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Scene, wo der Höllenfürst Frau Martha Schwertleindie Grüße ihres verstorbenen Gatten überbringt. Ei, diealte Dame trägt ja die ausgesprochenen Züge Ihrer bis-herigen Wirthin!" lachte der Baron . „Ein sehr glück-licher Gedanke und mit meisterhafter Kunst verwerthet.Aber was ist das? Guter Himmel! Dieser Mephisto istniemand anders als mein Freund Maitland!"
„O, nein! nein!" widersprach Melanie verlegen,„ich habe dabei an niemand gedacht."
„Er ist es," behauptete der Baron, „die Aehnlich-keit ist zu auffallend. Unmöglich aber kann dies bloßerZufall sein. Haben Sie Herrn Maitland schon einmalgesehen, Fräulein Nettberg?"
„Heute Nachmittag," antwortete Melanie. „Er be-suchte mich, eine Stunde bevor Frau von Prachwitz kam,um mich hierher zu bringen."
„Und haben Sie in seinem Benehmen etwas ge-funden, das Sie veranlaßte, ihn in dieser Weise zusymbolisiren?" fragte Wolfgang lächelnd, indem er sicherinnerte, einst einen ähnlichen Eindruck von Maitlandempfangen zu haben.
„O, nein, durchaus nicht!" versicherte Melanie,„im Gegentheil, er hat sich mir nur von der liebens-würdigsten Seite gezeigt. Ich hatte bei dieser Zeichnunggar nichts im Sinne. Wäre es anders, so müßte ichmich beschämt fühlen, einen Mann, der so hochherzig anmeinem Bruder gehandelt hat, als Modell zu dem Ur-heber alles Bösen gewählt zu haben."
So sanft sie während dieser Worte das Blatt ausWolfgangs Hand nahm, so energisch zerriß sie dasselbein kleine Fetzen.
„Erlauben Sie mir, einen würdigeren Gebrauchvon meiner unbedeutenden Fertigkeit zu machen," wandtesie sich an Felicitas, „ich will das Porträt des HerrnBarons zeichnen, wenn er so, wie eben jetzt, neben Ihnenauf dem Sopha sitzen bleiben will. Ich kann sehr raschskizziren und habe einiges Glück im Treffen."
Die junge Künstlerin begann die Zeichnung undnahm dabei an der allgemeinen Unterhaltung theil, welcheWolfgang gelegentlich auf Maitland zurücklenkte, indemer sich von Melanie über dessen Besuch Bericht er-statten ließ.
„Er gab mir zu verstehen, daß er wiederkommenwolle," schloß sie ihre unbefangene Erzählung, „und ichglaubte ihm sagen zu müssen, daß er mich in meinerbisherigen Wohnung nicht mehr finden würde, sondern —"
„Theilten Sie ihm mit, daß er Sie hier treffenwürde?" fiel Wolfgang ihr besorgt in die Rede.
„Nein, Herr Baron, ich erinnerte mich des Ver-sprechens, welches ich Ihnen gegeben habe, und ant-wortete ausweichend. Durfte ich auch voraussetzen, daßSie Herrn Maitland in dieses Versprechen nicht mit ein-geschlossen hatten, so fühlte ich mich doch nicht berechtigt,eine Ausnahme zu machen."
„Daran haben Sie ganz recht gethan, FräuleinRettbergl" stimmte Wolfgang bet.
„Dieser Maitland ist ein zu großer Lebemann,"ergriff Frau von Prachwitz das Wort, „um Ihnen einvertrauenswürdiger Freund zu sein, liebe Melanie. Ichkenne ihn zwar nicht persönlich, doch steht er in demRufe, gegen Laster aller Art sehr duldsam zu sein undmit Leuten von zügellosen Sitten zu verkehren. DerBaron hat ganz Recht, Melanie, eS ist besser, Maitlanderfährt Ihren Aufenthaltsort nicht."
