Ausgabe 
(10.7.1894) 56
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Burg dieses berühmten Grafengeschlechtes gestanden sein.Mit dem Jahre 815 beginnt es mit der Geschichte desOrtes und der nächsten Umgebung desselben lichter Tagzu werden, denn im genannten Jahre erbaute ein demGrafengeschlechte ungehöriger Augsburger Chorherr Na-mens Radhard ein Kirchlein und Stift zu St. Georgen ,doch das Stiftsgebäude wurde noch vor Nadhards Tode(850) von den Ungarn zerstört. Gräfin Kunissa vonDiessen stellte die Kirche wieder her und erbaute den Chor-herren in der Nähe der jetzigen Klostergebäude ein Klöster-lein und eine Kirche zu Ehren des hl. Stephanus. Nachdem Tode ihres Gemahls, des Grafen Friedrich II. vonDiessen-Andechs, erbaute Kunissa ein Frauenstift mit einerder hl. Maria geweihten Kirche und trat selbst als Oberinin den Orden der Chorfrauen. Graf Berchtold II. vonDiessen ließ die Burg abbrechen und ein größeres Klosteraus dem Baumateriale herstellen, wodurch der abwärtsgegen den See sich ausdehnende Ort zu einem ansehn-lichen Markte heranwuchs, welchen Berchtold II. demKloster mit allen Rechten schenkte. Die Freiheiten desMarktes bestätigte Herzog Ludwig der Strenge , und im14. Jahrhunderte erwarb Kaiser Ludwig der Bayer denMarkt wieder, das Kloster erhielt die Gerichtsbarkeit, undnach dem großen Brande im Jahre 1317 verlieh derKaiser dem Markte einen Wochenmarkt und alle Rechteund Freiheiten einer Stadt. Dem damaligen PropsteKonrad II. verlieh Ludwig das Recht der Landstanderie,sowie das Recht, einen eigenen Magistrat zu wählen; demKloster aber ertheilte er die Jurisdiction über alle Ortedes Pfarrbezirkes mit Ausnahme der Kriminalgerichts-barkeit und des Blutbannes. Sehr hart litten Marktund Kloster im dreißigjährigen Kriege, im spanischen Erb-folgekriege und durch die Franzosen im Jahre 1800.

Siebenunddreißig Pröpste standen dem Stifte vorvon der Gründung an bis zur Säcularisation im Jahre1803. Ein Jahr später wurde die herrliche, im Jahre1739 eingeweihte Stiftskirche zur Pfarrkirche statt jenerin St. Georgen erhoben. Leider paßt der in den Jahren18461848 erbaute Thurm durchaus nicht zu der im-posanten Kirchen-Fatzade.

Diessen hatte früher einen Klosterrichter, dann einenherzoglichen und churfürstlichen Seerichter, später erhieltes ein Landgericht, welches jedoch mit jenem in Lands-berg vereiniget wurde.

Der Markt Diessen liegt 560 Meter über der Nord-see und hat 1254 Einwohner. Vom Dampfschiffstege ausgelangt man, um in den Markt zu gehen, entweder durchdie Fischerei, oder durch die nördliche Birkenallee zurGänsegasse hinauf. Letztere und die Johannisgasse schließenden mittleren Markt mit dem Naihhause, der Post, vierGasthäusern und zahlreichen Gewerben ein. Beim Rath-hause zieht sich der obere Markt mit der Hofmarksgasseund vom Tutzingerhofe mit der Judengasse zur ehemaligenKlosteihöhe hinauf. Außerdem führen dahin zwei mit Nuß-bäumen bepflanzte Fußwege aus der Süd- und Nordseitedes Marktes. Die verlängerte Hofmarksgasse, zur Ge-meinde St. Georgen gehörig, mündet in die LandsbergerStraße ein.

Vom ehemaligen Chorherren-Kloster bestehen nochviele Theile, welche theils den Pfarrhof, theils die Brauerei-Gastwirthschaft und Oekonomie des Hrn. Span enthalten.In Mitte derselben befindet sich die schöne große Pfarr-kirche mit der Chorherren-Gruft und den Grüften derDiessener und Andechser Grafenfamilien. Die schönen Ge-

mälde sind von Albrecht, de Mare, Gg. Bergmüller undTicpolo; die Fresken von Bergmüller. Zwei der Altäreenthalten heilige Leiber, nämlich des hl. Nasso und derhl. Mechtildis, beide aus dem Geschlechte der Diessen-Andechser Grafen.

