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einem tiefen Athemzuge, als fühle sie sich von einer er-drückenden Bürde befreit.
„So ist also alle Gefahr für meinen Bruder vor-über?" fragte sie, dem Baron mit inniger Dankbarkeitdie Hand drückend.
„Sie haben nichts mehr für ihn zu fürchten; dochist auf seine Besserung kaum zu hoffen, wenn er nichtseinem bisherigen Umgänge entzogen wird."
„Ich fürchte, Sie haben nur zu sehr recht."
„Mein Freund Maitland und ich sind daher über-eingekommen, ihn mit der nächsten Gelegenheit nach Amerika zu schicken und dort für sein weiteres Fortkommen zusorgen."
Melanie schwieg, und als Wolfgang Thränen inihrem Auge sah, kam er sich fast grausam vor, ihr dieseEröffnung gemacht zu haben.
„Ich werde ihn wohl niemals wiedersehen," sagtesie unter einem schmerzlichen Seufzer, „denn ich glaube,er hat ein Brustleiden und wird nicht alt werden. Aberauch ich erwarte einen heilsamen Einfluß auf seinenkünftigen Lebenswandel nur von einer gänzlichen Ver-änderung seiner Umgebung und seiner Verhältnisse. Daihm aber nun Herr von Quinna nicht mehr schaden kann,so habe auch ich diesen nicht mehr zu fürchten und brauchesonach Frau von Prachwitz und Fräulein Teßner nichterst zur Last zu fallen."
Dem Baron kam diese Schlußfolgerung sehr uner-wartet, sie stand im geraden Gegensatze zu dem Zwecke,der ihn zu Melanie geführt hatte.
„Im Gegentheil," erwiderte er, „Sie bedürfen einersolchen Zufluchtsstätte dringender denn je."
„Ihr Rath ist stets gut und ich müßte sehr un-dankbar sein, wenn ich ihn nicht befolgen wollte," sagtesie resignirt. „Frau von Prachwitz will mich heute gegenAbend abholen und wird mich bereit finden, mit ihr zugehen."
„Noch muß ich Sie um etwas bitten," bemerkteder Baron zögernd. „Wollen Sie es mir gewähren,ohne zu fragen warum?"
„Sie dürfen es nur nennen," antwortete sie.
„O, es wird Ihnen nicht schwer werden, FräuleinRettberg. Ich verlange nichts von Ihnen, als daß Siemir Ihr Wort geben, niemandem Ihren künftigen Auf-enthalt zu verrathen."
„Ich gebe es Ihnen, Herr Baron . Ich werde nie-mandem sagen, wohin ich gehe, weder meinem Bruder,noch meiner Wirthin, noch sonst jemandem in der Welt."
„Selbst meinem besten Freunde nicht," fügte Wolf-gang hinzu.
Er betonte die letzten Worte so stark, daß Melanieihn fragend anblickte. Doch erwiderte sie: „Ich werdemein Versprechen unter keinen Umstünden brechen."
„Ich danke Ihnen, und nun leben Sie wohl," sagteer, ihre Hand ergreifend. „Ich hoffe, Sie heute Abendnoch bei Frau von Prachwitz zu sehen."
Er schnitt ihr die Dankcsworte, die ihr auf denLippen schwebten, ab, indem er mit einem leisen Druckeihre Hand losließ und mit ehrfurchtsvollem Gruße sichentfernte.
Als er sie nicht mehr sehen konnte, drückte sie ihreHand an die Stirne. „Ich darf nicht mehr an ihndenken," waren ihre Gedanken, „es wäre Wahnsinn!"
XVI.
Von ihrem Ausgange nach Hause zurückgekehrt,packte Melanie in ihrem Schlafzimmer ihre Sachen ein.Sie war zerstreut und unruhig. .Zuweilen hielt sie inihrer Arbeit inne, ging in das vordere Zimmer, setztesich auf einen Stuhl und verfiel in Nachsinnen; danngriff sie nach einem auf dem Tische vor ihr liegendenBlatt Papier , begann zu zeichnen, um ihre Gedankenvon dem Gegenstände, der diese beschäftigte, abzulenken,und sprang plötzlich, als habe sie etwas versäumt, wiederauf, um hastiger als zuvor mit dem Einpacken fortzu-fahren. So hatte sie in seltsamer Unruhe ein paarStunden zugebracht, als sie ein Klopfen an der Thürdes vorderen Zimmers zu Vernehmen glaubte. Vorsichtigschloß sie die Thür des Schlafgemachs, worin ihr ge-öffneter Koffer stand, ehe sie „Herein" rief. Die Wirthinerschien, eine Visitenkarte in der Hand.
„Sie empfangen ja lauter vornehme Besuche," sagtesie wichtig, „erst waren die beiden feinen Damen daund nun wünscht Ihnen ein sehr eleganter Herr seineAufwartung zu machen. Ich hielt ihn im ersten Augen-blicke für — "
„Bitte, sagen Sie dem Herrn, ich würde mich sehrfreuen, ihn zu sehen," fiel ihr Melanie hoch erröthendins Wort, als sie auf der Karte den Namen „Otto Mait-land" gelesen hatte, denn sie erinnerte sich sogleich, daßdes Barons Freund so hieß, welcher eine so großmüthigeSchonung gegen ihren Bruder übte.
Beinahe wäre ein Ausruf der Ueberraschung Me-laniens Lippen entschlüpft, als der Besucher eintrat, dennsie glaubte im ersten Augenblicke den Baron von Sturenwieder vor sich zu sehen. Aber als sie die Täuschunggewahr wurde, fühlte sie, wie trotz der Ähnlichkeit Mait-land's mit dem ihr so theuern Baron, trotz der Dank-barkeit, die sie für den Ankömmling hegte, ein Etwaswie ein leiser Schauder sie berührte. Melanie überwandden seltsamen Eindruck wenigstens so weit, daß er sichnicht in ihrem äußeren Benehmen verrieth. Sie tratMaitland mit ihrer gewohnten Anmuth entgegen undsagte, ihm die Hand reichend: „Herr Baron von Sturenhat mir mitgetheilt, wie edel und gütig Sie gegen meinenBruder zu handeln geneigt sind. Ich kann nur Gottaufrichtig bitten, Sie zu belohnen, wie Sie es verdienen."
Ein seltsamer dunkler Schatten flog über Maitland'sGesicht. Doch er erwiderte sogleich, indem er Melanie'sHand sanft drückte:
„So ist mir mein Freund also zuvorgekommen?Ich glaubte, der erste Ueberbringer jener Nachricht zusein, welche Sie, wie ich gewiß wußte, erfreuen würde."Maitland hatte sich in Melanicns Nähe auf einem Stuhleniedergelassen und fuhr fort: „Sie haben in der letztenZeit viel Trübsal erlebt, mein liebes Fräulein, und wasmir mein Freund davon erzählte, hat den lebhaften Wunschin mir erregt, etwas für Ihr Glück zu thun, wenn Siees mir erlauben wollen."
„Sie haben durch Ihre hochherzige Handlungsweisean meinem Bruder für mein Glück bereits mehr gethan,als ich Ihnen je zu vergelten vermöchte," versetzte MelanieNettberg, „und nun mir diese schwerste aller Sorgen vomHerzen ist, hoffe ich mit Hülfe der Freunde, die ich sounerwartet gefunden habe, nichts weiter zu bedürfen.Meine Lage wäre allerdings mehr als verzweifelt gewesen,hätte mir nicht der Herr Baron Hülfe und Trost gewährt."