Ausgabe 
(13.7.1894) 57
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daß er einiges Verlangen trägt, mit mir ein paarWorte zu sprechen. Hören Sie? Da klopft's soebenHerein I"

Edmund Rettberg trat ein. Der Ausdruck frecherSicherheit in seinen verlebten Zügen schwand, als er sah,daß der Baron nicht allein war.

Guten Tag, Herr Rettberg," empfing ihn Wolf-gang,nehmen Sie sich einen Stuhl und lassen Sieuns über Ihre Angelegenheit reden. Kennen Sie diesenHerrn?" fügte er mit einer Handbewegung nach Mait-land hinzu.

Kann mich nicht erinnern," versetzte Nettberg miteinem mißtrauischen Blick auf Maitland, indem er zögerndPlatz nahm.

Sie kennen mich nicht, wie Sie sagen," ergriffMaitland das Wort,und doch haben Sie sich die Frei-heit genommen, meinen Namen auf einen Wechsel vonfünfzehnhundert Mark zu setzen. Wissen Sie nun, werich bin?"

Das Antlitz des Verbrechers ward erdfahl. SeinAuge wanderte zwischen der Thüre und dem Baron vonSturen hin und her, als sei er ungewiß, ob er die Hilfebei diesem oder in schneller Flucht suchen sollte.

Mein Freund hat mir das Versprechen gegeben,Sie nicht gerichtlich verfolgen zu wollen," legte sich Wolf-gang in's Mittelaber nur unter einer Bedingung."

Welche ist dies?" fragte Nettberg mit einemschlauen, lauernden Ausdruck.

Daß Sie mit der nächsten Schiffsgelegenheit nachAmerika gehen," eröffnete ihm der Baron .Für dieReisekosten werden wir Sorge tragen."

Rettberg schien etwas enttäuscht.Und was sollich da drüben anfangen?" fragte er trotzig.Soll ichdort verhungern?"

Wir beide haben Verbindungen in New-Aork," gabWolfgang znr Antwort,und es kostet uns nur einWort, um Ihnen ein anständiges Unterkommen zu ver-schaffen."

Es ist dies die einzige Möglichkeit für Sie, demZuchthause zu entgehen," ergänzte Maitland,also wüh-len Sie."

Ich habe bereits gewählt," entschied sich Rettberg,ich werde mein Glück in Amerika versuchen."

Gut," versetzte Maitland,so kommen Sie morgenum diese Zeit zu mir. Ich werde Ihnen den von mireingelösten Wechsel zeigen. Aber merken Sie sich wohl,wenn Sie sich nicht pünktlich auf die Minute einfinden,so steht morgen Abend Ihr Steckbrief in allen Zeitungen."

Maitland nannte ihm seine Wohnung und griff nachseinem Hute.Entschuldigen Sie mich, lieber Baron, "wandte er sich an Wolfgang, demselben die Hand rei-chend,aber ich habe Eile. Alles Uebrige können Sieja selbst mit diesem Herrn besprechen. Auf Wiedersehen!"

Ohne sich auch nur noch mit einem Blicke um Rett-berg zu kümmen, verließ er das Zimmer.

Kaum sah Melanie's Bruder sich mit dem Baronallein, als er rasch auf denselben zutrat.

Herr Baron", fragte er in barschem Tone,wasist aus meiner Schwester geworden? Wenn jemand dar-über Auskunft zu geben weiß, so sind Sie es."

Ihrer Schwester geht es gut," antwortete Wolf-gang mit kalter Ruhe,sie befindet sich unter sicheremSchutze."

Das heißt, unter dem Ihrigen," versetzte Rettberg

scharf,ich kann mir denken, daß Sie mir den Aufent-halt meiner Schwester nicht nennen wollen, aber als ihrBruder verlange ich, daß Sie ihr etwas Bestimmtes aus-setzen, damit ihre Zukunft' gesichert ist."

Wie?" rief der Baron aufgebracht,Sie maßensich an, sich in die Angelegenheiten Jbrer Schwester zumischen, für ihr Bestes sorgen zu wollen, nachdem Siesich alle Mühe gegeben haben, sie an einen ausschweifen-den Schurken zu verkaufen?"

Verkaufen!" wiederholte Rettberg mit erkünstelterEntrüstung.Herr von Quinna erbot sich, meiner Schwe-ster ein anständiges Jahrgeld auszusetzen, wenn es mirgelänge, sie zu seinen Gunsten zu überreden, wonicht, zeigte er mir das Zuchthaus im Hintergründe.So blieb mir gar keine andere Wahl, aber Geld hätteich unter keinen Umstünden für mich angenommen."

Ich würde Ihnen das vielleicht glauben," ent-gegnen der Baron,ich würde auch glauben, daß Leicht-sinn Sie zu der Wechselfälschung veranlaßte, um IhreGenußsucht zu befriedigen, wenn ich nicht" die fol-genden. Worte wurden mit besonderer Betonung gespro-chendie Bekanntschaft des Herrn Assessors vonMalten gemacht hätte, dessen Gewerbe mir dafür bürgt,daß ich es mit keinem Leichtfuß, sondern mit einemraffinirten Schwindler zu thun habe. Was nun IhreSchwester anlangt, so steht sie nur insofern unter mei-nem Schutze, als ick. darüber wachen werde, daß siekünftig keinen Belästigungen und Gefahren mehr ausge-setzt ist. Ein anderes Verhältniß als weine Theilnahmean ihrem Schicksale besteht zwischen ihr und mir nicht."

Hm! ich denke aber doch, ich hätte ein Recht,meine Schwester zu sehen und zu sprechen, und es seidaher nur billig, wenn Sie mir sagten, wo sie sichbefindet."

Hören Sie mich an," sagte Wolfgang gebieterisch.Nächsten Freitag geht der Bremer Dampfer ab, mitwelchem Sie die Reise nach New-Iork machen.Dieshier" Wolfgang händigte ihm einige Goldstücke einwird zur Bestreitung Ihrer Ausgaben hinreichen,so lange Sie noch in Berlin sind. Uebermorgen frühPunkt sechs Uhr erwarte ich Sie am Bahnhöfe Friedrich-straße . Sie werden in meiner Begleitung nach Bremer-haven fahren. Dort übergebe ich Ihnen auf dem Schiffseinen Brief an meinen in New-Aork wohnenden Freund,welcher für Ihr Fortkommen Sorge tragen wird, undbei dieser Gelegenheit erfahren Sie von mir auch dieAdresse Ihrer Schwester. Wenn Ihr Herz Sie dazutreibt, ihr von Amerika aus zu schreiben, so mögen Siees thun."

Bei den letzten Worten des Barons erschien unterNettberg's Ohren die längliche Falte, welche sein Lächelnzu begleiten pflegte und demselben einen überaus hämi-schen Ausdruck gab.

Nun fürwahr, Herr Baron," sagte er höhnisch,Sie haben Ihre Vorkehrungen gut getroffen, um michschnell und gründlich aus Ihrem Wege zu^ entfernen,damit Sie meiner armen Schwester gegenüber freie Handgewinnen."

Herr!" rief Wolfgang, zum höchsten Zorn gereizt,und stampfte mit dem Fuße den Boden,wagen Siees, noch ein Wort über Ihre Schwester zu sprechen, undich werfe Sie zu diesem Fenster hinaus! . . . EinesMerken Sie sich: nur meiner Fürsprache haben Sie eszu verdanken, daß Herr Maitland von der gerichtlichen