Ausgabe 
(10.7.1894) 56
Seite
425
 
Einzelbild herunterladen

^L56.

Augsburgrr Postzeitung".

Dinstag, den 10. Juli

1894 :

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg (Vorbesitzer Dr. Max Huttlcr).

Zm Laune alter Schuld.

Roman von Gustav Höcker.

(Fortsetzung.)

XV.

Trotzdem die Besprechung mit Maitland mit einemversöhnenden Accord ausgeklungen war, fühlte Wolfgangdie Nothwendigkeit, die Entfernung Melanie Rettbergsaus ihrer bisherigen Wohnung zu beschleunigen, um sieaus dem Bereiche eines noch gefährlicheren Verfolgersals Quinna war, zu bringen. Um ihr einen warnen-den Wink zu geben, begab er sich nach ihrer Wohnung.

Eben als er im Begriff stand, den großen Kasernen-bau zu betreten, kam ihm Melanie aus der Hausthüre ent-gegen. Sie trug ein einfaches graues Beigekleid undin der Hand ein ledernes Handtäschchen; das goldblondeHaar war von einem Weißen Strohhütchen mit dunkel-rothen Rosen bedeckt, der ihr wunderhübsch zu Gesicht stand.

Herr Baron I" rief sie überrascht und wollte um-kehren, um ihren Besucher hinaufzuführen.

Nein, bitte, Fräulein Nettberg, ich will Sie nichterst die Treppen wieder Hinaufbemühen," erwiderte Wolf-gang.Gewiß sind Sie auf dem Wege, um Einkäufezu machen. Wenn Sie mir gestatten wollen, begleiteich Sie ein Stück."

Was war es, das ihm an ihrem Benehmen auf-fiel? Er bemerkte eine eigenthümliche Schüchternheit anihr; ihre Stimme hatte gebebt, als sie ihn anredete, ihrBlick senkte sich zu Boden. Die Offenheit ihres Wesens,mit welcher sie ihn stets empfing, war verschwunden.Wolfgang fand für diese Veränderung keine Erklärung,doch würde sie ihm begreiflich erschienen sein, wenn ergewußt hätte, daß Melanie nach dem Besuche der beidenDamen in ihr Herz geblickt und sich die Frage vorge-legt hatte, welches eigentlich ihre Gefühle für den Mannwaren, der jetzt vor ihr stand. Ihre Aufregung beidem Anblicke Felicitas' hatte ihr zuerst verrathen, daßetwas Seltsames in ihrem Inneren vorging, und seitdemhatte sie nur immer an den Baron denken müssen.

Sie reichte ihm indessen ihre Hand eine Hand,die gewöhnlich so kalt wie Marmor war, aus welchemsie, der Farbe nach zu schließen, gebildet schien; dochdiese Hand war jetzt glühend heiß und ihre Wange sobleich.

Sie sind krank, Fräulein Rettberg!" rief Wolfgang,als er die fieberhafte Berührung fühlte.

AchI es ist heute so vieles auf mich eingestürmt,was mich aufgeregt hat," seufzte sie.

Ich hatte Sie und Ihre Lage nicht vergessen,Fräulein Rettberg," erwiderte er mit freundlichem Ernst,thu Sie für den Fall meines Todes nach Möglichkeitzu schützen, schrieb ich meine letztwilligen Wünsche nieder,damit Sie auf Lebenszeit vor Gefahr und Mangel ge-sichert seien."

O, ich weiß, Sie sind edel und gut, ich weiß essehr wohl!" flüsterte Melanie, und unfähig, ihre tiefeBewegung zu bemeistern, mußte sie das Taschentuch andie Augen bringen, um rasch ihre Thränen zu trocknen.

Während Wolfgang ihr beruhigend zusprach, hattenbeide eine kleine Promenadenanlage erreicht, wie es derenauch in den ärmeren Stadttheilen Berlins giebt. Hierwandelten sie ziemlich ungestört auf und ab.

Ich darf wohl annehmen," sagte Wolfgang,daßes Ihnen nicht gelungen ist, von ihrem Bruder in derWechselangelegenheit den gewünschten Aufschluß zu er-halten."

So oft ich davon anfange, weist er mich brutalzurück," gab Melanie bekümmert zur Antwort.

Haben Sie ihn vielleicht im Verkehr mit einemManne von riesenhaftem Wüchse gesehen," fiel der Baronplötzlich ein,einem Manne in mittleren Jahren, derden Beinamender Ulan" trägt?"

Ihre Beschreibung paßt allerdings auf einen Be-kannten meines Bruders, der ihn zuweilen besucht. Ichkenne ihn aber unter dem Namen Nölltng. Er trägtdas dunkle Haupt- und Barthaar stets kurz abgeschoren"

Wolfgang nickte.

Und das hat mich zuweilen auf den Gedanken ge-bracht, ob er das nicht thut, um beliebige Metamor-phosen mit seinem Gesicht vornehmen zu können."

Es liegt allerdings etwas in seinem Wesen, alsginge er auf krummen Wegen," stimmte Wolfgang bei.Doch habe ich diesen Gegenstand nur nebenher berührt,Fräulein Rettberg. Was den Wechsel betrifft, so dürfenSie unbesorgt sein. Der gefälschte Name ist ermittelt;das seltsame Spiel des Zufalls hat es sogar gefügt,daß ich mit diesem Manne, der Maitland heißt, nahebefreundet bin. Ich habe sein Versprechen erhalten, gegenIhren Bruder nichts zu unternehmen. Der Wechsel dürftejetzt bereits eingelöst sein."

Melanie blieb stehen, und ihr Busen hob sich unter