Ausgabe 
(13.7.1894) 57
Seite
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Verfolgung Ihres Verbrechens absteht. Ich verbürgemich in diesem Punkte für Ihre Sicherheit. Finden Siesich aber übermorgen nicht reisebereit auf dem Bahnhöfeein, so überlasse ich Sie Ihrem Schicksale. Und nunAdieu, mein Herr!"

Dem Baron einen Blick zuwerfend, worin Haß undRachbegierde lag, entfernte sich Rettberg.

Bald darauf ging Wolfgang aus, um Melanie vorder bevorstehenden Abreise ihres Bruders zu unterrichten.

Die süße Hoffnung, bei diesem Anlaß auch Felicitaszu sehen und zu sprechen, beschwichtigte Wolfgangs Aergerüber Rcttberg's freches Benehmen.

Er traf Frau von Prachwitz mit ihrer Nichte indemselben Zimmer, in weichem er den gestrigen Abendmit ihnen verbracht hatte. Melanie befand sich in ihremGemach. Frau von Prachwitz unterhielt sich eine Weilemit dem Baron, dann stand sie auf, um Melanie zuholen.

Felicitas fühlte ihr Herz plötzlich heftiger klopfen;sie bat die Tante, zu bleiben, sie wollte selbst gehen.Aber die gute Dame schützte eine häusliche Angelegen-heit vor, die sie ohnehin nöthige, sich auf einige Minu-ten zu beurlauben, und ließ Felicitas mit dem Baronallein.

Oefter und lebhafter als Wolfgang hatte Felicitasstets der vergangenen Tage gedacht, wo beide als Kindermiteinander gespielt. Wolfgang's Stimme in allen Tönenknabenhafter Erregung oder Zärtlichkeit hatte oft nochin ihrem Ohr geklungen, als sie schon den reiferen Jahrenentgegenwuchs; sein jugendliches strahlendes Antlitz tauchteoft im Wachen wie im Traume vor ihrem geistigen Augeauf, und zuweilen versuchte sie, sich die Veränderungenzu vergegenwärtigen, die mit ihm vorgegangen sein moch-ten, und dann fragte sie sich, wie wohl der Knabe jetztsein möge, nun er Mann geworden. Mit nicht geringerBewegung erkannte sie in dem Neiter, der so plötzlichüber den Parkzaun gesetzt kam, den Gespielen frühererTage wieder. Gar manchen Tag träumte sie seitdemvon dieser Begegnung, und als sie von seinem schwerenUnfall erfuhr, als sie an dem Schmerzenslager desFiebernden stand, da sagte ihr die namenlose Angst umsein Leben, daß sie ihn mehr liebe als irgend jemandin der Welt. Alles, was sie seitdem von ihm gehörtund gesehen hatte, war von der Art, daß die Stimmeder Vernunft nur gutheißen konnte, was die Leiden-schaft ihr einflüsterte, gegen welche sie vergebens ankämpfte.

Jetzt, wo sie sich mit Wolfgang allein sah, fühltesie eine vorher nie empfundene Bangigkeit. Beide spra-chen kein Wort. Wolfgang hatte ihr so viel zu sagen,daß er nicht wußte, wo er anfangen sollte. Dennochverlor er die kostbare Zeit in der Erwartung, daßMelanie jeden Augenblick kommen könnte.

Felicitas ahnte, was in ihm vorging; sie scheutesich, zuerst zu sprechen, denn welch' gleichgiltiges Themasie auch angeschlagen hätte, so wußte sie doch, daß ihreStimme zittern und die Aufregung ihres Innern ver-rathen würde.

Wolfgang fühlte, daß das Schweigen schon zulange gedauert habe und daß er nach einer Pause vonso feierlicher Art unmöglich von gleichgiltigen Dingenanfangen könnte. Er nahm neben der jungen Dameauf dem Sopha Platz, ergriff ihre Hand, drückte seineLippen darauf und flüsterte das Wörtchen:Felicitas!"

Die Angeredete schwieg; ihr Herz schlug stürmisch.

Was hat mir einst die kleine Lizi versprochen?"begann Wolfgang wieder.Will Felicitas es halten?Wie?"

Sie schwieg noch immer. Aber er war ihrer Ant-wort sicher, denn die Purpurgluth ihres Antlitzes ver-rieth sie ihm deutlich genug. Sie ließ es geschehen, daßer ihr schönes Haupt sanft an seine Schulter drückte undmit der Hand leise durch die reiche Fülle des raben-schwarzen Haares strich.

Er fragte sie noch einmal, ob Felicitas das Ver-sprechen Lizi's einlösen wolle, und als ein leisesJa"sich wie ein Hauch über ihre Lippen stahl, da umschlanger sie zärtlich mit seinem Arme und drückte einen Kußauf ihre schöne Stirn.

Beide hörten und sahen nichts. Sie merkten nicht,daß die Thür aufging. Melanie erschien auf der Schwelleund erblickte die Liebenden. Ihre Hand fuhr krampf-haft nach dem Herzen. Einen Augenblick stand sie wieerstarrt. Dann zog sie sich leise wieder zurück, hintersich die Thür unhörbar in's Schloß drückend.

XIX.

Edmund Nettberg fand sich bei Maitland pünktlichum die bestimmte Stunde ein.

Maitland saß an einem eleganten Schreibpult undlud seinen Gast ein, in seiner Nähe Platz zu nehmen.Dann befragte er ihn streng nach allen Umständen, diemit der begangenen Wechselfälschung verknüpft waren,schrieb seine Antworten nieder und forderte ihn auf,seinen Namen darunter zu setzen.

Rettberg fuhr zurück.

Ich will Ihnen sagen, weshalb ich dieses IhrSündenbekenntniß in Händen haben will," erklärte Matt-land in ruhigem Tone.Ich bedarf Ihrer Mithilfe,um einen bestimmten Zweck zu erreichen."

Bei diesen Worten athmete Rettberg auf.

Wenn ich diesen Wechsel der Staatsanwaltschaftvorlege," fuhr Maitland fort, indem er in seine Brust-tasche griff,so sind Sie unrettbar verloren."

Er hatte eine mit Schlangenhaut überzogene Brief-tasche geöffnet und entnahm derselben den fraglichenWechsel.

Erkennen Sie die verhängnißvolle Querschrtft wie-der?" fragte er, indem er vor Nettbergs Augen mit demFinger auf die Worte deutete:

Angenommen:

Otto Maitland."

Der Urheber dieser Schriftstücke starrte mit gieri-gem Auge auf das Papier. Oh! hätte er es doch indiesem Augenblicke den Händen, die es hielten, entreißenkönnen. Maitland schien in seiner Seele zu lesen, undein bitteres unheimliches Lächeln zuckte um seine Lippen,indem er sagte:Ein kostbarer Streifen Papier , wie?Ich werde ihn wie ein Kleinod bewahren, bis ein stär-keres Band zwischen uns besteht."

Die drei Worte, die Sie mit kunstgeübter Handdarauf gesetzt haben, liefern Sie ja vollständig in meineGewalt," fuhr er fort, den Wechsel wieder in die Brief-tasche legend;wenn ich gleichwohl darauf dringe, daßSie Ihre Generalbeichte unterzeichnen, so will ich da-durch in Ihnen daS Bewußtsein Ihrer Abhängigkeit vonmir nur verschärfen, damit ich um so sicherer bin, daßSie in der Sache, bei welcher Sie mir helfen sollen,keine falschen Karten gegen mich ausspielen. Wollen