Am Südende des Marktes befindet sich der Fried-hof mit der 1779 restaurirten St. Johanniskirche, welcheEpitaphien von ehem. adeligen Seerichterfämilien enthält.

Die Diessener sind ein feucht-fröhliches Völkchen,freundlich und gefällig. Für alle Bedürfnisse des Lebensund Haushaltens sorgen tüchtige Geschäfte und Gewerbe,und großen Ruf haben die Zinnwaaren von Schweizer und Nathgeber. Ein gutes photographisches Atelier vonMerz, welches die Photographien zu den vorstehendenautotypischen Bildern geliefert hat, befindet sich in derFischerei, eine Buchdruckerei und Kunsthandlung in derJohannisgasse. Zwei Lohnkutscher sorgen für Beförderungschlechter Fußgänger. Die Postcxpedition mit Telegraphim Gasthause zur Post befördert durch Postomnibusse nachLandsberg und Wilzhofen täglich Briefe, Zeitungen undFrachtstücke. Dem Patienten helfen zwei Aerzte und ebenso viele Chirurgen, wenn es irgend möglich ist, wiederauf die Beine, und auf vier Bierkellern mag er sich angutem, frischem Biere stärken.

Drei Dampfschiffe sorgen für den Verkehr mit denSee-Orischaften vom Mai bis Ende September, und derFußgänger kann sich die schöne Umgebung mit den Bergenvon St, Alban, St. Georgen und dem Burgwalde ausbesehen, und kein Sommergast wird es bereuen, einigeWochen im freundlichen Diessen zugebracht und sich durchSeebäder gestärkt zu haben. Fritz Schenk.

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Wein Sohn kommt!

(Zu unserem Bild Seite 429.)

Vor Jahren war's, da zog er hinaus in die Fremde, Müt-terleins Einziger! Die Welt wollte erkennen lernen und durchSchaffen und Mühen sich ein Stück Geld verdienen, um sichselbst einmal ein Heim gründen zu können. Wenn die Sonneihre letzten Strahlen zum Fensterlein sandte, hinter welchem dieMutter zu sitzen Pflegte beim Spinnrocken, das Kätzchen aufdem Kissen neb.n sich, da war es dem Jungen immer, als lüdendie goldenen Strahlen ihn ein, hinzuziehen nach jenem Lande,von welchem die Sonne so oft ihre Abschiedsgrüße gesandt. Under griff zum Wanderstabe, zog hinaus in die weite, weite Ferne,um bei fremden Menschen jenes Glück zu suchen, von dem erin seiner Jugend geträumt. Wieder sitzt Mütterlein beim Spinn-rocken, das Kätzchen am gewohnten Platzei Viele Jahre sinddahin, seitdem ihr Einziger von ihr geschieden I Zum offenenFenster grüßen auch heute wieder der Abendsonne Strahlenlieb Mütterlein. Und der goldene Strahl, der den Jungen einsthinausgelockt in die Ferne Mutter herz I heute bringt erihn dir zurück, deinen Sohn, glücklich und gesund an Leib undSeele! Ja, es ist dein Liebling, den du kommen siehst I SeinGruß gilt dir, dir und der trauten Heimath! Freue dich, Müt-terlein! das Glück, von dem er geträumt, er hat es gesunden IFrz. Schmid - Breitenbach, der geniale, liebenswürdige Künstler,bat in diesemMein Sohn kommt!" betitelten Gemälde neuer-dings seine Meisterschaft bewiesen!

Auflösung der Schachaufgabe in Nr. 55:

Weiß. Schwarz.

1. D. L.8-68 T. §6-68 :

2. S. 04§6 f Matt.

Zieht Schwarz anders, etwa K. §4-1)5 : setzt W. T §3-1)3Matt; zieht Schw. mit Spr., erfolgt Matt wie oben usw.

--EsS--