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„Augsburger PostMung".
57 . Ireitag, den 13. Juli 1894 .
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen ZnstitutS von Haas L Grabberr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler ).
Lm Lärme aller Schuld.
(Fortsetzung.)
XVII.
An diesem Abende befand sich Melanie bereits inihrem neuen Heim und saß mit ihrer Beschützerin undFelicitas in dem traulichen Wohngemache, welches vomGaslicht eines Kronleuchters fast tageshell erleuchtet wurde.
Alle äußeren Lebensumstände erwogen, konnte sichMelanie keine günstigere Veränderung wünschen, als die-jenige, welche seit einigen Stunden mit ihr vorgegangenwar. Die gute Frau von Prachwitz fühlte für sie wieeine Mutter und that alles, um jedes leise Gefühl vonScheu und Abhängigkeit von dem jungen Mädchen fern-zuhalten und es ihr recht heimisch in ihrer neuen Um-gebung zu machen. Felicitas stand ihr wohl wenigerunbefangen gegenüber, um so tiefer aber vermochte siein Melanies Empfindungen einzudringen. Es geht nichtsüber den feinen Spürsinn der Frauen, wenn es gilt,das Geheimniß eines andern weiblichen Herzens zu er-gründen. Felicitas vergegenwärtigte sich, welcher Art dieGefühle dieses armen Mädchens gegen ihren ritterlichenRetter wohl sein mochten, und indem sie sich in derenLage versetzte, las sie in ihrem Herzen wie in einemoffenen Buche. Sie legte sich die Frage vor: „LiebtWolfgang sie am Ende doch? Muß er sie nicht lieben,sie, die so schön, so anziehend und so unmuthig ist? Aberwäre dann Melanie hier gewesen? Würde er sie unmittel-bar unter den Schutz dieses Hauses gestellt haben, wennihn ein anderes Gefühl, als das des Mitleids, ein an-derer Wunsch, als ihre Unschuld vor der drohenden Ge-fahr zu bewahren, geleitet hätte? Nein, gewiß nicht!sagte sie sich, und obgleich sie anfänglich die Hand ansHerz drücken mußte, um dessen unerträgliches Pochen zustillen, wurde dieses doch bald wieder ruhig, und sie sagtesich: „Ich bin es, die er liebt. Ach! arme MelanieRettberg!"
Einen einzigen Augenblick hatte Felicitas die stechen-den Qualen der Eifersucht empfunden, aber als ihre Zu-versicht wiederkehrte, machte sie sich bittere Selbstvorwürfe,daß sie ein Gefühl der Freude über etwas, das einerandern tiefen Kummer bereiten mußte, nicht ganz hatteunterdrücken können. Melanie ihrerseits fühlte sich zuFelicitas, welche ihr die zartesten Aufmerksamkeiten er-wies, hingezogen wie zu einer Freundin, der sie ihr ganzes
Herz hätte ausschütten mögen — und doch mußte siegerade vor ihr verbergen, was dieses Herz am tiefstenbewegte. Wenn sie ihre liebliche Gesellschafterin ansah,verstohlen ihre große Schönheit prüfte, da mußte sie sichsagen: „Kein Wunder, daß er sie liebt," und vermochtenur mit Mühe einen tiefen Seufzer zu unterdrücken.
Sie kämpfte mit aller Macht gegen den Trübsinn,um ihre Umgebung nichts davon merken zu lassen, undals Frau Prachwitz und ihre Nichte zu ihren Handar-beiten griffen, nahm auch Melanie eine Beschäftigungvor, indem sie ihre Zeichenskizze herbeiholte und dieselbemit leicht hingeworfenen kecken Strichen vollendete. Siewar nahezu damit fertig, als der Baron von Sturenangemeldet wurde und ins Zimmer trat.
Felicttas hegte Gefühle für Wolfgang, deren sie sichsehr lebhaft bewußt ward, sobald sie ihn sah. Obgleichsie um keinen Preis Wolfgang's Liebe geopfert hätte, sowünschte sie doch, daß er zuerst mit Melanie sprechenmöchte. Aber Wolfgang that es absichtlich nicht, undzwar um Melanies selbst willen. Es war ihm heuteMorgen aus ihrem Wesen und manchem ihrer Worteetwas zur Gewißheit geworden, was ihn fühlen ließ, eswürde das Beste sein, seine Neigung für Felicitas sodeutlich wie möglich zu erkennen zu geben. Zu ihr wandteer sich daher, nachdem er Frau von Prachwitz begrüßt hatte,zuerst, und während er ihre Hand ergriff und mit ihrsprach, verleugnete er mit keinem Blicke, mit keinem Toneseine Gesinnungen gegen sie, so daß darüber niemandim Zweifel bleiben konnte.
Melanie behauptete ihre Fassung; sie hatte vorherschon ihr Schicksal gelesen; sie empfing den Baron, alsdieser sich endlich zu ihr wandte, nicht ohne Bewegung,aber doch mit einem äußerlich viel ruhigeren Wesen, alsman ihr zugetraut hätte.
„Ich brauche wohl nicht erst zu fragen, FräuleinRettberg," sagte er, „ob Sie sich hier behaglich undglücklich fühlen. Wie ich bemerke, haben Sie sich inIhrer neuen Umgebung auch bereits künstlerisch beschäf-tigt," fügte er hinzu, als er auf dem Tische vor demPlatze, von welchem Melanie sich erhoben hatte, dieZeichnung mit den dabei liegenden Bleistiften bemerkte.
„O, es ist nur eine Spielerei, nicht des Ansehenswerth," versetzte Melanie, als der Baron um Erlaubnißbat, die Zeichnung zu betrachten.
„Ah!" rief er, „Sie haben ein Motiv aus Goethes„Faust " gewühlt; täuscht mich nicht alles, so ist eS die