„Ist das Porträt bald fertig?" fragte Felicitas.
„Noch nicht," versetzte die Malerin, winkte aberlächelnd Frau von Prachwitz zu sich. „Meinen Sie,gnädige Frau, daß es ähnlich ist?"
„Ach! das ist ja ganz überraschend!" rief diesemit freudigem Ausdruck.
Felicitas wurde ungeduldig, die Skizze ebenfalls zusehen, mußte sich aber einige Minuten gedulden, bisMelanie noch ein paar Striche hinzugefügt hatte.
„Jetzt dürfen Sie kommen," sagte Melanie lächelnd,indem sie den Bleistift weglegte.
Kaum hatte Felicitas den ersten Blick auf dasBlatt geworfen, als ihre Wange die Farbe der Noseannahm. Nicht nur Wolfgangs Porträt erblickte sie,sondern auch ihr eigenes, und nicht genug, daß beidemit großer Treue wiedergegeben waren, sondern wie sieeinander anschauten, zeigten ihre Mienen den Ausdruckder innigen Zärtlichkeit, welche die Künstlerin in ihrenHerzen ahnte. Ein freudiges Lächeln verklärte Wolf-gangs Gesicht, als er das Bild ebenfalls betrachtete, undMelanie selbst schien sich des Beifalls zu freuen, derihrem kleinen Kunstwerke allseitig zu theil ward, so daßder Nest des Abends anscheinend für alle heiter verstrich.
Als der Baron gegangen war, stand Melanie auf,um sich in ihr Zimmer zurückzuziehen. Ihr Antlitz warvon einer leichten Bläffe überflogen, welche Felicitas sehrwohl verstand. Sie trat zu ihr, schlang ihren Armsanft um sie, küßte sie auf die Wange und sagte mitleiser, bewegter Stimme: „Ich glaube, Melanie, Siehaben mehr von einem Engel, als irgend eines von uns!"
Melanie drückte ihr sanft die Hand, und obwohlvon keinem der beiden Mädchen mehr ein Wort gesprochenward, fühlte doch jede von ihnen, daß sie die andereverstand.
XVIII.
Am andern Tage empfing Maitland ein Billet desBarons. „Mein lieber Maitland!" schrieb dieser, „ichhabe auf heute Nachmittag zwei Uhr den jungen Nett-berg zu mir entboten. Wollen Sie mich um diese Zeitbesuchen, damit wir ihn mit seinem künftigen Schicksalebekannt machen? Ob er freilich kommen wird, kann ichnicht ganz verbürgen, denn er hat mich schon frühereinmal auf seinen Besuch vergeblich warten lassen.
Ihr
Wolfgang v. St."
Die vom Briefschreiber gewählte Zeit paßte Mait-land schlecht. Nicht einen Augenblick lang hatte er seitgestern den Gedanken an Melanie los werden können,und wie mit tausend Magneten zog es ihn zu ihr.Gerade die Stunde, die der Baron für die Zusammen-kunft mit dem Bruder gewählt, hatte Maitland zu demBesuche der Schwester bestimmt; er hatte sie gestern umdie gleiche Zeit angetroffen, und in der leidenschaftlichenUnruhe, die ihn quälte, glaubte er schon, sie heute zuverfehlen, wenn er nicht dieselbe Stunde einhielt.
Es war ihm jedoch an einer persönlichen Begegnungmit Melaniens Bruder viel gelegen, obwohl er eine solcheam liebsten unter vier Augen gewünscht hätte.
Zur bestimmten Zeit ließ er seinen Brougham ein-spannen und fuhr zu dem Baron. Er fand ihn allein.„Wenn Ihr Schützling pünktlich wäre," bemerkte er,nach der Uhr sehend, „so sollte er schon da sein. Wiees scheint, wird er sich Ihnen auch heute nicht stellen."
„Ich habe Grund zu vermuthen," lächelte Wolfgang,