies wohldie geeignetste Stunde," setzte er hinzu, nach der Uhrsehend,die ich wählen kann, Sie zu treffen?"

Schon war Melanie im Begriff zu antworten, siewerde von morgen an nur bei Frau von Prachwitz zutreffen sein, als sie sich plötzlich des Versprechens erinnerte,welches sie dem Baron gegeben hatte. Dann dachte siewieder, dem Netter ihres Bruders, dem Freunde desBarons dürfe sie es ja wohl sagen; aber da sielen ihrWolfgang's seltsam betonte Worte ein:selbst meinembesten Freunde nicht I"

Ich gehe sehr selten aus," erwiderte sie aus-weichend.

AHI Sie sind auch Künstlerin?" rief Maitland,soeben das Blatt mit der Zeichnung auf dem Tische be-merkend und dasselbe in die Hand nehmend.In derThat, köstlich und von sprechender Aehnlichkeit. So kurzund vorübergehend auch meine Bekanntschaft mit demOriginale war, so erkenne ich es doch sofort wieder, Zugfür Zug!"

Melanie hatte ihre Wirthin in ganzer Figur auf'sPapier gezeichnet, um diese charakteristische Erscheinungzu fixiren, ehe sie in ihrem Gedächtniß verblaßte.

Wissen Sie auch, mein talentvolles Fräulein,"fuhr Maitland fort,daß Sie dieser Figur nur nochein mittelalterliches Gewand anzuziehen brauchen, umaus ihr eine so prächtige Frau Martha Schwerstem zumachen, wie sie dem Altmeister Goethe nicht besser vor-geschwebt haben kann?Wenn es Ihnen dann nochgelingt, ein glückliches Mo-dell für den Mephisto zufinden, so wird das ge-radezu ein Kabinetsstückgeben."

Er legte die Zeichnungwieder auf den Tisch undbeendete seinen Besuch, in-dem er sich in ebensowarmer als respektvollerWeise der jungen Dameempfahl.

Ein schönes Kind!"murmelte er, unterwegsfortwährend an MelanieNettberg zurückdenkend,ein wahrhaft bestricken-des Wesen! Dieser gnädigeHerr Baron" er sprachden Titel sehr langsamund mit einem sehr ge-hässigen Accent ausist ein ungeheurer Thor,eine solch' kostbare Perlewegzuwerfen!" (Forts, f.)

Casimir pericr.

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GoldkSrner.

Keiner ist so glücklich, so vernünftig und liebenswürdig wieein wahrer Christ. Pascal.

Gut sein, ist Pflicht,sein, Jämmerlichkeit.

sehr gut sein, Tugend halb gut

Der, dessen Glaube echt und klar,

D>n kann kein Leid bezwingen,

Der mag wohl, aller Güter bar,

Noch wie ein Vogel singen!

Schaut doch d-e Lilien in dem Feld,

Wie sind sie frisch und wohlbestellt,

Wie grün und guter Dingen!

Annette v. Troste.

Kommt der Dieb zum EideUnd der Wolf zur Haide,

So gewinnen Beide.

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